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Wie der Milan-Patron die größten Skeptiker widerlegte - Sacchi und Galli über Berlusconi

Trainer-Ikone: So genial war Berlusconi

Der Tod von Silvio Berlusconi erschüttert die Gemeinde des AC Mailand. Bei SPORT1 erklären der legendäre Coach Arrigo Sacchi und Ex-Verteidiger Filippo Galli, was der langjährige Milan-Patron für den italienischen Fußball bedeutete.
Der ehemalige AC-Mailand-Präsident Silvio Berlusconi ist tot. Fabio Capello und Roberto Donadoni sprechen über ihre Zeit bei den Rossoneri und die globale Vision, die der Politiker verfolgte.
Der Tod von Silvio Berlusconi erschüttert die Gemeinde des AC Mailand. Bei SPORT1 erklären der legendäre Coach Arrigo Sacchi und Ex-Verteidiger Filippo Galli, was der langjährige Milan-Patron für den italienischen Fußball bedeutete.

Als Silvio Berlusconi im Sommer 1986 mit seinem Hubschrauber in der Mailänder Arena Civica landete und, untermalt von Richard Wagners Walkürenritt, sein neues Projekt vorstellte, begann beim AC Mailand eine neue Ära - nur wusste es damals keiner, außer Berlusconi selbst.

Die Repubblica schrieb viele Jahre später, es sei der Morgen jenes 18. Juli gewesen, „an dem Silvio Berlusconi vom Himmel herabstieg, um die Geschichte neu zu schreiben. Auch die des Fußballs.“

Ohne falsche Bescheidenheit lautete sein von vielen belächeltes Projekt: den AC Mailand zurück in die Weltspitze führen. Berlusconi hatte damals ein Medienimperium aufgebaut, das ihn zum Milliardär machte. Mit frischem Geld wollte er nun seinem Herzensklub zu altem Glanz verhelfen.

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Die Kommentare zu Berlusconis markigen Ankündigungen samt skurriler Inthronisierung schwankten zwischen Spott und Fassungslosigkeit. Das betraf nicht nur die Medien (zumindest diejenigen, die nicht Teil seines eigenen Portfolios waren), sondern sogar die eigenen Spieler.

Galli: Auch wir Spieler haben an Berlusconi gezweifelt

„Berlusconi hat neben seinem Kapital vor allem auch Ideen und Organisation in den Klub reingesteckt und Ziele formuliert, die damals unerreichbar schienen“, erinnert sich Milan-Legende Filippo Galli im Gespräch mit SPORT1. „Die Fakten haben dann aber die Skeptiker widerlegt. Ehrlicherweise waren unter den Zweiflern auch wir Spieler.“

Dass Berlusconi polternd und im grellen Scheinwerferlicht keine leeren Worthülsen von sich gab, wurde schnell klar. Bereits im ersten Jahr seiner Amtszeit gewann Milan mit Trainer Arrigo Sacchi die Meisterschaft, später dominierten die Rossoneri Europa und holten zwischen 1989 und 1994 drei Mal den Europapokal der Landesmeister, bzw. die Champions League.

„Berlusconi hat die Geschichte Milans extrem geprägt“, erklärt Sacchi bei SPORT1. „Dank ihm hat Milan die Fußballwelt dominiert. Er war jemand, der unfassbar viel über den Fußball wusste und zudem sehr mutige Entscheidungen traf.“

Seinen Mut bewies der spätere Ministerpräsident Italiens unter anderem damit, dass er Sacchi die Spieler holte, die der geniale Fußballehrer für seine Ideen brauchte: allen voran das niederländische Trio Ruud Gullit, Marco van Basten und Frank Rijkaard. Später wechselten Stars wie George Weah, Kaká, Pato oder Ronaldinho in die italienische Modemetropole.

Sacchi: „Ich werde ihm immer dankbar sein“

„Ich werde ihm für immer dankbar sein, weil er mir die Möglichkeiten gegeben hat, das Beste aus mir herauszuholen, was in mir steckte“, sagt Sacchi. Die großen Veränderungen, die sein Mentor anschob, seien umso schwerer umzusetzen gewesen, „weil wir Italiener eigentlich keine großen Veränderungen wollen und eingebildet sind“.

Für den italienischen Fußball habe Berlusconi Herausragendes geleistet, schwärmt der heute 77-Jährige. „Er war ein Erneuerer des Fußballs und hat ihn geliebt, er war intelligent und immer gut vorbereitet, wenn man mit ihm über Fußball philosophierte.“

Jahrelang lief es für Milan wie am Schnürchen. Weil Berlusconi nicht blind Stars kaufte, sondern seinem Coach meistens die richtigen Leute zur Verfügung stellte, prägte der Klub viele Jahre den europäischen Fußball.

„Er war Wegbereiter und Erneuerer in der Welt des Fußballs – etwas, das schon immer schwer war, vor allem zur damaligen Zeit“, sagt Galli. „Er hat auf seine Worte Taten folgen lassen und Milan an die Weltspitze geführt. So hatte er es angekündigt.“

Im Gegensatz zu den heutigen Vereinseignern, die aus fernen Ländern, vornehmlich im arabischen Raum oder den USA, kühl die Geschicke vieler europäischer Spitzenklubs leiten, war Berlusconi damals mitten im Geschehen und hielt engen Kontakt zu seinen Spielern.

Viele Italiener feierten Berlusconis markige Sprüche

„Ich habe 14 Jahre in Milans erster Mannschaft verbracht, in der Berlusconi immer sehr präsent war“, erinnert sich Galli, der als Abwehrspieler 325 Pflichtspiele für die Lombarden bestritt. Selbst zu sich nach Hause habe der Milan-Patron ihn eingeladen und im Garten seine Ideen vom Fußball erklärt.

„1994 wurde es dann etwas weniger, weil sich Berlusconi in der Politik engagierte“, erzählt Galli „In der ganzen Zeit war er aber ein Präsident, der darauf achtete, ein intensives Verhältnis zu uns Spielern zu haben. Er hat viel vor der Mannschaft gesprochen, aber auch zahllose Einzelgespräche geführt.“

Während Berlusconi hierzulande vor allem als rechtsgerichteter Politiker zweifelhaften Ruhm erlangte und seine Bunga-Bunga-Aussagen vielerorts Kopfschütteln auslösten, schaffte er es in Italien bis zu seinem Tod, seine Anhänger zu begeistern – und selbst die markigsten Sprüche nahmen ihm die meisten nicht krumm.

Als Berlusconi im vergangenen Dezember als Präsident des AC Monza, seinen Spielern einen „Bus voller Prostituierte“ versprach, falls diese die nächsten Partien gewinnen sollten, ging zwar eine Welle der Empörung durchs Land – doch insgeheim lachten sich viele ins Fäustchen.

Sicher ist, dass Silvio Berlusconis Tod bei denjenigen, mit denen er die größten sportlichen Erfolge feierte, eine große Lücke hinterlassen wird, allen voran bei Arrigo Sacchi. „Als ich die Nachricht gehört habe, musste ich lange weinen“, gibt er unumwunden zu. „Sein Tod trifft mich, es tut mir unendlich leid.“