Seit mehr als zehn Jahren ist Jasmina Covic als Beraterin im Fußball der Frauen tätig. Die Inhaberin der „Women’s Football Agency“ weiß, dass es bei Transfers oft um weit mehr als ein neues Arbeitspapier geht. Auch deshalb nimmt der Wettbewerb um die Top-Spielerinnen zu.
Beraterin Jasmina Covic: "Der Kampf um Spielerinnen ist enorm geworden"
Fall Freigang? Das sagt ihre Beraterin
Im SPORT1-Interview teilt die Unternehmerin Informationen aus der Branche und spricht auch über den harten Konkurrenzkampf unter den Agenturen.
Der Frauenfußball ist im Aufwind
SPORT1: Aktuell wird der Fußball der Frauen stark über Zahlen erzählt: Ablösesummen, Zuschauenden-Rekorde und so weiter. Was wird damit bezweckt?
Jasmina Covic: Man versucht – und das finde ich auch richtig – diesen aktuellen Auftrieb zu promoten. Das ist übrigens kein neues Phänomen: So hat man es bei den Männern vor 20 Jahren auch gemacht. Man möchte den Aufschwung, das Wachstum sichtbar machen. Der Frauenfußball entwickelt sich gerade extrem: Transfers mit Ablöse nehmen zu, die Summen schießen in die Höhe. Es ist wichtig, diese Zahlen zu veröffentlichen, weil sie zeigen: Hier passiert etwas.
SPORT1: Muss man nicht aufpassen, dass dabei strukturelle Themen aus dem Blickfeld geraten, weil alle sich ein bisschen an den Zahlen berauschen?
Covic: Die Transfersummen funktionieren als Erzählung einfach gut. Nicht umsonst gibt es ganze TV-Shows dazu, weil es spannend ist: Wer verdient mehr, wo liegt der nächste Rekord? Zu wissen: „Ich bin gerade der teuerste Transfer!“, ist ein krasses Gefühl. Das sollen Spielerinnen spüren dürfen. Gleichzeitig ist klar, der Großteil ist von diesen Summen bei Transfers oder Gehältern weit entfernt. Paradox ist, wenn kleinere Vereine in der italienischen Liga heute teilweise 20 bis 30.000 Euro im Monat zahlen – und einige Bundesligisten sich schwer tun mit 3.000 Euro im Monat. Diese strukturellen Themen dürfen nicht hinten runterfallen.
Goldgräberstimmung? „Wissen wir in zehn Jahren“
SPORT1: In Bezug auf die vielen neuen Agenturen im Fußball der Frauen ist neuerdings von einer Goldgräberstimmung die Rede. Aber die sind weitergezogen, wenn ein Gebiet erschöpft war. Wird das hier auch passieren?
Covic: Das wissen wir in zehn Jahren. Aber ich nehme schon Leute wahr, die sich nie dafür interessiert haben, hier etwas zu entwickeln. Und die werden meines Erachtens auch als erstes wieder weg sein, wenn es mal eine Zeit lang nicht so läuft.
SPORT1: Woher kommen die vielen Agenturen, die neuerdings um die Frauen werben? Alle aus dem Männerfußball – oder sind es eher Neugründungen?
Covic: Mit meiner Plattform für Frauenfußball „The Rise Of Women’s Football“ haben wir dazu eine Auswertung gemacht und mittlerweile sind über 300 Agenturen in den Top-Fünf-Ligen aktiv. Manche kommen aus dem Männerfußball, einige wurden neu gegründet und teils haben die mit bisherigem Fokus auf Männer solche für Frauen aufgekauft, ähnlich wie bei Vereinen.
SPORT1: Berater*innen müssen von der FIFA lizenziert sein, längst nicht alle, die am Markt unterwegs sind, haben aber eine Lizenz. Wie ist das möglich?
Covic: Das ist ein schwieriges Thema. Das System lässt da bisher einiges zu, beispielsweise, dass Leute die Verträge für Spielerinnen aushandeln und dann unterschreibt eben jemand, der eine Lizenz gemacht hat. Wenn in der Agentur eine Person zeichnen kann, reicht das dem einen oder anderen. Oder man bezahlt einen externen Berater.
„Da passen Invest und Ertrag noch gar nicht zusammen“
SPORT1: Finden Sie eine Lizenz als Standard sinnvoll? Und wie bewerten Sie sie inhaltlich?
Covic: Eine vorgeschriebene Lizenz finde ich wichtig. Aber aktuell stellt sie keine Qualifizierung dar, sondern sorgt nur dafür, dass es überhaupt ein Einstiegskriterium gibt. Die Prüfung hat es in sich. Allerdings haben die Fragen mit dem Beraterjob wenig zu tun. Das ist eher ein Test für Vereinsmanager, die Registrierungen für Spielerinnen machen.
SPORT1: Beim Transfer von Top-Spielerinnen steht allein der Sport im Fokus, generell gibt es viele Themen neben dem Platz, die beim Wechsel auch wichtig sind, wie Job oder Studium. Die aufwändigeren Transfers sind insofern nicht die lukrativsten, oder?
Covic: Das ist tatsächlich so. Beim Wechsel von Top-Spielerinnen fallen oft weniger Themen an. Durch die Einnahmesituation im Fußball der Frauen muss darunter aber auch neben dem Platz viel passen. Die Erwartungshaltung an Beraterinnen nimmt zu, gerade bei jüngeren Spielerinnen – und durch die Eltern. Da passen Invest und Ertrag noch gar nicht zusammen. Aber man baut natürlich Beziehungen auf, auch in der Hoffnung, dass sich das auszahlt. Mir geht es vor allem um Vertrauen und Kontinuität. Wenn diese Basis in der Zusammenarbeit stimmt, kann Großes entstehen.
Harte Konkurrenz in der Beratungsbranche
SPORT1: Gleichzeitig gilt in Deutschland aber, anders als beispielsweise in England, keine vertragliche Exklusivität. Wenn Sie eine Spielerin über Jahre betreuen, schützt Sie kein Vertrag der Welt davor, dass sie plötzlich weg ist. Würden Sie sich da Änderungen wünschen?
Covic: Absolut. Ich habe es zuletzt bei einem Kollegen erlebt, der die Transfers mit zwei wichtigen Spielerinnen so gut wie durchhatte. Dann wurden sie ihm abgeluchst und der Neue hat die Wechsel zu Ende gebracht. Das hat mich ehrlicherweise schon geschockt, weil du letztlich Gefahr läufst, viel Arbeit zu investieren, die jemand anders abgreift. Egal, was da im Detail vorgefallen ist, das ist nicht in Ordnung und die Möglichkeit sollte einfach nicht bestehen. Denn klar ist, du kannst das als Beraterin nur aushalten, nicht juristisch dagegen vorgehen, weil du kaum etwas in der Hand hast. Und du kannst in dem Job keine Spielerin verklagen.
SPORT1: Wie intensiv werden denn untereinander Spielerinnen abgeworben?
Covic: Der Kampf um die Spielerinnen, mit denen sich Geld verdienen lässt, ist enorm geworden und die Versuche sind zwangsläufig: Wenn man zehn Jahre zurückdenkt, hatte kaum eine Spielerin einen Berater. Heute geht das runter in die 2. Liga und zu den Juniorinnen. Meine goldene Regel war lange, keine Spielerin unter 17 Jahren, heute bin ich bei 16 Jahren. Man kann nur früher anfangen oder abwerben, das ist leider die Realität. Ich versuche, mit meinen Werten und meiner Erfahrung zu überzeugen. Mir geht es um Qualität und Strategie, das ist in meinen Augen nachhaltiger.
Covic berät auch Laura Freigang
SPORT1: Der Wert von Sponsoring-Verträgen nimmt für Spielerinnen immer mehr zu. Ist da Laura Freigang, mit der Sie seit vielen Jahren arbeiten, ein Paradebeispiel?
Covic: Grundsätzlich arbeite ich ja nicht alleine, sondern habe ein Team aus sehr guten Experten. Die Zusammenarbeit mit Laura ist etwas Besonderes, auch, weil wir uns schon viele Jahre kennen und vertrauen. Wenn du eine Persönlichkeit wie Laura hast, die so besonders ist in diesem Kosmos Frauenfußball, macht das meinen Job auch leichter. Ich würde Spielerinnen nie versprechen, zig Sponsoren für sie aufzutun, das muss man von Fall zu Fall anschauen. Aber natürlich setze ich mich auch da für jede meiner Spielerinnen ein.
SPORT1: Aktuell ist Laura Freigang in einer schwierigen Situation: Die Nationale Anti-Doping-Agentur wirft ihr drei Meldeversäumnisse, sogenannte Strikes, vor. Der Fall liegt beim DFB, ihr droht eine Sperre. Wie verändert das Ihre Rolle in Bezug auf die Spielerin?
Covic: Ich sage gerne, mir sind als Beraterin schon die besten Dinge passiert, die sonst im Fußball der Frauen noch niemand erlebt hat, aber jetzt auch eine der schwierigsten Situationen. Diese Herausforderung schweißt uns nochmal mehr zusammen, als das ohnehin schon der Fall war. Helmut Schmidt soll mal gesagt haben: In der Krise zeigt sich der wahre Charakter. Das gilt auch für Stärke. Wir haben ein super Team zusammengestellt und versuchen, diese Situation zu lösen. Meine Aufgabe ansonsten ist es, einfach da zu sein, wo ich gebraucht werde.
„Regelmäßig werden Personen in Positionen gehoben, denen die Qualifikation oder die Sozialkompetenz fehlt“
SPORT1: Die Strukturen im Fußball der Frauen sind weiterhin sehr heterogen. Wie gut sind, gerade außerhalb Deutschlands, die Möglichkeiten, sich ein genaues Bild von Klubs zu machen?
Covic: Vereine, die Angebote ernst meinen, laden dich oft ein, um sich vor Ort einen Eindruck zu verschaffen. Besonders hilfreich finde ich aber, in den Austausch mit Menschen zu gehen, die einen Klub kennen, ehemalige Spielerinnen, Coaches und andere Verantwortliche. Da ist mein langjähriges, internationales Netzwerk natürlich ganz wichtig für mich, um Informationen einzuholen. Viele Vereine investieren mittlerweile nennenswert in die Struktur, da hat sich einiges getan. Ein Problem, das ich sehe, ist, dass im Frauenfußball regelmäßig Personen in Positionen gehoben werden, denen die Qualifikation oder die Sozialkompetenz fehlt – oder beides. Gerne auch Leute, die es im Männerfußball nicht geschafft haben und die bei den Frauen einen zweiten Anlauf nehmen. Das sorgt für schlechte Stimmung im Verein, beim Team und den Beratungsagenturen.
SPORT1: Wie empfinden Sie im Gegensatz dazu die Zusammenarbeit mit ehemaligen Spielerinnen, die heute verantwortliche Positionen in Klubs bekleiden – wie Babett Peter bei Eintracht Frankfurt?
Covic: Man muss unterscheiden zwischen Spielerinnen, die neben der aktiven Zeit an einer privaten Hochschule studieren und danach direkt meinen, sie sind bereit für einen Managerinnenjob. Nein, sind sie nicht. Und dann hast du Leute wie Babett Peter, die eine fantastische Karriere hingelegt und anschließend in den USA als Assistant General Manager bei Chicago Red Stars abseits des Rampenlichts die wichtigen Themen gelernt hat. Insofern kann man der Eintracht jetzt nur zu ihrer hochkompetenten Sportdirektorin gratulieren. Ähnlich ist das in München mit Bianca Rech, die auch einen beeindruckenden Weg gegangen ist.
SPORT1: Neben Ihrer Tätigkeit als Beraterin haben Sie vor zwei Jahren die Plattform „The Rise of Women’s Football“ gegründet. Was ist die Idee dahinter?
Covic: Wir haben „The Rise of Women’s Football“ 2024 gegründet als ein einzigartiges globales Frauenfußballprojekt, das das ganze Ökosystem Frauenfußball abdecken und viele Lücken schließen soll. Wir veröffentlichen Businessnews, haben eine Jobbörse, eigene Events. Ich bin besonders stolz auf New York: Wenn der kleinen Jasmina aus der Pfalz jemand gesagt hätte, du machst später mal eine Veranstaltung in Midtown Manhattan, dann hätte sie das nicht geglaubt! Wir wollen Sichtbarkeit für die Top-Fünf-Ligen und echte Vernetzung, Menschen zusammenzubringen, auch junge. Ich bin für dieses Start-up echt ins Risiko gegangen – aus absoluter Überzeugung!