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Er schoss das mit Abstand umstrittenste Tor der WM-Geschichte

Er schoss das umstrittenste WM-Tor

Heute vor 60 Jahren fiel im WM-Finale von 1966 das berühmt-berüchtigte Wembley-Tor, das England gegen Deutschland zum Weltmeister machte. Schütze Geoff Hurst gab später de facto zu, dass es keins war.
Geoff Hurst war der Schütze des legendären Wembley-Tors 1966
Geoff Hurst war der Schütze des legendären Wembley-Tors 1966
© IMAGO / Kicker/Metelmann
Heute vor 60 Jahren fiel im WM-Finale von 1966 das berühmt-berüchtigte Wembley-Tor, das England gegen Deutschland zum Weltmeister machte. Schütze Geoff Hurst gab später de facto zu, dass es keins war.

Diese vermaledeiten Momente ließen Uwe Seeler einfach nicht los. Dieser Schuss, dieses Klatschen des Balles ans hölzerne Gebälk des deutschen Tores, dieser verhängnisvolle Pfiff von Schiedsrichter Gottfried Dienst.

„Ich stand hinten am Strafraum und habe genau gesehen, dass der Ball nicht hinter der Linie war“, erinnerte sich Seelers, Kapitän von damals, viele Jahre später. Der 2022 verstorbene Seeler erinnerte sich an den wohl umstrittensten Treffer der Fußballgeschichte.

60 Jahre später ist er zwar längst Folklore, aber es liefert noch immer abendfüllenden Gesprächsstoff.

Seeler verstand die Welt nicht mehr

30. Juli 1966. WM-Endspiel. Verlängerung. Es läuft die 101. Minute, als der Engländer Geoff Hurst sich ein Herz fasst und aus kurzer Distanz abzieht. Der deutsche Torhüter Hans Tilkowski ist geschlagen, der Ball prallt von der Unterkante der Querlatte zurück auf den Rasen und wird von Verteidiger Wolfgang Weber ins Aus geköpft.

Nach Rücksprache mit seinem sowjetischen Linienrichter Tofik Bachramow entscheidet der Schweizer Referee auf Tor. 3:2 für die Three Lions – die Vorentscheidung.

„Die Aufregung war bei uns allen groß. Wir wussten zuerst ja gar nicht, was los ist. Keiner von uns hat die Entscheidung auf Tor verstanden“, erzählte Seeler zum 50. Jahrestag 2016.

Während England seinen ersten – und bis dato einzigen – Titelgewinn bei einem Großereignis feiert, blieb Seeler ungekrönt.

Selbst der Schiedsrichter weiß es nicht

Über kein anderes Tor – oder Nicht-Tor – ist so ausführlich diskutiert und geschrieben worden wie über den Treffer von Wembley. Ganze Generationen redeten sich bei diesem Thema die Köpfe heiß.

Selbst der Schiedsrichter konnte im Nachgang nichts zur Aufklärung beitragen. „Ich weiß auch heute noch nicht, ob der Ball drin war. Und wenn sie mich nach 100 Jahren wieder ausgraben und ich komme auf die Welt, werde ich es immer noch nicht wissen“, sagte Dienst, inzwischen verstorben, 1995.

Torschütze Hurst, der 1998 von der britischen Königin Elisabeth II. geadelt wurde, verweigerte lange jegliche Äußerung zu den entscheidenden Sekunden. Dann schrieb er ein Buch mit dem Titel „1966 and all that“. „Die Deutschen glaubten aufrichtig, dass der Ball die Linie nicht überschritten hatte. Nachdem ich immer wieder alle Argumente gehört und die Zeitlupe hunderte Male gesehen habe, muss ich einräumen, dass es aussieht, als hätten sie Recht“, erklärt Sir Geoff Hurst darin.

Um jedoch nicht als Verräter zu gelten, ließ der heute 84 Jahre alte Hurst einen kleinen Zusatz folgen: „Sofern nicht jemand das Gegenteil beweist, stimme ich mit den Herren Dienst und Bachramow überein.“

Seeler: „Die wissen schon, dass der Ball nicht drin war“

In der heutigen Welt der Torlinientechnik und des Videobeweises wäre – trotz aller neuen Probleme, die die Methoden mit sich bringen – der Mythos Wembley so nicht mehr denkbar. Im Nachhinein versuchten Forscher aber auch, den Fall von damals anhand der TV-Bilder mit modernen Mitteln aufzuklären: Wissenschaftliche Untersuchungen erbrachten dabei das Ergebnis, dass der Ball 1966 nicht mit vollem Umfang hinter der Linie war.

Und trotzdem behaupteten viele der englischen Weltmeister von damals beharrlich das Gegenteil – offiziell zumindest. Seeler berichtete 2016 von Treffen mit damaligen Gegenspielern wie Hurst, Bobby Charlton (2023 verstorben) und Jack Charlton († 2020); in denen „schon alle ein bisschen“ wissend gelacht hätten: „Die wissen schon genau, dass der Ball nicht drin war. Die haben das ja auch gesehen.“