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"Das geht mit sehr, sehr nahe": Historische Chance für Afghanistans Fußballerinnen

„Das geht mir sehr, sehr nahe“

Sie mussten ihre Heimat verlassen, um überhaupt weiter Fußball spielen zu können. Jetzt dürfen Afghanistans Fußballerinnen ihr Land wieder offiziell vertreten – und Almuth Schult war beim Training hautnah dabei.
Almuth Schult besuchte afghanische Fußballerinnen in Wolfsburg
Almuth Schult besuchte afghanische Fußballerinnen in Wolfsburg
© IMAGO/Beautiful Sports
Sie mussten ihre Heimat verlassen, um überhaupt weiter Fußball spielen zu können. Jetzt dürfen Afghanistans Fußballerinnen ihr Land wieder offiziell vertreten – und Almuth Schult war beim Training hautnah dabei.

Sechs Tage lang trainierten Ende August afghanische Fußballerinnen beim Girl Power Summer Camp in Wolfsburg – unter professionellen Bedingungen und mit einer besonderen Trainerin: Almuth Schult. Die ehemalige deutsche Nationaltorhüterin stand während der knappen Woche mehrmals auf dem Rasen und lernte dabei Spielerinnen kennen, deren Weg weit über den Fußball hinausgeht. Sie mussten ihre Heimat verlassen, um überhaupt weiter Fußball spielen zu können.

Seit einer historischen Reform der FIFA-Regularien dürfen afghanische Fußballerinnen ihr Land nun wieder offiziell vertreten. Im SPORT1-Interview spricht Schult über die besondere Bedeutung des afghanischen Trikots, die Kraft und den Mut der Spielerinnen und darüber, warum diese Mannschaft für sie vor allem eines verkörpert: Hoffnung.

Schult: „Der Fußball bringt sie jetzt wieder zusammen“

SPORT1: Frau Schult, was hat Sie an dem Training mit den afghanischen Spielerinnen am meisten beeindruckt?

Almuth Schult: Man muss zunächst eine kleine Trennung setzen: Es ist noch nicht die komplett offizielle Nationalmannschaft. Es sind einige Spielerinnen aus dem Umfeld dabei, außerdem viele Jugendnationalspielerinnen. Unter anderem aus diesem Pool soll dann die neue afghanische Nationalmannschaft gebildet werden. Die Spielerinnen mussten aus Afghanistan fliehen und sind über die ganze Welt verteilt. Die Frauen-Nationalmannschaft ist hauptsächlich nach Australien geflohen, während die Spielerinnen des Projekts Girl Power vor allem in Europa leben, etwa in Portugal, Großbritannien und Deutschland. Deshalb ist es wahrscheinlich nur ein Teil der künftigen Nationalmannschaft. Man weiß noch nicht, wer beim ersten Länderspiel im Oktober oder November dabei sein wird.

SPORT1: Was bedeutet es für diese Frauen, nach fast acht Jahren wieder offiziell für Afghanistan spielen zu dürfen?

Schult: Ich glaube, das kann man gar nicht in Worte fassen. Für mich ist es etwas Besonderes, für mein Land zu spielen, weil ich hier geboren und aufgewachsen bin und das meine Fußballkultur ist. Außerdem gibt es über 80 Millionen Menschen, aus denen ausgewählt wird, wer Deutschland repräsentieren darf. Für diese Frauen ist es aber noch einmal etwas ganz anderes. In ihrem Land ist Fußballspielen momentan sogar verboten. Sie sind deshalb geflohen. Der Fußball bringt sie jetzt wieder zusammen, damit sie mit ihrer Kultur und Frauen aus demselben Land zusammenkommen und ein Zeichen setzen – für Mut, Vertrauen, Herausforderungen und Hoffnung in ihrem Land.

Große Chance für den afghanischen Frauenfußball: „Unheimlich stolz“

SPORT1: Die FIFA musste dafür sogar ihre eigenen Regularien ändern. Was sagt dieser Schritt über die Bedeutung dieser Mannschaft aus?

Schult: Es ist schwierig, in Worte zu fassen, aber man merkt, dass es ihnen alles bedeutet. Ich bin unheimlich stolz, dass sie es tatsächlich geschafft haben, dass die FIFA die Regularien geändert hat. Eigentlich muss der Fußballverband eine Mannschaft melden und es erlauben. Der afghanische Verband würde das niemals tun. Und trotzdem dürfen sie jetzt ihr Land repräsentieren.

SPORT1: Wie wichtig ist es, dass bei diesem Team nicht zuerst auf Ergebnisse und Leistung geschaut wird?

Schult: Die Leistung steht alles andere als im Vordergrund. Es geht wirklich darum, diesen Schritt zu schaffen, dass man spielen darf. Den Frauen und Mädchen in Afghanistan, aber genauso auch den Männern dort zu zeigen: Frauen können Fußball spielen, Frauen können Sport machen, Frauen können in der Welt etwas leisten. Dort herrschen wirklich abstruse Regularien. Momentan dürfen Frauen sich auf der Straße nicht einmal mit anderen Frauen unterhalten. Da werden Menschenrechte beschnitten. Dieser Fußball zeigt, dass Frauen Menschenrechte haben und dass es auch afghanische Frauen gibt, die diese Rechte haben, weil sie außerhalb Afghanistans leben. Sie sollen weiter dafür kämpfen. Deswegen ist das etwas ganz Großes.

„Für sie ist Fußball mehr als nur eine Sportart“

SPORT1: Was hat Sie emotional am meisten berührt, als Sie die Spielerinnen hier erlebt haben?

Schult: Natürlich die Geschichten. Wenn man mit ihnen spricht, wie sie geflüchtet sind, was dort los ist und was vielleicht schon in ihrer Kindheit passiert ist. Es kam darauf an, dass ihre Eltern und Familien sie unterstützen. Ansonsten wäre das alles nicht möglich gewesen. Genauso emotional ist es aber zu sehen, wie viel Spaß sie am Fußball haben, wie viel Freude sie daran haben und wie sie eigentlich gar nicht aufhören wollen, zu spielen. Für sie ist Fußball mehr als nur eine Sportart. Er zeigt Freiheit, Spaß, selbst Entscheidungen treffen zu können, Verantwortung für sich selbst zu übernehmen und gemeinsam mit anderen zu sein. Das spürt man richtig, wenn man mit ihnen zusammen ist. Wir erleben Sport einfach, weil wir Sport machen wollen und weil wir Spaß daran haben. Aber für sie ist das so groß, dass man selbst sehr demütig wird und sagt: Ich glaube, selbst wenn ich Probleme habe, sind sie nicht annähernd so groß wie die Probleme, die die Mädels durchgemacht haben.

SPORT1: Sie sind inzwischen selbst Mutter. Verändert das Ihren Blick auf die Situation von Mädchen, denen in Afghanistan Bildung und Sport verwehrt werden?

Schult: Klar verändert das noch einmal den Blick. Es war für mich selbst auch ein steiniger Weg, weil ich mit sehr vielen Vorurteilen kämpfen musste – egal, ob als Fußballerin oder jetzt als Expertin in meinem Job nach der Fußballkarriere. Aber das sind keine Steine im Vergleich dazu, dass man nicht einmal eine freie Entscheidung treffen kann. Das geht mir sehr, sehr nahe. Aus diesem Grund möchte ich das auch bestmöglich unterstützen, weil man immer die Hoffnung hat, es könnte besser werden. Wer hätte vor fünf Jahren nach der Machtübernahme der Taliban gedacht, dass es noch einmal ein Länderspiel der Frauen-Nationalmannschaft gibt, obwohl das Regime der Taliban noch existiert? Das ist jetzt der Fall. Und das ist einfach auch Hoffnung, dass man etwas Unmögliches schaffen kann.

Schult nimmt die FIFA in die Pflicht

SPORT1: Was würden Sie einem Mädchen in Afghanistan sagen, das heute davon träumt, Fußballerin zu werden?

Schult: Genau das versucht ja auch das Projekt Girl Power zu vermitteln. Sie wissen, dass Radio, Fernsehen und Berichterstattung in Afghanistan manipuliert und sehr eingeschränkt sind. Aber das Internet und soziale Netzwerke sind nicht komplett auszuschalten, weil man den Empfang nicht komplett stören kann und sich darüber Dinge verbreiten lassen. Dass es anders möglich ist, hat dazu geführt, dass viele Frauen und Mädchen den Mut gefasst haben zu fliehen, selbst wieder Kraft in die Heimat zu schicken und zu sagen: Wir stehen für Veränderung.

SPORT1: Was müsste jetzt passieren, damit aus der FIFA-Anerkennung langfristig eine echte Perspektive für den afghanischen Frauenfußball entsteht?

Schult: Das ist eine sehr umfangreiche Thematik. Natürlich sollte die FIFA dieses Projekt weiter unterstützen und helfen, dass das Staff-Team vernünftig aufgebaut wird – vom Trainerteam, aber auch im ganzen Drumherum. Auch die Reisen und Länderspiele müssen möglich gemacht werden, denn irgendwoher muss das Geld dafür kommen. Die afghanischen Frauen bekommen keine Unterstützung aus ihrem Verband. Ich würde mir wünschen, dass die FIFA das durch Kooperationen mit anderen Verbänden möglich macht. Was darüber hinausgeht, ist schwierig zu sagen, weil da auch politische Dinge und die Haltung anderer Länder eine Rolle spielen. Ich bin froh, dass es diesen Schritt gibt. Und dann muss man tatsächlich mit den afghanischen Frauen und Mädchen sprechen, wie sie das erlebt haben und was sie denken, was gut und hilfreich wäre. Die FIFA spielt dabei natürlich eine Rolle, weil sie international sehr viel organisieren kann, gute Beziehungen hat und ein solches Projekt auch finanziell unterstützen kann.

Schult als Trainerin der afghanischen Frauen? „Warum nicht?“

SPORT1: Würden Sie gerne einmal mit diesem Team bei einem offiziellen Länderspiel auf der Bank sitzen oder es begleiten?

Schult: Als Spielerin auf der Bank zu sitzen, ist natürlich nicht möglich. Als Trainerin aber: Warum nicht? Es hat mir sehr viel Spaß gemacht. Ich weiß nicht, wie die Umstände sein werden und wo das nächste Länderspiel stattfindet. Aber wenn es möglich ist, unterstütze ich sie sehr gerne, weil ich so stolz auf sie bin und beeindruckt davon, wie viel Energie man haben kann, wie viel Power und wie viel Überzeugung dahintersteckt. Wir sprechen immer davon, dass unsere Spielerinnen im Spiel von etwas überzeugt sein sollen. Aber die Frauen sind es darüber hinaus. Und auch gerade Khalida Popal (die frühere Kapitänin, Anm. d. Red.), wie sie unermüdlich für diese Sache brennt und kämpft, ist unheimlich beeindruckend.