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Im Internet gescoutet! Filipino-Frauen vor WM-Sensation?

Filipino-Frauen im Internet gescoutet

Die Frauen der Philippinen schlagen bei ihrem ersten WM-Spiel überhaupt völlig überraschend die Gastgeber-Nation Neuseeland 1:0. Torschützin Sarina Bolden ist in den USA geboren - wie 18 von 23 Spielerinnen im Kader. Fußball-Märchen oder kühne Strategie?
US-Nationalspielerin Alex Morgan spricht über das Thema "Equal Pay" und lobt die Arbeit des US-Fußballverbandes.
Die Frauen der Philippinen schlagen bei ihrem ersten WM-Spiel überhaupt völlig überraschend die Gastgeber-Nation Neuseeland 1:0. Torschützin Sarina Bolden ist in den USA geboren - wie 18 von 23 Spielerinnen im Kader. Fußball-Märchen oder kühne Strategie?

Am vergangenen Dienstag besiegten die mutig aufspielenden WM-Neulinge aus den Philippinen völlig überraschend Gastgeber-Nation Neuseeland 1:0. Das Tor in der 24. Spielminute war gleichzeitig der allererste WM-Torabschluss der Filipina-Frauen-Fußball-Geschichte. Die in Kalifornien geborene Sarina Bolden köpfte den Ball nach Vorlage der in Norwegen geborenen Mittelfeldspielerin Sara Eggesvik aus sechs Metern in die Maschen.

18 der 23 Spielerinnen im Kader der Filipina-Nationalmannschaft sind in den USA geboren. Mittelfeldspielerin Annicka Castaneda ist die einzige Nationalspielerin, die auf den Philippinen geboren und aufgewachsen ist. Die 23-Jährige hat bei dieser WM bislang noch keine einzige Minute gespielt.

Doch vorm Anpfiff sangen alle Spielerinnen gemeinsam die Nationalhymne der Philippen auf Filipino. Die zweite Strophe - „Lupang hinirang. Duyan ka ng magiting/ Sa manlulupig/ Di ka pasisiil“ - bedeutet so viel wie „Auserwähltes Land/ Du bist die Wiege der Mutigen“.

Ein passendes Credo für die Filipina-Landesauswahl, die hauptsächlich 10.000 Kilometer entfernt von der Pazifik-Insel rekrutiert wurde.

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Und zwar online von zwei Filipino-Amerikanern aus Illinois und Kalifornien. Seit 2008 wühlen sich die beiden Hobby-Scouts Butchie Impelido und Mark Mangune durch Chat-Gruppen, Message-Boards, Kleinanzeigen, Facebook-Beiträge, High School Yearbooks und Universitäts-Verzeichnisse, um möglichst viele amerikanische Fußballerinnen mit Filipino-Migrationshintergrund ausfindig zu machen. So bauten sie eine Talente-Datenbank aus 800 amerikanisch-philippinischen Fußballerinnen auf: Eine Pipeline für die Frauen-Nationalmannschaft der Philippinnen. Dazu später mehr.

In der Gruppe A stehen die Filipina-Frauen nun mit drei Punkten aus zwei Spielen auf dem dritten Platz. Vor Frauen-Fußball-Großmacht Norwegen (ein Punkt) und nur knapp hinter Neuseeland (drei Punkte, leicht besseres Torverhältnis) und der Schweiz (4 Punkte), gegen die die Philippinen ihr erstes WM-Spiel ohne eigenen Schuss aufs Tor 0:2 verloren hatten.

Doch dank ihres sensationellen Sieg gegen die Gastgeberinnen - übrigens im ausverkauften Sky Stadium der neuseeländischen Hauptstadt Wellington - haben die Philippinen plötzlich eine viel versprechende Ausgangslage, um in die K.o.-Phase der WM einzuziehen. Ein Sieg gegen Norwegen im letzten Gruppen-Spiel am Sonntag würden den Filipina-Frauen reichen, um in der Gruppe A mindestens Zweiter zu werden. Sie haben den Achtelfinal-Einzug in eigener Hand.

Es wäre eine Sensation von vergleichbarer Größe zu Saudi-Arabiens 2:1-Sieg über Argentinien bei der Männer-WM 2022.

Butchie Impelido: Der Papa, der dem Fußball-Nationaltrainer seine Tochter empfahl

Denn es ist gerade mal 28 Jahre her, dass die Frauen-Mannschaft der Philippinen 0:21 gegen China verlor. Vor 26 Jahren gab es sogar eine 1:14-Niederlage gegen die Frauen Nordkoreas. Vor zehn Jahren waren die Philippinen noch auf Platz 83 der Fußball-Frauen-Weltrangliste: Hinter Zwerg-Verbänden wie Guam, Papua New Guinea und den Färöer Inseln.

Die Philippinen sind mit einer Bevölkerung von 117 Millionen die zwölftgrößte Nation der Welt. Der nationale Fußball-Verband PFF (Philippines Football Federation) wurde schon 1907 gegründet. Eigentlich super Voraussetzungen, eine Fußballmacht zu werden. Vor allem, weil das Land in anderen Sportarten wie Basketball, Boxen oder Schwimmen international sehr erfolgreich ist. Doch die Männer-Nationalmannschaft hat sich noch nie für eine Fußball-WM qualifiziert. Sie ist aktuell 135. der Weltrangliste.

Das Land war bis 1898 drei Jahrhunderte lang eine spanische Kolonie, wurde dann von den USA erobert, die fast 50 Jahre lang über die Pazifik-Inseln herrschten. 1946 erlang das Land seine Unabhängigkeit. Doch die Inselnation ist bis heute durch ihre Wirtschaft, Kultur, Haupt-Religion (zu 80% Christentum) und Migration bis heute stark mit den Vereinigten Staaten von Amerika verbunden. Die beiden offiziellen Landessprachen sind Tagalog-Filippino und Englisch.

4,4 Millionen Menschen mit Filipino-Migrationshintergrund wohnen in den USA. Die meisten von ihnen sind amerikanische Staatsbürger. Die größten Filipino-American Communities liegen in den Bundesstaaten Hawaii, Illinois, Kalifornien, New York und Texas.

Einer dieser 4,4 Millionen Filipino-Amerikanern ist Butchie Impelido. Der IT-Arbeiter ist in den Philippinen geboren und aufgewachsen, zog in den späten Siebziger Jahren mit seiner Ehefrau berufsbedingt erst nach Australien, wo zwei seiner drei Töchter geboren sind - und 1990 weiter nach Illinois, als die älteste Tochter Angeline gerade sechs Jahre alt war. Es dauerte nicht lang, da waren Butchies drei Töchter genauso Fußball-vernarrt wie der Papa.

Angeline Impelido spielte Anfang der 2000er Jahre in der Uni-Mannschaft der Northern Illinois University, als Impelido durch Zufall in der Zeitung las, dass die Philippinen eine Frauen-Nationalmannschaft haben - mit einer Studentin der University of Virginia im Team. „Bei mir ging die Glühbirne an“, erzählte Impelido jüngst Yahoo Sports. Der Vater nahm Kontakt auf zu Marlon Maro, dem damaligen Nationaltrainer der Filipina-Frauen. Er empfahl ihm über Email und am Telefon seine Tochter für die Nationalmannschaft - was Angeline bis heute unglaublich peinlich ist, wie sie dem Inquirer erzählte. Doch der Bundestrainer antwortete tatsächlich auf die E-Mail, bat um ein Highlight-Video. Eine Woche später saßen Butchie und Angeline Impelido im Flieger nach Manila.

Angeline und ihre drei Jahre jüngere Schwester Patrice spielten 2005 und 2007 bei den Southeast Asian Games für die Philippinen. Der stolze Papa suchte währenddessen wie besessen nach weiteren Filipino-amerikanischen Fußballerinnen. Jahrelang schickte er Schnipsel wie High-School-Yearbook-Fotos mit Filipino Fußballer-Gesichtern oder Schulzeitungs-Artikeln mit Filippino-klingenden Spieler-Namen per E-Mail an Ernie Nierras, der von 2011 bis 2015 Bundestrainer der Filipina-Frauen war.

Scouting für die Filipina Frauen-Nationalmannschaft: Das Internet veränderte alles

Eine aufwendige, aber immer wieder erfreuliche Schatzsuche. Schließlich ist Fußball in den USA der beliebteste Mädchensport. 2012 stießen der Fußballerinnen-Papa Impelido und Bundestrainer Nierras nach jahrelangem Buddeln im Internet auf Gold. Sie fanden ein rustikal einfaches Message-Board mit etlichen Listen von philippinischen Jugend-Fußballerinen in den USA. Es gab eigene Talente-Listen, sortiert nach Jahrgang, Ort und Liga: Von U10 bis U12-Mädchen bis hin zu Uni-Spielerinnen mit Filipina Hintergrund und Filipino-stämmigen Amateur-Fußballerinnen in Europa.

Was erst einmal arg seltsam klingt, diente dem damaligen Frauen-Nationaltrainer Nierras tatsächlich als Scouting-Feed. Eine Art transfermarkt.de für Fußballerinnen mit Filipina-Migrationshintergrund, eben. Nierras und Impelido nahmen Kontakt zum Autoren auf.

Mark Mangune wurde in Davao City (Philippinen) geboren, wuchs aber in Waterford (Michigan) auf. Sein Vater war Trainer und coachte Mark bis hin zum High School Varsity Team. Mangune suchte in den Neunziger und 2000er Jahren nach Neuigkeiten über den Fußball seines Geburtlandes. Was er fand, war rar gesäht und ernüchternd. Wenn überhaupt, gab es mal einen Spielbericht über eine zweistellige Klatsche des Männer-Teams. Die Filipina-Frauen machten ihm dagegen mehr Hoffnung - und so wurde Mangune wie Impelido zum Hobby-Talentespäher, der 2011 sogar offiziell- aber ehrenamtlich vom Filipino Verband engagiert wurde. Plötzlich agierte der Mangune als unbezahlter „USA Scouting Coordinator“ für den Filipina-Fußball-Verbandes PFF.

Als Mangune und Impenido sich erst einmal kennengelernt hatten, schufen sie gemeinsam eine Datenbank von mehr als 800 amerikanischen Mädchen, die für die Filipina-Nationalmannschaft in Frage kamen. Eine von ihnen war Sarina Bolden, die am Dienstag das erste WM-Tor der Nation erzielte. Sie luden die Mädchen über das Internet zu Sichtungs-Schulungen nach Kalifornien ein. „Anfangs bekam ich keine Antworten“, erzählte Mangune Yahoo Sports. „Ich meine, so toll und cool es auch klingt, für das philippinische Frauen-Nationalteam begehrt zu sein, waren die Leute skeptisch, ob sie uns glauben können.“

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Impelido erinnert sich an diese Jahre, als das Team sich den Sportplatz in Kalifornien oft mit Leichtathleten teilte. „Du musstest sicherstellen, dass die Speerwerfer nicht warfen“, sagte Mangune weiter. „Man konnte die Speerwurf-Löcher auf dem Platz sehen.“

Frauen-WM: Ein philippinischer Geschäftsmann spendierte dem Frauen-Team einen Bundestrainer

Doch 2021 nahm das Filipina-Abenteuer in Kalifornien eine Hollywood-reife Wende. Der philippinische Geschäftsmann Jeff Cheng sponserte die Frauen-Fußballerinnen. Und er rekrutierte für die gehobene Hobby-Auswahl einen Weltklasse-Trainer: Alen Stajcic, der Australiens Frauen bei der WM 2015 bis ins Viertelfinale geführt hatte.

Der 49 Jahre alte Stajcic führte die Philippinen binnen zwei Jahren zur ersten WM-Qualifizierung überhaupt. Und jubelte am Dienstag mit seinen Spielerinnen, als sie das allererste WM-Tor in der Geschichte der Philippen erzielten.

Jedoch sind nicht alle Kritiker überzeugt vom Hollywood-reifen Fußballmärchen. Ist es nicht seltsam, das eine Nation von 117 Millionen Menschen bei seiner ersten Fußball-Weltmeisterschaft von 18 Amerikanerinnen vertreten wird?

Die Verteidigerin Sofia Harrison, die beim 1:0-Sieg gegen Neuseeland durchspielte, ist in Maryland geboren und aufgewachsen. Ihre Mutter ist Filipina. Harrison erklärte nach dem Sieg am Dienstag: „Wir teilen alle dieselbe Kultur und Abstammung. Und die Möglichkeit, das während des Spiels gemeinsam zu erleben, ist etwas ganz Besonderes. Jeder liebt das Land so sehr, und wir wollen alles tun, um das zu zeigen und zu beweisen, dass wir für das Land da sind. Wir tun es nicht nur für uns selbst, sondern für das Land, für die Kinder, für die Zukunft.“