Rund 13.000 Einwohner, kein eigener Bahnhof und ein 17 Meter hoher Aussichtsturm als größte Sehenswürdigkeit: Spiesen-Elversberg im Saarland ist die kleinste Gemeinde der Bundesliga-Geschichte. Gegen Europa-League-Teilnehmer Bayer Leverkusen (15.30 Uhr im LIVETICKER) startet heute nun das große Abenteuer auf Deutschlands größter Fußballbühne.
"Quasi überall findest du Spieler, die er begleitet hat"
Das Märchen ist kein Zufall
Im Gespräch mit SPORT1 stellt SVE-Profi Frederik „Freddy“ Schmahl klar: „Wir sind der größte Außenseiter! Das wäre ja verrückt, wenn man es nicht so sagt.“ Doch wer ist dieser Underdog eigentlich? Es ist eine Spurensuche zwischen Talententwicklung, einem Coach mit Siegermentalität – und einem dorfähnlichen Umfeld.
Ein klarer Mannschaftsplan als Grundlage zum Klassenerhalt
Während der Kader des FC Bayern einen Wert von rund 1,1 Milliarden Euro aufweist, stehen bei Elversberg mickrig anmutende 59 Millionen Euro zu Buche. „Natürlich wird in der Bundesliga eine andere Qualität an Einzelspielern auf uns zukommen“, analysiert der aus Berlin stammende Mittelfeldspieler Schmahl: „Aber ich glaube nicht, dass wir unterschätzt werden. Die eine oder andere Mannschaft weiß sicher auch, was wir draufhaben.“
Mit 64 Toren stellten die Elversberger in der vergangenen Saison immerhin die beste Offensive der 2. Liga – ein Verdienst des Kollektivs. Mit U19-Nationalmannschaftskapitän Francis Onyeka von Bayer Leverkusen, Cole Campbell von Borussia Dortmund, Maurice Krattenmacher vom FC Bayern oder Noah Darvich vom VfB Stuttgart hat man sich zur neuen Saison zudem aufregende Talente von großen Klubs geangelt.
Elversberg profitiert vom Ruf als attraktiver Entwicklungsstandort für verheißungsvolle Talente, den sich Elversberg in den vergangenen Jahren unter der Regie des jetzigen BVB-Sportdirektors Nils-Ole Book erarbeitet hat. Nick Woltemade und Paul Wanner zählen zu den Spielern, die in Spiesen-Elversberg für größere Aufgaben herangereift sind.
Im aktuellen Kader weisen allerdings nur fünf Spieler Bundesliga-Erfahrung auf. Reicht das trotz aller vielversprechenden Talente für den Klassenverbleib im Hier und Jetzt? „Auf menschlicher Ebene muss man sagen, dass es unsere größte Stärke ist, dass das Team funktioniert. Auf dem Platz macht uns aus, dass wir immer den Ansatz haben, flach hinten rauszuspielen. Und dann natürlich unser Angriffspressing, was auch schon sehr, sehr gut funktioniert hat“, sagt Schmahl.
Trainer Vincent Wagner: „Ein Gewinnertyp“
Seit gut einem Jahr sitzt der aus Thüringen stammende Vincent Wagner auf der Trainerbank der Elversberger, ein 40 Jahre alter Ex-Spieler (u.a. Rot-Weiss Essen) und früherer Gymnasiallehrer. Drei Jahre lang trainierte der frühere Duisburger und Essener Jugendcoach die zweite Mannschaft der TSG Hoffenheim, ehe er 2025 in Elversberg Horst Steffen beerbte – und seine erste hauptverantwortliche Rolle im Profifußball übernahm.
Mit dem Bundesliga-Aufstieg hat der in der Branche seit längerer Zeit als Trainerjuwel geltende Wagner sich direkt hervorgetan – aber funktioniert er auch im Oberhaus? „Er ist auf jeden Fall ein Gewinnertyp. Auch neben dem Platz probiert er immer wieder, die Spieler ans Maximum zu bringen“, sagt Schmahl über seinen Coach.
Er muss es wissen, immerhin kennen sich die beiden schon aus der gemeinsamen Zeit bei Hoffenheim II in der Regionalliga. „Man sieht die Weiterentwicklung der einzelnen Spieler: Wenn man überlegt, was wir bei Hoffenheim II für eine Mannschaft hatten und, wo einzelne Spieler jetzt spielen – manche in England in der zweiten Liga, manche in der zweiten Liga hier in Deutschland. Quasi überall findest du Spieler, die er begleitet hat. Er kann Spieler sehr gut weiterentwickeln“, sagt Schmahl.
Beispiel gefällig? Fisnik Asllani! Der Deutsch-Kosovare, dessen Marktwert derzeit auf 35 Millionen Euro taxiert wird, stammt aus der Wagner-Schule – und durchlief mit Stationen in der Jugend von Union Berlin, Sinsheim und Elversberg den gleichen Weg wie Schmahl selbst. Auch auf dessen WhatsApp-Profilbild taucht ein gemeinsamer Schnappschuss der beiden aus Elversberg auf: „Jetzt hören wir noch alle drei bis vier Wochen voneinander und telefonieren länger miteinander.“
Berlin oder Saarland? Ein gutes Umfeld hilft
Kaum verwunderlich, dass es viele der Elversberger Profis im privaten Umfeld ins rund 20 Kilometer entfernte Saarbrücken zieht. Auch Schmahl hat dort mit dem „Comame“ sein Lieblingscafé gefunden, wohnt mit Freundin Sharon unweit dessen. Doch wie eigentlich überzeugt man seine Lebenspartnerin von einem Umzug – raus aus der Weltmetropole Berlin, rein in den saarländischen Landkreis Neunkirchen?
Die Antwort ist der besondere Rückhalt der Menschen: „Das habe ich auch schon bei Union gespürt. Ich war damals Balljunge, als sie in die Bundesliga aufgestiegen sind. Da hast du diese Euphorie gespürt und das auch in der Stadt gemerkt. In Elversberg ist es noch ein Ticken doller, weil du an einem kleineren Standort bist. Hier – oder allgemein im Saarland – Bundesliga-Fußball anbieten zu können, ist der Wahnsinn.“
Harry Kane als Gegenspieler: „Da gucke ich wie ich ans Trikot komme“
Ähnlich wie beim Heidenheimer Fußballmärchen seien die Erwartungen jedoch realistisch eingeordnet: „Die Fans und die Gemeinde hier können es schon einschätzen, dass es die höchstmögliche Hürde ist, in dieser Liga zu bleiben oder zu bestehen. Für uns ist es eine Riesenchance.“
Die Chance für den Verein, sich auf der größten deutschen Fußballbühne zu beweisen. Die Chance für Coach Wagner, seinen Ruf als aufstrebendes Trainertalent zu untermauern. Und für die Einzelspieler, sich ins Rampenlicht namhafter Klubs zu spielen.
Worauf sich Schützling Schmahl besonders freut? „Auf das Spiel gegen Union Berlin. An der Alten Försterei mit meiner eigenen Mannschaft genau dort auflaufen zu dürfen, wo ich elf Jahre regelmäßig im Stadion war als Fan, das ist ein brutales Gefühl“, sagt er im Gespräch mit SPORT1 – und schiebt nach: „Und auf Harry Kane als Gegenspieler! Er ist ein unfassbarer Fußballer. Wie er als Stürmer gegen den Ball arbeitet, ist schön mit anzusehen. Da gucke ich auch, ob ich irgendwie ans Trikot komme. Aber ich denke, das wird schwierig (lacht).“