In dem Moment, als die Partie bei Hertha noch einmal spannend hätte werden können, nahm Daichi Kamada das Heft des Handelns in die Hand. Der Japaner in Diensten von Eintracht Frankfurt führte den Ball gewohnt elegant durch das Mittelfeld und setzte Rafael Borré in Szene, der zum 4:1 vollendete. Der Deckel war drauf auf einer einseitigen Begegnung, die Hessen gingen als Sieger vom Platz.
Europa League, Eintracht Frankfurt: Daichi Kamada muss viel Kritik einstecken
Das Kamada-Rätsel
Und Kamada? Der fand eine erste Antwort in für ihn äußerst schwierigen Wochen. Obwohl der 25-Jährige bereits seinen 46. Scorerpunkt im 116 Pflichtspiel beisteuerte, steht er im Umfeld und bei Beobachtern immer wieder in der Kritik. Trainer Oliver Glasner platzte zuletzt ebenfalls der Kragen.
Der Österreicher nahm Kamada in Köln nach Einwechslung kurz vor Schluss wieder vom Platz und faltete ihn nach Abpfiff noch auf dem Feld zusammen. Es ist das „Kamada-Rätsel“ in Frankfurt. (NEWS: Alle aktuellen Infos zur Bundesliga)
Dabei braucht die Eintracht in dieser Phase einen starken Kamada. In der vergangenen Saison war der Nationalspieler mit 15 Assists drittbester Bundesliga-Vorbereiter hinter Thomas Müller (21 Assists) und Filip Kostic (17).
Vor allem in der Europa League, die für die Hessen im Achtelfinale bei Real Betis Sevilla (Europa League: Real Betis - Eintracht Frankfurt, ab 18.45 Uhr im LIVETICKER) weitergeht, performt er konstant auf Top-Niveau. 2019/20 war Kamada „Mister Europa League“ mit sechs Treffern und zwei Assists, auch in dieser Spielzeit jubelte er schon dreimal auf internationalem Parkett.
Kamada im Umfeld häufig in der Kritik
Glasner sagte noch vor dem Spiel gegen Hertha: „Daichi hatte zuletzt Pech. Vor dem Spiel gegen München ist er im Training an den Pfosten gerutscht und hat am nächsten Tag noch einen Schlag draufbekommen. Daichi ist aber sehr engagiert, er hat die Qualität für den letzten Ball.“
Dennoch sind die von Außenstehenden geäußerten Vorwürfe schnell vorgetragen: Er lasse den Kopf zu schnell hängen, agiere lustlos, wenn es nicht laufe und habe in diesen Situationen die falsche Körpersprache.
Im Gespräch mit der Hessenschau gab er damals einen seiner wenigen Einblicke ins Innere:
„Ich kam vor fast fünf Jahren nach Frankfurt. Ich wohne mit meiner Familie hier und wir fühlen uns wohl. Ich weiß allerdings selbst, dass ich fußballerisch gesehen von den Fans nicht ganz so geliebt werde. Aber das ist eine andere Sache. Mit den Teamkollegen ist das Verhältnis gut, aber von Außenstehenden werde ich nicht so geliebt. Trotzdem fühle ich mich sehr wohl in Frankfurt.“ (DATEN: Ergebnisse und Spielplan der Bundesliga)
Kamada treffen die Vorbehalte des Umfelds
Wie SPORT1 weiß, treffen Kamada die Vorbehalte. Der Familienpapa ist eigentlich voll angekommen in der Mainmetropole. Er ist ein eher introvertierter Typ, der wenig von sich preisgibt. Aber Kamada spürt die Skepsis ihm gegenüber. Seine Eltern in der japanischen Heimat übersetzen die deutschen Berichte und fragen häufiger nach.
Warum scheiden sich an Kamada die Geister? Der Kreativkopf ist keiner, der in den Spielen unnötige oder verschenkte Meter macht. Kamada wartet auf die richtigen Momente, bewegt sich dann als „Raumdeuter“ zwischen den Linien und sucht mit wendigen Bewegungen den schnellsten Weg zum Tor. Ihn wurmt es aktuell, dass er nicht mehr annähernd an die Topwerte der vergangenen Saison heranreicht.
Trainerwechsel zu Glasner war eine Umstellung
Doch auch für Kamada bedeutet der Trainerwechsel von Adi Hütter zu Glasner eine Umstellung. Das Training hat sich verändert, auch die Anforderungen. Kamada arbeitet inzwischen noch mehr, er hat seine Zweikampfquote von 42 Prozent gewonnener Duelle auf 46 Prozent gesteigert.
War er 2020/21 aber mehr auf der halbrechten Spielmacherposition unterwegs, so ist er nun eher auf der die halblinke Spur gerückt. Dort setzte er häufig schon Filip Kostic gewinnbringend in Szene, initiierte in der starken Phase vor Weihnachten (sechs Siege in sieben Partien) viele Angriffe.
Dies will Kamada auch in den jetzt anstehenden englischen Wochen wieder vermehrt packen. Er freut sich auf diese Phase, wenn Spiel auf Spiel kommt und weniger Zeit auf dem Trainingsplatz verbracht wird.
Zukunft von Kamada offen
Ob Kamada auch über den Sommer hinaus für die Eintracht tätig sein wird? Das ist noch komplett offen. Sein Vertrag läuft im Juni 2023 aus. Sportvorstand Markus Krösche möchte ungern in dieser Konstellation in die nächste Spielzeit gehen.
Kamada träumt von Einsätzen in der Champions League. Mit den Frankfurtern wird dieses Ziel zumindest in diesem Sommer nicht zu erreichen sein. Die Eintracht ist ihrerseits auf Transfererlöse angewiesen. Ob sich die Wege trennen? Es wäre das Ende einer Beziehung, die trotz vieler Torbeteiligungen bisher nie wirklich innig wurde.