Als plötzlich nur Réthy zu sehen war
Béla Réthy erlebt bei der EM 2008 eine ganz besondere Übertragung. Die Kommentatoren-Legende erzählt Jahre später vom Stromausfall beim deutschen Halbfinale - und was danach passierte.
Obwohl Deutschland am 25. Juni 2008 gegen die Türkei den Einzug ins EM-Finale klarmachte, rückte das Spielgeschehen im Nachgang in den Hintergrund. Stattdessen dominierte nach der Partie heute vor 18 Jahren ein berühmter Sport-Kommentator die Titelblätter.
Am Tag nach dem 3:2-Sieg in Basel waren in vielen Zeitungen 2008 nicht nur die Torschützen Bastian Schweinsteiger, Miroslav Klose oder Philipp Lahm groß abgedruckt, sondern auch ZDF-Kommentator Béla Réthy.
„Ich bin zum FrühÂstück gegangen und sah mein Gesicht überdÂiÂmensional groß in der ZeiÂtung“, erinnerte sich Réthy, der nach der WM 2022 in den Ruhestand ging, 2023 bei 11Freunde.
Genauer genommen: das StandÂbild mit Réthys PorÂträtÂfoto, das die TV-Zuschauer mehÂrere Minuten lang sahen. Doch was war passiert?
Stromausfall bei EM-Halbfinale: ZDF-Bild weg
In der zweiten Hälfte kam es plötzlich zum Stromausfall: Das Bild der ZDF-Übertragung war weg, die Fernsehzuschauer konnten Réthy nur noch hören, nicht aber das Geschehen auf dem Platz verfolgen.
„Ich merkte, dass an unserem Tisch plötzÂlich Unruhe bei meinem RedakÂteur Martin Schneider aufkam. Das war sehr ungeÂwöhnÂlich für ihn, Martin ist eigentÂlich die Ruhe in Person. Es war also klar, dass irgendÂetwas nicht stimmte“, erzählte Réthy. Als Allerletzter habe er dann die Info aufs Ohr bekommen: „StromÂausÂfall, wir haben kein Bild.“
Zwar war es an diesem Tag in Basel sehr schwül, vereinzelt waren auch Blitze zu sehen. Doch die Ursache für den Ausfall lag in Wien, wo die Bilder von der UEFA zentral gesteuert wurden – und es an diesem Abend ein starkes Gewitter gab.
„PlötzÂlich waren also alle TV-StaÂtionen in Europa betroffen, nicht nur wir beim ZDF. Die BildÂschirme wurden dunkel“, sagte Réthy.
Réthy wird zum Radioreporter
Der Kommentator erklärte den Zuschauern daraufhin, „was los war, und stellte auf RadioÂreÂporÂtage um. Mir kam diese Zeit ewig lang vor, fast wie eine VierÂtelÂstunde. EigentÂlich waren es nur knapp sieben Minuten. Doch auch beim Ton gab es techÂniÂsche ProÂbleme.“
Das Audiosignal brach immer wieder ab, sodass es wirkte, als würde Réthy Sprechpausen machen.
„Wir beim FernÂsehen sollen viele SprechÂpausen machen, beim Radio ergibt das aber gar keinen Sinn. Dafür konnte ich also nichts, wurde dafür in der Folge denÂnoch kräftig kriÂtiÂsiert“, schilderte er.
Réthys „grober Patzer“
Allerdings unterlief Réthy auch ein wirklicher Fehler: „Ich habe zwar erzählt, was auf dem Platz pasÂsiert. Aber habe völlig verÂgessen zu erklären, wo genau. Ich habe die Szenen nicht verÂortet.“
Die Zuschauer am Bildschirm wussten daher zwar, wer am Ball war – aber nicht, ob in der eigenen Hälfte oder im gegnerischen Strafraum.
„Und das ist im Radio, oder in meinem Fall im FernÂsehen, wenn das Bild streikt, natürÂlich ein grober Patzer“, gab Réthy, der es von seinen jahrelangen TV-Übertragungen schlichtweg nicht gewohnt war, zu.
„Das war unsere größte Angst“
Immerhin passierte während des Bild-Blackouts relativ wenig: „Die Türken waren gut, DeutschÂland tat sich schwer. Aber Chancen gab es keine. Und zum Glück auch kein Tor. Das war unsere größte Angst.“
Ein Techniker des ZDF löste schließlich nach einigen Minuten das Problem – mit der Hilfe des Schweizer Fernsehens, das mit einem Übertragungswagen vor Ort und nicht auf die UEFA-Bilder angewiesen war.
„Der TechÂniker hat das Signal gefunden, angeÂzapft und beim ZDF ins ProÂgramm geworfen“, erklärte Réthy: „Das Bild war endÂlich wieder da, wir waren natürÂlich erleichtert. Doch die ProÂbleme waren noch nicht vollÂständig behoben.“
Réthys Ton kommt vor dem Bild an
Denn Réthys Kommentar – live via Telefon – kam vor dem Bild in den deutschen Wohnzimmern an.
„Als Philipp Lahm in der 79. Minute also von der linken Seite aus flankte, verÂkünÂdete ich schon das KopfÂballtor von Miroslav Klose zum 2:1, obwohl der Ball noch durch die Luft segelte“, sagte der Journalist, der anschließend nach Lotto- oder Wetterprognosen gefragt wurde: „Mit HellÂseÂherei hatte das aber nichts zu tun. SonÂdern mit Technik.“
Weißbier im Garten: „Die Sache damit abgehakt“
Insgesamt habe er „die ganze SituaÂtion als gar nicht so draÂmaÂtisch wahrÂgeÂnommen. Wir haben damals in FreiÂburg im Hotel gewohnt, sind nach Abpfiff dorthin zurückgeÂfahren, saßen im Garten und haben noch WeißÂbier getrunken.“
Für ihn sei „die Sache damit abgeÂhakt“ gewesen. „Doch am nächsten Morgen war der Teufel los! Da war ein Team von RTL Aktuell, das mit mir spreÂchen wollte. Spiegel Online rief mich für ein InterÂview an“, sagte der heute 68-Jährige.
Schalte zu Kahn, der Pasta aß
Etwas Vergleichbares erlebte Réthy dann bei der EM 2012. Beim Duell zwischen Gastgeber Ukraine und Frankreich „gewitÂterte und regÂnete es derart stark, dass die Partie für 56 Minuten unterÂbroÂchen werden musste. Und dann haben wir mit nur einer Kamera und BilÂdern von den RegenÂfällen und MenÂschen, die sich vor ebenÂjenen in SicherÂheit bringen, knapp eine Stunde lang durchÂkomÂmenÂtiert.“
ZDF-Reporter Sven Voss durfte nicht in seinen zugewiesenen Bereich am Rasen und konnte daher nicht helfen, „also redete und redete ich“.
Réthy: „Und erzählte, dass wir am VorÂabend tolle Steaks in einem netten georÂgiÂschen Lokal gegessen haben. Ich erzählte von den vielen Mücken vor Ort. Wir schalÂteten Urs Maier zu, später sogar noch Oliver Kahn, der gerade auf Usedom war und Pasta aß. Keine Ahnung, wie wir die Zeit rumÂbeÂkommen haben. Aber irgendwie hat es geklappt.“
Kahn hatte 2008 seine aktive Fußballer-Karriere beendet und stieß nach der EM 2008 als Experte zum ZDF. In dieser Rolle war er vier Jahre später bei der Europameisterschaft 2012 an der Seite von Katrin Müller-Hohenstein im Einsatz – am Ostseestrand in Usedom.