„Ich war nie die obercoole Socke, konnte das aber gut vorspielen.“ Das sagt Nadine Angerer über ihre Gefühlswelt rund um Spiele. Diese Herangehensweise hat sie weit gebracht, schließlich gilt die Ex-Keeperin als eine der besten deutschen Torhüterinnen der Geschichte.
"Werden das Niveau der Männer erreichen" - Torwart-Ikone im Interview
„Es wird kein Zurück mehr geben“
Inzwischen arbeitet Angerer als Torwarttrainerin für die Schweizer Frauennationalmannschaft. Im exklusiven Gespräch mit SPORT1 spricht die 47-Jährige über Authentizität, Druck, Homosexualität als Normalität – und über einen Frauenfußball, für den es kein Zurück mehr gibt.
SPORT1: Frau Angerer, viele kennen Sie als Weltklasse-Torhüterin – ab dem 14. Januar stehen Sie mit Ihrem Soloprogramm „Ecken & Kanten“ auf der Bühne. Warum gerade der Name?
Nadine Angerer: Der Titel ist auf mein Leben bezogen. Es lief nicht alles gerade von A nach B, sondern ich habe jeden Umweg mitgenommen und bin auch oft angeeckt. Deswegen haben wir das Programm „Ecken und Kanten“ genannt. Es ist kein typisches Kabarett oder eine Comedy-Show. In jeder Stadt gibt es einen Überraschungsgast. Jeder Gast hat eine andere Geschichte, auf die ich eingehen will, mit anderen Schwerpunkten. Oft sind es Weggefährten oder Weggefährtinnen. Mich würde es freuen, wenn die Leute lachen - klar. Aber ich würde mich auch freuen, wenn die Leute nach Hause gehen und denken: ‚Wow, das kann ich auch für mein eigenes Leben gebrauchen.‘
SPORT1: Wird es nur lustig oder auch nachdenklich?
Angerer: Nicht nur lustig. Ich glaube, es wird auch zum Nachdenken anregen. Im Prinzip muss man sich das so vorstellen: Ich gehe mit einer Freundin abends in eine Bar, und wir reden über das Leben. Es geht nicht nur um Fußball, sondern auch um mentale Themen, vielleicht um Probleme nach der Karriere, etwa wenn es um eine Identitätskrise geht. Die Gäste kommen aus dem Sport, aus dem Frauenfußball. Bei einem Gast geht es zum Beispiel um das Thema Scheitern.
„Ich finde Woltemade außergewöhnlich“
SPORT1: Was sind denn Ihre Ecken und Kanten? Gibt es eine Ecke oder Kante, die Sie heute bereuen?
Angerer: Ja und nein. Heute, wo ich mein Gehirn vielleicht ein bisschen öfter benutze als früher, sage ich schon, ich hätte ab und zu etwas mehr Diplomatie walten lassen können. Aber ich habe niemandem etwas vorgespielt, bin immer mit der Tür ins Haus gefallen. Ich war immer authentisch – und bleibe es auch.
SPORT1: Sind Sie ein Fan von Leuten wie Mario Basler, Stefan Effenberg oder Ansgar Brinkmann – also von Charakteren, die unbequem, aber authentisch sind?
Angerer: Nein! Ich bin kein Basler-Fan, das muss ich ganz ehrlich sagen. Er provoziert bewusst. Ich bin ein Fan von Charakteren, die das Team und nicht sich selbst in den Vordergrund stellen. Ich finde Woltemade außergewöhnlich. Er ist ein Typ, unterscheidet sich in seinem Stil, wohnt in einer WG – und so etwas mag ich. Bei ihm spürt man die Lust auf Fußball, auf das Team, auf Neues und auch auf das Ausland. Und er liefert ab. Ich mag nicht den 200.000sten Spieler, der Copy-and-paste ist.
SPORT1: 2013 wurden Sie als erste Deutsche Europas Fußballerin des Jahres, 2014 als erste Torhüterin überhaupt Weltfußballerin des Jahres. Wann haben Sie selbst realisiert, welche historische Bedeutung das hatte?
Angerer: Gar nicht. Ich war in Australien, saß am Strand in Brisbane und dachte: Was ist jetzt los? Mein Handy explodierte. Damals hatte ich mich tatsächlich gegen Marta (brasilianische Fußballspielerin, d. Red.) und Abby Wambach (ehemalige Fußballspielerin und heutige Trainerin, d. Red.) durchgesetzt. Ich flog von Dubai über Frankfurt nach Zürich, direkt zu dieser Gala. Ich hatte nicht mal eine Rede vorbereitet, war komplett übermüdet und dachte mir: Was geht hier gerade ab? Am Tag darauf bin ich zurückgeflogen. Ich wusste nicht mehr, wo ich bin.
Warum Angerer heute entspannter ist
SPORT1: Sie wirken bewusst anders als viele im Fußballbusiness, sind aber trotzdem weiterhin dort tätig und trainieren Torhüterinnen in der Schweiz. Nervt Sie das Geschäft nicht trotzdem?
Angerer: Ich ziehe mich da ganz gut raus. Ich mache meinen Job, weil ich ihn über alles liebe. Vieles geht an mir vorbei. Ich glaube, das ist eine gewisse Entwicklungsreife. Ich halte mich aus vielen Dingen einfach raus, bei denen ich wenig verändern kann. Meine Energie stecke ich lieber in meine Torhüterinnen. Heutzutage bin ich da entspannter.
SPORT1: Warum ist Ihnen diese normale, ehrliche Authentizität so wichtig?
Angerer: Ich kann nicht anders. Ich bin in einer Familie aufgewachsen, in der es keinen Streit gab und niemand degradiert wurde, sondern ehrliche Meinungen – ohne abwertend zu sein. Nach dem Motto: Ich mag dich trotzdem, auch wenn ich anderer Meinung bin. Viele verstellen sich heutzutage total, um ihren eigenen Vorteil zu haben.
Wie Angerer zur Führungsspielerin wurde
SPORT1: Glauben Sie, dass Sportlerinnen zu selten ihre eigene Geschichte erzählen – jenseits von Medaillen und Titeln?
Angerer: Früher hatten wir mehr Typen, bei denen ich mir gewünscht hätte, dass sie ihre Geschichten aufschreiben. Aber nichtsdestotrotz haben wir bei den Frauen immer noch tolle Charaktere. Ich verstehe, dass man sich gewissen politischen Mechanismen unterwerfen muss. Trotzdem würde ich mir wünschen, dass sich mehr Charaktere durchsetzen – und dabei trotzdem erfolgreich sind.
SPORT1: Gibt es den einen Moment in Ihrer Karriere, der Sie bis heute am meisten prägt?
Angerer: Nein. Natürlich die WM 2007, weil es mein erstes Turnier war. Das Finale gegen Brasilien war krass. Da schaute ich nach drei Minuten auf die Stadionuhr und dachte mir: „Wie soll ich noch 87 Minuten überstehen?“ Eine andere Rolle hatte ich 2013, als wir mit einem halben Kindergarten nach Schweden geflogen sind. Es gibt nicht den einen Moment. 2007 war ich froh, dass ich alle meine Mitspielerinnen hatte, die für mich da waren und mich getragen haben. 2013 musste ich für die jüngeren Spielerinnen da sein.
SPORT1: Torhüterinnen stehen oft weniger im Rampenlicht als Feldspielerinnen. Wenn eine Torhüterin einen Fehler macht, ist es meistens ein Tor. Hat Sie das eher angespornt oder manchmal auch frustriert?
Angerer: Ich war nie die obercoole Socke, konnte das aber gut vorspielen. Ich war eine gute Schauspielerin. Vor Spielen war das manchmal das Schlimmste: Mental war ich ein Wrack und dachte mir: „Oh Mann, kann ich nicht einen normalen Beruf haben?“ Dieser Druck, dieses Loser-oder-Winner-Gefühl. Doch sobald ich draußen beim Aufwärmen war – und auch während der 90 Minuten –, konnte ich mich komplett fokussieren und konzentrieren. Das war meine Stärke. Nach dem Spiel war ich fast tot. Oft habe ich aus Angst gespielt, keinen Fehler zu machen.
„Torhüterinnen waren das Stiefkind“
SPORT1: Sie galten schon früh als mitspielende Torhüterin – ein Stil, der später oft mit Manuel Neuer verbunden wurde. Hatten Torhüterinnen lange Zeit weniger Anerkennung für taktische Innovationen?
Angerer: Wir hatten gar keine Anerkennung. Das hat erst in den vergangenen Jahren angefangen. Da hat sich das Torwartspiel bei den Frauen endlich verbessert. Davor wurde die Position der Torhüterin sehr stiefmütterlich behandelt. Da gab es so ein Denken: „Wer kann ein bisschen schießen? Nimm mal die Torhüterin.“ Oft gab es nur ehrenamtliche Trainerinnen. Bei Bayern, Lyon oder Chelsea zum Beispiel gibt es heute hauptamtliche Torhütertrainerinnen. Wenn du nicht auf diesem Niveau trainierst, schaust du bei einer WM schlecht aus. Jetzt bin ich froh, dass die Torhüterinnen die Möglichkeit haben, auf einem gerechten Niveau zu trainieren.
SPORT1: Was versuchen Sie jungen Torhüterinnen heute als Trainerin in der Schweiz vor allem mitzugeben – technisch, aber auch mental?
Angerer: Ich bin eine Technik-Fanatikerin. Ich bin sehr locker im Training. Meine Torhüterinnen dürfen Fehler machen. Ich weiß auch genau, in welcher Phase sie gerade sind. Sie brauchen mir nichts vorzuspielen. Das Wichtigste ist, eine Umgebung zu kreieren, in der man sich auch mal verletzbar zeigen kann. Fehler passieren, das ist einfach so.
SPORT1: Wenn Sie den Frauenfußball heute mit Ihrer aktiven Zeit vergleichen: Wo sehen Sie die größten Fortschritte – und wo die größten Baustellen?
Angerer: Die größte Baustelle ist natürlich das liebe Geld. Die Begebenheiten haben sich enorm verbessert, vor allem bei den Topklubs wie Bayern und Wolfsburg, Chelsea oder in den USA. Da ist alles sehr professionell geworden, das ist wirklich top. Dort bekommen die Spielerinnen auch neben dem Platz jegliche Unterstützung, was Physios, Krafttraining und Ernährung angeht.
SPORT1: Das klingt erst einmal sehr positiv ...
Angerer: Das betrifft aber noch nicht alle Ligen, sondern nur einzelne Klubs. In manchen Vereinen müssen die Spielerinnen noch nebenbei arbeiten gehen. Die Vereine haben aber begriffen, dass das Interesse extrem gestiegen ist. Und viele Investoren haben kapiert, dass es sich lohnt, in den Frauenfußball zu investieren. Michele Kang hat sich zum Beispiel den Verein Washington Spirit gekauft. Es ist nicht mehr aufzuhalten. Es wird richtig gut werden. Wir werden das Niveau der Männer erreichen.
Auf dem Weg zur Gleichberechtigung
SPORT1: Das zentrale Thema im Frauenfußball ist Equal Pay. Was bedeutet dieser Begriff für Sie persönlich – Gerechtigkeit, Anerkennung oder wirtschaftliche Notwendigkeit?
Angerer: Wenn man die meisten Spielerinnen fragt, dann wollen die meisten von ihnen die gleichen Bedingungen wie die Männer. Equal Treatment ist das Größte. Equal Pay wird automatisch passieren. Ich bin froh, dass die USA da Vorreiter sind. Viele Nationen ziehen nach. Australien und Norwegen haben Equal Pay.
SPORT1: Kritiker argumentieren oft mit Marktwerten. Was entgegnen Sie Menschen, die sagen: Der Frauenfußball erwirtschaftet eben weniger?
Angerer: Wie war es denn vor 40 Jahren bei den Männern? Der Frauenfußball ist ja 40 oder 50 Jahre jünger als der Männerfußball. Der Frauenfußball ist endlich da - und es wird kein Zurück mehr geben. Niemals. Wer jetzt investiert, ist sehr schlau.
SPORT1: Spüren Sie eine besondere Verantwortung gegenüber der nächsten Generation?
Angerer: Ja. Es ist wichtig, laut zu sein und der neuen Generation einen Platz zu hinterlassen, der besser ist als der, den wir vorgefunden haben. Dafür bin ich immer bereit zu kämpfen. Die junge Generation soll keine Hindernisse mehr haben, den Sport, den sie lieben, professionell ausüben zu können.
„Vielleicht sind wir Frauen beim Outing etwas cooler“
SPORT1: Warum ist Homosexualität im Männerfußball im Gegensatz zu den Frauen immer noch so ein großes Tabu-Thema?
Angerer: Gute Frage. Ich war noch nie in einer Männerkabine. Ich wünsche mir natürlich, dass sich schwule Fußballer outen. Aber ich bin nicht im Männer-Alltag drin. Von außen ist es immer leicht zu sagen, sie müssen sich outen. Ich glaube, es ist wichtig, dass man einen Verein hat, der hinter einem steht, und Mitspieler, die hinter einem stehen. Jeder sollte individuell für sich entscheiden. Ich würde niemanden verurteilen, der sich nicht outet, und jeden unterstützen, der sich outet. Denn so einfach, wie man es von außen sagt, ist es nicht. Vielleicht sind wir Frauen beim Outing etwas cooler. Aber das Publikum ist auch ein anderes als bei den Männern.
SPORT1: Was sollten junge Fußballerinnen lernen, was Sie selbst erst spät gelernt haben?
Angerer: Ich wollte gerade sagen, laut zu sein – aber ich war immer laut. (lacht) Man kann durchaus Forderungen stellen und selbstbewusst auftreten. In einem gesunden Maß und ohne Überheblichkeit für die Sache kämpfen.