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Bellamys emotionale Beichte

Bellamys emotionale Beichte

Craig Bellamy erfährt als Trainer ähnliche Probleme wie als Profi. In seiner emotionalen Beichte gibt er Einblicke in seine Gefühlswelt und erklärt sein Aus beim RSC Anderlecht bei Kumpel Vincent Kompany.
Craig Bellamy arbeitete zuletzt als Co-Trainer von Vincent Kompany bei RSC Anderlecht
Craig Bellamy arbeitete zuletzt als Co-Trainer von Vincent Kompany bei RSC Anderlecht
© Imago
Lukas von Hoyer
von Lukas von Hoyer
14.10.2021 | 14:50 Uhr

Als Craig Bellamy im August 2020 in Cardiff zu Besuch war, da wurde ihm wohl bewusst, dass ihn die Geister der Vergangenheit einfangen.

Er bei seiner eigenen Familie zu Gast - und zwar aus gutem Grund. Schließlich feierte seine jüngste Tochter ihren ersten Geburtstag. Dafür war der frühere Profi aus Brüssel angereist, wo er mit seinem alten Kumpel Vincent Kompany beim RSC Anderlecht arbeitete.

Bellamy wusste, dass er gleich am nächsten Tag wieder weg müsste. Anders ließ es eine Reise mitten in der Corona-Pandemie und sein Terminkalender einfach nicht zu. Und bei dem Besuch merkte er, wie sehr ihn die Trennung von seiner Familie, die in seiner Geburtsstadt, der Hauptstadt von Wales lebt, zu zerreißen drohte.

Bellamy und „das Monster der Depression“

Besonders eindrücklich ist seine Schilderung von dem Verhalten seiner Tochter Orla an diesem Tag: „Ich habe meine Arme ausgestreckt, aber sie wollte nicht zu mir kommen. Warum sollte sie auch? Sie hatte mich nur bei acht oder neun Gelegenheiten gesehen, und selbst dann war ich nur 24 Stunden am Stück da. Ich war nicht wirklich ein Teil von Orlas Leben. Sie wusste nicht, wer ich bin“, verriet Bellamy der Daily Mail.

Bellamy verließ das Haus seiner Familie und fing an zu weinen. Nun stellte sich eine Grundsatzfrage: „Was soll ich nun tun? Gehe ich hier weg und komme nicht zurück? Soll ich zum Fußball gehen und jemanden verlassen, den ich liebe? Soll ich in ihrem Leben bleiben?“

Den heute 42-Jährigen hatte längst das eingeholt, was Kompany später das „Monster der Depression“ nennen sollte.

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Bellamy „wollte schon immer im Ausland arbeiten“

Zurück in Anderlecht war er zurück in einem Fußballumfeld, das alles bot, was er sich wünschte: Trainer der U21-Mannschaft des Vereins, Co-Trainer von Kompany bei den Profis, 14 Stunden am Tag in das Spiel eintauchen, sich weiterbilden, stundenlang mit dem ehemaligen Kapitän von Manchester City, mit dem er bei den Citizens zusammengespielt hatte, auf dem Trainingsplatz stehen, Pläne schmieden und planen (Alle News zur Premier League)

„Ich wollte schon immer im Ausland arbeiten“, klärte Bellamy auf. Er war seit 2019 bei Anderlecht. 2014 hatte er seine erfolgreiche Karriere beendet, die ihn auch zum FC Liverpool und City geführt hatte. 78 Länderspiele für Wales inklusive. Allerdings konnte er sein großes Potenzial nie ganz ausschöpfen - er scheiterte an seinen Eskapaden und an seinen Gefühlen.

Der Job in Anderlecht schien ein idealer Start in die Karriere nach der Karriere zu sein. Eine Traditionsmannschaft mit guter Jugendarbeit, bei der er mit einem Kumpel etwas aufbauen konnte. Aber er fühlte sich teilweise auch wieder wie ein kleiner Junge, seine Trainer-Laufbahn scheint daher unter einem ähnlichen Stern zu stehen wie seine Zeit als Fußballprofi.

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Bellamy: „Es war herzzerreißend“

Als 15-Jähriger war Bellamy nach Norwich gegangen und hatte seine Eltern wenig später weinend aus einer Telefonzelle angerufen.

„Es war herzzerreißend“, sagte er mittlerweile: „Ich habe mich jede Nacht in den Schlaf geweint und versucht, ein Fußballer zu sein. Ich wollte kein Fußballer sein, weil ich nicht so viele Schmerzen haben wollte. Aber dann wurde mir klar, dass dies mein Beruf ist, mit dem ich meinen Lebensunterhalt bestreiten kann. Aber wie stehe ich das durch? Also musste ich meine Gefühle abschalten. Und die kommen leider wieder zurück. Damit ich etwas tun kann, was ich liebe, muss ich manchmal die andere Seite abschalten.“

Und diese Situation holte ihn nun wieder ein: „Ich begann die Einsamkeit zu spüren, die ich als Kind empfunden hatte. Der Magen dreht sich um, man bekommt das Gefühl, nicht richtig atmen zu können. Und Traurigkeit.“

In Brüssel fühlte sich Bellamy isoliert und außerdem schuldig. Er vermisste seine Söhne Ellis (24) und Cameron (20). Er vermisste seine Tochter Lexi im Teenageralter und fühlte sich besonders schuldig wegen Orla. Trotzdem überlegte er, ob er einfach in Belgien bleiben sollte - um nie mehr zurückzugehen. „Vergesst mich, ich komme nicht zurück“, dachte er sich da und außerdem, „dass es vielleicht besser für das Baby wäre, weil es sie nur verwirren würde, wenn ich in ihrem Leben ein und aus ginge. Ich habe es versucht. Ich ging einen Monat lang.“

Doch letztlich entschied er sich gegenteilig.

Aus in Anderlecht „war hart“

Zwar wurde Bellamy auch von Schuldgefühlen gegenüber Kompany geplagt, wenn er diesen im Stich lassen würde. Nach einem 7:2 von Anderlecht gegen Mechelen traute er sich dann aber doch und ging zu seinem Kumpel, als die Spieler eine Ehrenrunde drehten. „Vinny wusste, was kommen würde“, verriet Bellamy:

„Ich hatte mit ihm darüber gesprochen, und er hatte gesagt, dass sie alles tun würden, um zu helfen, aber es gab nichts, was sie tun konnten. Ich habe einfach zu Vinny gesagt: ‚Heute ist ein guter Tag‘. Wir riefen die anderen Trainer zusammen und ich sagte es ihnen. Das war hart. Der sportliche Leiter von Anderlecht, Peter Verbeke, hat mir den Vertrag gezeigt, den sie mir als Assistenztrainer angeboten haben, und gesagt, solange er im Verein sei, würde er mir erhalten bleiben. Er hat ihn in den Tresor des Vereins gelegt. Das bedeutet mir unheimlich viel.“

Craig Ballemy (L) mit Vincent Kompany
Craig Ballemy (L) mit Vincent Kompany

Für Bellamy ging es im September zurück in die Heimat - nach Cardiff. Dort lässt er sich von Psychologen helfen und beraten. Und er holt jeden Tag seine Tochter von der Schule ab.

Bellamy bereut die Entscheidung nicht

„Die Familie steht an erster Stelle. Sie ist das Wichtigste. Das sage ich meinen Spielern auch immer wieder. Wenn einer der Spieler zu mir kommt und sagt, dass eine Hochzeit ansteht oder so, dann sage ich ihm, er soll hingehen und es tun. Der Fußball kommt und geht für dich. Diese Momente darf man nicht verpassen. Ich werde das nicht zulassen“, fasste er zusammen.

Bellamy geht es nun wieder besser. Und seine Entscheidung bereut er nicht: „Ich wünschte, ich könnte weniger emotional und rücksichtsloser sein, aber ich bin nicht so gebaut. Ich muss damit umgehen und mich dem stellen. Wenn ich jemanden in diese Welt setze, muss ich dafür sorgen, dass sie weiß, dass ihr Vater sie liebt und dass ich für sie da bin.“