Die Torhymne war in der BayArena gerade zum fünften Mal erklungen, da rief Xabi Alonso Sturmtalent Artem Stepanov zu sich und gab ihm letzte Instruktionen für seinen ersten Einsatz. Viel Taktik war natürlich nicht dabei. Der Spanier habe lediglich gesagt, „dass ich den Moment genießen und weiterarbeiten soll“, verriet der junge Ukrainer. Als sich die Szenerie in der 73. Minute langsam wieder beruhigt hatte, war es endlich soweit: Die Nummer 29 erschien auf der Auswechseltafel, Stepanov durfte für Patrik Schick aufs Feld.
Er erinnert schon an Haaland
Mit gerade einmal 17 Jahren, 3 Monaten und 16 Tagen löste Stepanov den heutigen Arsenal-Profi und Nationalspieler Kai Havertz als jüngsten Champions-League-Debütanten der Bayer-Geschichte ab. Dass er bei seiner Einwechslung „nervös“ gewesen sei, verhehlte er nicht, doch das sei in so einem großen Moment „ganz normal“, gab er nach dem Leverkusener 5:0-Kantersieg gegen Salzburg erstaunlich gelassen zu. „Im Moment fühlt es sich wie ein Traum an“, ergänzte der Mittelstürmer. „Ich wollte immer Champions League spielen. Ich bin sehr, sehr glücklich und zufrieden.“
An Mut und Selbstvertrauen mangelte es Stepanov aber trotz der anfänglichen Aufregung nicht. Kurz vor Schluss, als die Werkself einen Eckball zugesprochen bekam, gab er sogar schon erste Kommandos - und zwar an keinen Geringeren als Granit Xhaka. „Ich habe ihm erzählt, wo er beim Eckball stehen soll. Dann habe ich ihm gesagt, dass er gut gestanden hat. Ich habe ihm geholfen“, beschrieb er die Situation. Ein Debütant zeigt einem Leader mit 573 Vereins- und 135 Länderspielen auf dem Buckel, was zu machen ist - der kuriose Höhepunkt eines kleinen Fussballmärchens.

Weshalb Stepanov jetzt so wichtig ist
Immerhin floh der Ukrainer erst vor zwei Jahren vor dem russischen Angriffskrieg aus seiner Heimat nach Deutschland und schloss sich der Leverkusener Nachwuchsschmiede an, wo er bislang für viel Furore sorgte. In der vergangenen Saison erzielte Stepanov in der U17 in 26 Partien stolze 19 Tore, in der U19 stehen ihm in diesem Jahr nach elf Einsätzen bereits zehn Treffer und zwei Vorlagen zu Buche - mehr als hervorragende Werte für den Youngster, der im Januar 2024 mit einem Vertrag bis 2027 belohnt wurde.
Doch nicht nur wegen seiner starken Torquote ist Stepanov eine echte Erscheinung, auch seine Statur und seine Frisur tragen dazu bei: 1,92 Meter groß, lange blonde Haare, die zu einem Zopf gebunden sind, ein Stirnband - damit erinnert der bei Shakhtar Donezk ausgebildete Torjäger unweigerlich an Erling Haaland. Noch bewegt er sich zwar lange nicht in den Sphären des norwegischen Superstars, allein sein erster Profi-Einsatz zeigt aber, dass er nach dem schweren Schicksal seiner Flucht auf dem richtigen Weg ist.
Und aufgrund der angespannten Personalsituation in Bayers Offensive dürften die nächsten Bewährungsproben auch nicht allzu lange auf sich warten lassen. Mit Victor Boniface (Oberschenkelverletzung), Amine Adli (Wadenbeinbruch) und Martin Terrier (Unterarmbruch) fallen alle weiteren Optionen aus, die sonst in vorderster Spitze agieren könnten, bis zum Jahresende aus. Stepanov ist demnach der einzige gelernte Stürmer, der Schick in den kommenden Wochen entlasten und ihm die nötigen Pausen verschaffen kann.
Stepanov? „Er ist brutal bodenständig“
Bei den Teamkollegen hat Stepanov jedenfalls schon mächtig Eindruck hinterlassen. „Man sieht ja seine Statistik in der U19. Er ist noch nicht so lange in Deutschland, aber er hat sich sehr gut eingelebt und spricht gut Deutsch. Das ist für ihn sehr wichtig, dass er die Dinge versteht. Er ist brutal bodenständig und hört auch zu“, schwärmte Xhaka über den jungen Debütanten. „Für sein Alter hat er einen Riesenkörper und weiß, wie er ihn einsetzen kann. Er weiß auch ganz genau, wo das Tor steht, als Stürmer zählt das.“
Generell freut sich der Schweizer, dass die jungen Talente in der aktuellen Situation aushelfen müssen und die älteren Spieler pushen. Neben Stepanov kam gegen Salzburg auch der ebenfalls erst 17-jährige Francis Onyeka zu seinem ersten Champions-League-Einsatz, mit Ben Hawighorst saß dazu ein erst 16-jähriges Abwehrtalent auf der Bank. Drei Jungs aus einer sehr vielversprechenden Generation, die in Leverkusen eine lange Sehnsucht stillen sollen: Seit Havertz 2016 bei den Profis debütierte, hat kein Eigengewächs mehr den Sprung nach ganz oben geschafft.
Ob Stepanov auch jemand ist, der sich eines Tages in der Bundesliga durchsetzen kann, wird die Zunkft zeigen. Die Chancen auf weitere Einsatzminuten stehen derzeit aber sehr gut, vielleicht kann er schon am Samstag gegen Union Berlin die nächsten Schritte machen. Dass er Haaland ähnlich sieht, „haben mir schon einige Leute gesagt“, verriet der Ukrainer noch und bezeichnete den Stürmerstar als „Idol“. Nicht die schlechteste Orientierung für große Träume.