Jamil Siebert: „Der Druck ist ein anderer als in Deutschland“
Jamil Siebert hat sich beim US Lecce etabliert und kürzlich sein erstes Saisontor erzielt. Im SPORT1-Interview spricht der frühere deutsche U21-Nationalspieler über seinen Weg nach Italien, den Kampf um seinen Platz und seinen großen Traum vom DFB-Team.
Er spielt in einer der stärksten Ligen der Welt, hat sich in Italien einen Stammplatz erkämpft und am vergangenen Wochenende sein erstes Saisontor für US Lecce erzielt. Trotzdem dürften Jamil Siebert bislang nur wenige deutsche Fußballfans auf dem Schirm haben. Dabei hat der frühere U21-Nationalspieler von Fortuna Düsseldorf noch große Ziele.
Im exklusiven SPORT1-Interview spricht der 24 Jahre alte Innenverteidiger über seinen ungewöhnlichen Weg in die Serie A, den Kampf um seinen Platz in der Mannschaft und die besonderen Anforderungen des italienischen Fußballs. Außerdem verrät Siebert, wie sein Berater vor dem Tor in Udine die richtigen Worte fand – und dass er davon träumt, eines Tages für die deutsche A-Nationalmannschaft aufzulaufen.
SPORT1: Herr Siebert, Sie haben am vergangenen Wochenende beim 3:0 in Udine Ihr erstes Saisontor erzielt. Was ging Ihnen durch den Kopf, als der Ball im Netz lag?
Jamil Siebert: Das Tor war vor allem eine Frage der Willenskraft und Mentalität. Tatsächlich hat mein Berater (Alexis Portselis, Anm. d. Red.) mir genau das vor dem Spiel noch mit auf den Weg gegeben, nachdem ich erfahren hatte, dass ich nicht in der Startelf stehen würde. Seine Worte habe ich mir zu Herzen genommen und auf dem Platz umgesetzt. Am Ende habe ich mir dieses Tor verdient – und der Abschluss war auch nicht schlecht (lacht).
Sieberts bewusster Schritt in Richtung Italien
SPORT1: Sie sind im Sommer 2025 nach Lecce gewechselt. Wenn Sie auf Ihren Wechsel von Fortuna Düsseldorf zurückblicken: Hätten Sie erwartet, dass Sie sich so schnell in Italiens höchster Liga durchsetzen?
Siebert: Ich habe sehr viel für diesen Moment gearbeitet und wusste, dass ich das Potenzial habe, mich auch in der Serie A durchzusetzen. Natürlich war es am Anfang nicht einfach. In ein neues Land zu ziehen, sich an eine andere Kultur zu gewöhnen und gleichzeitig seinen Heimatverein, seine Stadt und sein gewohntes Umfeld hinter sich zu lassen, ist schon eine große Umstellung. Aber ich habe diesen Schritt ganz bewusst gemacht, weil ich mich sowohl als Spieler als auch als Mensch weiterentwickeln wollte.
SPORT1: Was war die größte Umstellung – taktisch, körperlich oder mental? Und gab es einen Moment, in dem Sie gemerkt haben: Jetzt bin ich wirklich angekommen?
Siebert: Ich glaube, es war eine Mischung aus allem. Aber wenn ich mich entscheiden müsste, dann war es auf jeden Fall die mentale Umstellung. Die gesamte Veränderung war am Anfang nicht einfach. Du spielst plötzlich in einer der fünf besten Ligen der Welt, gegen einige der besten Spieler der Welt. Auf diesem Niveau sind es Millisekunden, die über eine Situation entscheiden. Das ist schon noch mal ein Unterschied zur 2. Bundesliga in Deutschland. Ich glaube, der Moment, in dem ich wirklich gemerkt habe, dass ich angekommen bin, waren die beiden Spiele im Januar im San Siro. Ich hatte davor knapp zwei Monate nicht gespielt und bin dann aufgrund einer Roten Karte eines Mitspielers zum Einsatz gekommen. Nach diesen beiden Spielen habe ich selbst gespürt: Okay, du bist jetzt wirklich hier angekommen.
SPORT1: Die Serie A gilt als besonders taktisch geprägt. Was macht das Verteidigen in Italien anders als in der 2. Bundesliga? Worauf achten italienische Trainer bei einem Innenverteidiger besonders?
Siebert: Ich glaube, der größte Unterschied liegt in der Detailarbeit. In Italien wird sehr viel Wert auf die kleinsten Dinge gelegt. Jede Kleinigkeit wird beobachtet, angesprochen und auch gezielt trainiert. Gerade die taktische Arbeit und die Kommunikation auf dem Platz spielen eine extrem wichtige Rolle. Wir arbeiten auch unter der Woche regelmäßig an taktischen Abläufen. Dazu kommt natürlich die Qualität der gegnerischen Stürmer. Du spielst Woche für Woche gegen absolute Topspieler und musst in jeder Situation hellwach sein. Schon kleine Fehler können auf diesem Niveau direkt bestraft werden.
„Der Klassenerhalt wird hier wie eine Meisterschaft gefeiert“
SPORT1: Lecce kämpft als Klub mit vergleichsweise begrenzten Mitteln gegen finanzstärkere Gegner. Wie erleben Sie diesen Alltag? Und ist der Druck im Abstiegskampf größer als in Deutschland?
Siebert: Für die Menschen hier ist es etwas ganz Besonderes, dass Lecce in der Serie A spielt. Die Leute sind unglaublich fußballverrückt und leben für diesen Verein. Der Klassenerhalt wird hier wie eine Meisterschaft gefeiert. Das hat man auch letzte Saison gesehen, als wir den Klassenerhalt geschafft haben. Das war wirklich etwas Besonderes. Der Druck ist auf jeden Fall ein anderer als in Deutschland. Mit Fortuna habe ich eigentlich immer um den Aufstieg gespielt. Im Abstiegskampf ist das ein ganz anderes Gefühl. Du gehst teilweise in ein Spiel und weißt, dass du unbedingt gewinnen musst, weil du im schlimmsten Fall an diesem Tag absteigen könntest. Das ist mental schon eine ganz andere Herausforderung.
SPORT1: Italien hat eine große Tradition an herausragenden Verteidigern. Gibt es einen italienischen Abwehrspieler, von dem Sie sich etwas abschauen?
Siebert: Ich muss sagen, dass mich die italienischen Verteidiger schon immer begeistert haben. Egal, ob Chiellini oder Bonucci, das waren für mich absolute Weltklasseverteidiger. Aber wenn du selbst in Italien spielst und täglich mitbekommst, wie intensiv hier trainiert wird und wie viel Wert auf die taktischen Details gelegt wird, bekommst du noch mal einen ganz anderen Respekt davor, wie gut diese Spieler wirklich waren. Ich finde, von solchen großen Verteidigern kann man sich immer wieder etwas abschauen und für sein eigenes Spiel mitnehmen.
Sieberts großer Traum vom DFB-Team
SPORT1: Sie haben sich über die U-Nationalmannschaften bis in die Serie A entwickelt und waren mit der deutschen U21 Vizeeuropameister. Ist die A-Nationalmannschaft inzwischen ein konkretes Ziel?
Siebert: Ehrlich gesagt schielt man natürlich schon darauf. Für die A-Nationalmannschaft zu spielen, wäre für mich ein absoluter Traum und ist auch ein großes Ziel. Aber momentan beschäftige ich mich nicht zu sehr damit. Mein Fokus liegt darauf, bei Lecce konstant meine Leistungen abzurufen und mich weiterzuentwickeln. Ich glaube, wenn ich das schaffe, wird man sehen, wohin der Weg führt.
SPORT1: Ihr Wechsel nach Italien war auch ein Schritt in eine andere Sprache und Kultur. Wie gut kommen Sie inzwischen mit Italienisch zurecht? Und hat Ihnen das Leben außerhalb Ihrer gewohnten Umgebung auch persönlich geholfen?
Siebert: Ich habe Italienischstunden genommen und mittlerweile läuft es wirklich gut. Ich kann mich im Alltag verständigen und verstehe auch schon vieles. Natürlich ist mein Italienisch noch nicht perfekt, aber ich arbeite regelmäßig mit meiner Lehrerin daran, die mir dabei sehr hilft. Das Leben hier ist natürlich anders als in Deutschland, aber ich habe mich gut zurechtgefunden. Ich glaube, dass mir dieser Schritt nicht nur als Fußballer, sondern vor allem auch als Mensch unglaublich viel gegeben hat. Man lernt, selbstständiger zu werden, sich auf neue Situationen einzustellen und auch mal seine Komfortzone zu verlassen.
SPORT1: Wo soll Ihre Reise hingehen? Ist Lecce für Sie der richtige Ort, um sich langfristig in der Serie A zu etablieren, oder träumen Sie von einem italienischen Topklub oder einer anderen europäischen Spitzenliga?
Siebert: Mein Ziel ist es, das Beste aus mir herauszuholen und mich ständig weiterzuentwickeln. Natürlich habe ich große Ambitionen und möchte in meiner Karriere so viel wie möglich erreichen. Aber ich weiß auch, dass man im Fußball nicht alles planen kann. Deshalb konzentriere ich mich auf das Hier und Jetzt, möchte bei Lecce weiterhin gute Leistungen zeigen und jeden Tag besser werden. Wohin mich mein Weg am Ende führt, wird man sehen.