Rudi Gutendorf trank Whisky mit Salvador Allende, versöhnte im Bürgerkrieg von Botswana. Er besiegte mit Nepal das große Indien, wurde im Iran als Ungläubiger gefeuert und bei Pinochets Putsch in Chile angeschossen.
Eine deutsche Fußball-Ikone wäre heute 100 geworden
Eine Ikone wäre heute 100 geworden
Doch sein Zuhause, das betonte der Weltenbummler zeit seines Lebens, war immer Koblenz-Neuendorf. Dort also, wo heute der Rudi-Gutendorf-Weg an den wilden Hund des deutschen Fußballs erinnert, der am Sonntag 100 Jahre alt geworden wäre.
Rudi Gutendorf: 55 Trainer-Stationen auf fünf Kontinenten
Seine 55 Trainer-Stationen auf fünf Kontinenten brachten Gutendorf ins Guinness-Buch der Rekorde und später das Bundesverdienstkreuz erster Klasse. Doch richtig stolz machten Gutendorf, der am 13. September 2019 im Alter von 93 Jahren starb, seine verrückten Erlebnisse „in den dunkelsten Ecken der Erde“, wie er es einmal dem SID erzählte.
In Ruanda etwa, seiner vorletzten Station, erlebte Gutendorf 2002 Bürgerkrieg und Völkermord hautnah. „Tutsi und Hutu haben sich gegenseitig den Hals abgeschnitten. Ich habe sie am Lagerfeuer zumindest ein wenig überzeugt, dass Rache nichts bringt“, erzählte „Riegel-Rudi“, dem ein Sieg gegen das übermächtige Kenia half: „Ein Hutu hat geflankt, ein Tutsi ins Tor geköpft. Der gemeinsame Torjubel danach war der größte Erfolg meiner Karriere. Viel wichtiger, als mit Schalke ins Europapokal-Halbfinale einzuziehen.“
In 28 Ländern saß der Weltenbummler auf der Trainerbank, darunter mit Fidschi, Tonga und Samoa bei drei Nationalteams aus der Südsee. In Chile musste er wegen seiner Freundschaft zu Ex-Präsident Allende fliehen und wurde dabei angeschossen. Es blieb eine Narbe an der Unterlippe. In Australien wurde er Sportler des Jahres, in Ghana entdeckte er einen talentierten 18-Jährigen namens Anthony Yeboah.
Der berüchtigte Gutendorf-„Riegel“
Und dann erfand Rudi Gutendorf natürlich noch den berühmten „Riegel“ – jene deutsche Version des Catenaccio, mit der der damals 36 Jahre junge Gutendorf den MSV Duisburg 1965 auf Platz zwei der Bundesliga führte.
„Ich hatte Angst, dass wir direkt absteigen würden und daher gemauert. Vorne ein Stürmer, die anderen zurück – so sind wir Vizemeister geworden“, sagte Gutendorf über die Defensiv-Taktik, auf die er bis zuletzt schwor. Ein Wermutstropfen folgte, als es um den finanziellen Lohn dafür ging: „Dummerweise war der Schatzmeister halb blind und hat statt auf dem Vertrag auf der Tischdecke unterschrieben. Und hinterher gesagt, er habe ja nicht unterschrieben. Nach viel Hin und Her habe ich später meine 30 000 Mark für die Vizemeisterschaft in vielen Raten doch gekriegt“, berichtete Gutendorf 50 Jahre später der Bild.
In der Bundesliga wirkte Gutendorf später auch für den VfB Stuttgart, den FC Schalke 04, Kickers Offenbach, Tennis Borussia Berlin und den HSV.
Einen wie Rudi Gutendorf wird es wohl in der Fußball-Welt nie wieder geben. Angefangen hat alles am 30. August 1926 in Koblenz, vor 100 Jahren.
Als „Rudi Rastlos“ zur Legende
Rudi Gutendorf wurde an diesem Tag geboren, als Sohn des 1943 im Krieg gefallenen Heinz Gutendorf, der in Koblenz der erste Fahrschullehrer war und Kassenwart des Ortsteilvereins VfB Lützel. Heinz Gutendorf übertrug seine Fußball-Leidenschaft auf seine Söhne Heinz und Werner, der zu Oberliga-Zeiten einst im Tor des FC Bayern München stand.
Rudi Gutendorf spielte vor und nach seiner Einberufung und Kriegsgefangenschaft in Frankreich als Rechtsaußen für den Koblenzer Stadtteilverein TuS Neuendorf. Wegen einer Tuberkulose-Erkrankung endete seine Spielerkarriere früh, umso ereignisreicher wurde seine Vita als Trainer.
Ans heimische Koblenzer Rheinufer kam „Rudi Rastlos“ trotz allem immer wieder zurück. Und genau dort verläuft auch der ehemalige Trampelpfad, der heute als Rudi-Gutendorf-Weg an den Wanderer über fünf Kontinente erinnert.