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Zinnbauer exklusiv: „Mein Arbeitsplatz ist Ruanda, aber wir vertreten den Sudan“

Ein Klub, zwei Länder, 30 Millionen Fans

Joe Zinnbauer ist für den sudanesischen Spitzenklub Al-Hilal Omdurman tätig, lebt und arbeitet jedoch in Ruanda. Im Interview mit SPORT1 spricht der Coach über die ungewöhnliche Konstellation und sein spanndes Fußballprojekt.
Joe Zinnbauer erzählt im Interview mit Sport1 über seine Erfahrungen als Trainer in Südafrika, den HSV und seine Zukunftspläne.
Joe Zinnbauer ist für den sudanesischen Spitzenklub Al-Hilal Omdurman tätig, lebt und arbeitet jedoch in Ruanda. Im Interview mit SPORT1 spricht der Coach über die ungewöhnliche Konstellation und sein spanndes Fußballprojekt.

Der frühere HSV-Trainer Joe Zinnbauer arbeitet seit August 2026 für den sudanesischen Spitzenklub Al-Hilal Omdurman. Al-Hilal hat in den vergangenen beiden Spielzeiten jeweils das Viertelfinale der afrikanischen Champions League erreicht und gehört damit zu den etablierten Spitzenklubs des Kontinents.

Trotz der weiterhin ungewissen Situation infolge des Bürgerkriegs im Sudan setzt der Verein seinen Ligabetrieb auch in dieser Saison in der ruandischen Premier League fort, nachdem Al-Hilal dort bereits im Vorjahr Meister geworden ist. Gleichzeitig kämpft ein weiteres Team des Vereins im Sudan um die sportlichen Voraussetzungen für die nächste Champions-League-Qualifikation. 

Im SPORT1-Interview spricht Zinnbauer über das außergewöhnliche Fußballprojekt, seinen Alltag in Kigali und die besondere Verantwortung bei einem Verein mit mehr als 30 Millionen Fans allein im Sudan.

SPORT1: Herr Zinnbauer, Sie trainieren einen sudanesischen Verein, leben und arbeiten aber in Ruanda und reisen für die Champions League durch Afrika. Wie erklären Sie jemandem Ihren derzeitigen Job, der diese Konstellation zum ersten Mal hört?

Joe Zinnbauer: Das ist tatsächlich nicht in zwei Sätzen zu erklären. Al-Hilal Omdurman ist ein großer und traditionsreicher sudanesischer Verein. Der Klub nimmt mit einer Mannschaft weiterhin am Ligabetrieb im Sudan teil und hat sich gleichzeitig entschieden, mit einer weiteren Mannschaft in Ruanda anzutreten. Deshalb bestreitet meine Mannschaft ihre Ligaspiele in Ruanda und hat in Kigali ihren täglichen Trainings- und Arbeitsmittelpunkt. Dazu kommen die internationalen Aufgaben in der Champions League. Es ist eine außergewöhnliche Konstellation, die durch die besondere Situation entstanden ist.

SPORT1: Mussten Sie selbst erst einmal ein Schaubild zeichnen, um das System vollständig zu verstehen?

Zinnbauer: Ganz so schlimm war es nicht. (lacht) Aber natürlich musste ich mich intensiv damit beschäftigen. Entscheidend ist: Unsere Ergebnisse in Ruanda berechtigen uns nicht automatisch zur Teilnahme an der afrikanischen Champions League. Dafür sind die sportlichen Voraussetzungen und das Abschneiden der Mannschaft im Sudan maßgeblich. Erreicht sie dort die Play-offs und schafft die entsprechenden Platzierungen, kann Al-Hilal wieder international antreten. Für einen Verein, der in den beiden vergangenen Spielzeiten im Viertelfinale der Champions League stand, ist das natürlich ein großer Ansporn.

SPORT1: Möglicherweise müssen Sie deshalb im Mai oder Juni 2027 selbst mit Ihrer Mannschaft zu entscheidenden Spielen in den Sudan reisen. Wie läuft diese Entscheidung ab?

„Eine Entscheidung trifft man mit der nötigen Verantwortung“

Zinnbauer: Zunächst muss die Mannschaft im Sudan die entsprechenden sportlichen Voraussetzungen schaffen und die Play-offs erreichen. Sollte es anschließend zu Spielen im Sudan kommen, wird der Verein gemeinsam mit uns die Situation bewerten. Dabei geht es um die sportlichen Voraussetzungen und natürlich auch um die Bedingungen vor Ort. Erst danach wird entschieden, ob und in welcher Form wir diese Spiele mit meiner Mannschaft bestreiten können. Eine solche Entscheidung trifft man gemeinsam und mit der nötigen Verantwortung.

SPORT1: Sie könnten mit Ihrer Mannschaft Meister in Ruanda werden und trotzdem die Champions League verpassen – eine ungewöhnliche Abhängigkeit für einen Trainer.

Zinnbauer: Als Trainer möchte man die Dinge normalerweise selbst in der Hand haben. In diesem Fall können wir in Ruanda unsere Aufgaben erfüllen und sportlich erfolgreich sein, sind bei der internationalen Qualifikation aber trotzdem vom Abschneiden der Mannschaft im Sudan abhängig. Das ist ungewöhnlich. Wir müssen uns auf das konzentrieren, was wir beeinflussen können, und unsere Mannschaft bestmöglich auf jede mögliche internationale Aufgabe vorbereiten.

„Ruanda ist für viele Menschen in Deutschland weit weg“

SPORT1: Der sportliche Reiz ist das eine. Wie sieht Ihr ganz normaler Alltag in Ruanda aus?

Zinnbauer: Der Mittelpunkt unserer Arbeit ist Kigali. Dort verbringen wir sehr viel Zeit auf dem Trainingsplatz, bei Besprechungen, in der Analyse und mit der Vorbereitung auf die Spiele. Natürlich lernt man daneben auch das Land und die Menschen kennen. Ruanda ist für viele Menschen in Deutschland weit weg – nicht nur geografisch. Für mich ist Kigali derzeit der klare Mittelpunkt meiner täglichen Arbeit.

SPORT1: Wie wohnen Sie in Kigali, wie bewegen Sie sich dort und was machen Sie an einem freien Nachmittag?

Zinnbauer: Der Staff und ich wohnen momentan noch im Hotel und ziehen demnächst in unsere wirklich schönen Apartments. Wenn einmal ein freier Nachmittag bleibt, werde ich voraussichtlich Kigali näher kennenlernen, etwas essen gehen oder einfach ein wenig abschalten. Auch das gehört für mich dazu: ein Land und seine Menschen kennenzulernen.

SPORT1: Was fehlt Ihnen bei Ihrer täglichen Arbeit ganz konkret? Können Sie ein Beispiel nennen?

Zinnbauer: Man denkt schnell, dass in Afrika vieles fehlt, was wir aus Europa gewohnt sind. Das würde ich so nicht sagen. Wir haben hier alles, was wir brauchen, um professionell zu arbeiten. Natürlich gibt es andere Abläufe, und manchmal muss man flexibler sein. Aber genau das gehört für mich zu einer internationalen Aufgabe dazu.

SPORT1: Was unterscheidet Ihre tägliche Arbeit dennoch von der bei einem europäischen Spitzenklub?

Zinnbauer: Jeder Verein hat seine eigenen Strukturen und Voraussetzungen. Dazu kommen in unserem Fall die Reisestrapazen und die großen Entfernungen im afrikanischen Fußball. In internationalen Wettbewerben verbringt man viele Stunden in Flugzeugen und muss sich immer wieder schnell auf neue Bedingungen einstellen. Als Trainer muss man dafür Lösungen finden und seine Mannschaft entsprechend vorbereiten.

„Man darf nicht einfach ein Konzept aus Deutschland übernehmen“

SPORT1: Auch Ihre Arbeit auf dem Trainingsplatz unterscheidet sich zwangsläufig von der in Deutschland.

Zinnbauer: Man muss das Klima, die Platzverhältnisse und die Reisestrapazen berücksichtigen. Hinzu kommt, dass die Spieler unterschiedlich ausgebildet wurden und aus verschiedenen Fußballkulturen kommen. Taktische Inhalte müssen deshalb teilweise anders vermittelt werden. Man darf nicht einfach ein Konzept aus Deutschland übernehmen und erwarten, dass es überall genauso funktioniert. Als Trainer muss man sich anpassen, ohne seine grundsätzliche Überzeugung aufzugeben.

SPORT1: Sie leben in Kigali, arbeiten für einen sudanesischen Verein und treten mit ihm in Ruanda sowie international an. Wo fühlen Sie sich momentan zu Hause?

Zinnbauer: Mein Arbeitsplatz ist derzeit in Ruanda, dort spielt sich auch mein täglicher beruflicher Alltag ab. Gleichzeitig vertreten wir einen großen Verein aus dem Sudan. Diese Verbindung spürt man jeden Tag. Al-Hilal ist für sehr viele Menschen weit mehr als nur ein Fußballklub. Nach Angaben des Vereins hat Al-Hilal allein im Sudan mehr als 30 Millionen Fans und Unterstützer, weltweit kommen noch sehr viele weitere hinzu. Wir wissen deshalb genau, für wen wir spielen und welche Bedeutung unsere Ergebnisse für die Anhänger haben.

SPORT1: Wie sehr ist die Situation im Sudan innerhalb der Mannschaft präsent?

Zinnbauer: Natürlich ist die Situation im Sudan präsent. Wir arbeiten in Kigali und haben hier einen geregelten professionellen Alltag, aber wir wissen, was im Sudan passiert und unter welchen Bedingungen der Fußball dort derzeit stattfindet. Gleichzeitig ist es wichtig, zwischen unserer täglichen Arbeit in Ruanda und der Situation im Sudan zu unterscheiden. Unser Ziel ist es, den Spielern hier Stabilität und einen professionellen Rahmen zu geben und uns auf unsere sportlichen Aufgaben zu konzentrieren.

SPORT1: Können Sie ein konkretes Gespräch mit einem Spieler schildern, das Ihnen besonders nahegegangen ist – selbstverständlich ohne dessen Privatsphäre zu verletzen?

Zinnbauer: Dafür ist es definitiv noch zu früh. Wir sind erst seit rund zwei Wochen mit der Mannschaft zusammen. Bisher hat es noch kein Gespräch dieser Art gegeben, bei dem ein Spieler mit persönlichen oder belastenden Themen auf mich zugekommen ist. Im Moment geht es zunächst darum, dass wir uns kennenlernen, Vertrauen aufbauen und gemeinsam als Mannschaft arbeiten.

SPORT1: Haben Sie Bedenken, möglicherweise im Mai oder Juni 2027 für entscheidende Spiele in den Sudan zu reisen?

Zinnbauer: Mit dieser Frage beschäftigen wir uns, wenn sie konkret wird. Zunächst müssen die sportlichen Voraussetzungen geschaffen werden. Sollte es zu den Play-offs kommen – und davon gehen wir selbstverständlich aus –, werden wir sie auch spielen. Natürlich ist es unser großer Wunsch, so früh wie möglich wieder vor unseren Fans im Sudan spielen zu können. Wann immer dieser Moment kommt, werden wir bereit sein.

„Zunächst gab es viele Fragen“

SPORT1: Was hat Ihre Familie gesagt, als Sie ihr von dem Angebot erzählt haben?

Zinnbauer: Zunächst gab es natürlich viele Fragen, weil man aus Deutschland oft nur das kennt, was man in den Nachrichten liest oder erzählt bekommt. Meine Familie und meine engsten Freunde kennen mich und wissen, dass ich neuen Ländern und Kulturen offen begegne. In den vergangenen Jahren waren sie deshalb auch immer positiv angetan, besonders wenn sie meine Stationen selbst vor Ort kennenlernen konnten.

SPORT1: Nach Ihren Stationen in Südafrika, Marokko, Saudi-Arabien, Algerien und nun Ruanda scheint der deutsche Fußball Sie ein wenig aus den Augen verloren zu haben.

Zinnbauer: Das kann ich nicht beurteilen. Ich habe mich immer für Aufgaben entschieden, die mich sportlich und persönlich gereizt haben. Meine internationale Laufbahn hat mir die Möglichkeit gegeben, in unterschiedlichen Fußballkulturen zu arbeiten, Titel zu gewinnen und auf internationaler Ebene Erfahrungen zu sammeln. Natürlich steht die Bundesliga in Deutschland stärker im Fokus. Aber auch die Arbeit im internationalen Fußball ist sehr anspruchsvoll und bringt einen als Trainer weiter.

„Mein Arbeitsplatz ist Ruanda, aber wir vertreten den Sudan“

SPORT1: Reizt Sie eine Rückkehr in die Bundesliga noch?

Zinnbauer: Ich schließe grundsätzlich nichts aus. Deutschland ist meine Heimat, und die Bundesliga gehört zu den interessantesten Ligen der Welt. Aber ich beschäftige mich nicht jeden Tag mit der Frage, wann ich nach Deutschland zurückkehren könnte. Meine Aufgabe bei Al-Hilal ist anspruchsvoll und spannend. Ich möchte mit diesem Verein erfolgreich sein, die Mannschaft weiterentwickeln und sie bestmöglich auf die internationalen Aufgaben vorbereiten.

SPORT1: Hat dieses außergewöhnliche Projekt Ihren Blick auf den Fußball verändert?

Zinnbauer: Ja, weil man noch deutlicher erkennt, welche Kraft der Fußball entwickeln kann. Für uns ist er ein Beruf, für viele Menschen aber auch Leidenschaft, Identität und ein Stück Heimat. Gerade bei Al-Hilal spürt man diese Verbindung sehr stark. Mein Arbeitsplatz ist Ruanda, aber wir vertreten den Sudan. Diese Verantwortung nehmen wir jeden Tag mit auf den Platz.