Woltemade: Zwei Wettbewerbe, zwei Wahrheiten?
Diese Worte hat der Bundestrainer für ein DFB-Sorgenkind
In Europa sammelt Nick Woltemade Scorerpunkte, in Italien regt seine Torflaute zunehmend kritische Stimmen an. Der Denkzettel von Bundestrainer Jürgen Klopp ist die Konsequenz eines Widerspruchs, den er bislang nicht lösen kann.
Es hätte ein guter Tag für Nick Woltemade sein können, eigentlich. Beim 2:1-Erfolg von Juventus Turin gegen AZ Alkmaar am Donnerstag bereitete der deutsche Stürmer den nächsten Treffer auf internationaler Bühne vor. Vier Spiele, drei Tore, zwei Vorlagen – seine Bilanz in der Europa League kann sich sehen lassen.
Doch ausgerechnet an diesem Tag musste Woltemade eine weniger schöne Nachricht verkraften: die Nicht-Nominierung von Bundestrainer Jürgen Klopp für die nächsten Länderspiele. Es ist die Folge seiner weniger starken Auftritte im Ligaalltag in der Serie A.
Nick Woltemade: In der Serie A läuft’s nicht
Acht Spiele, kein Tor, keine Vorlage: Woltemades Torflaute in der Liga hat in Italien längst eine Debatte über seine Qualitäten entfacht. Die Geduld mit dem deutschen Angreifer schwindet, die Zweifel an seiner Durchschlagskraft wachsen.
Null Scorerpunkte in acht Einsätzen sind zu wenig für einen Spieler, der als Verstärkung für die Offensive ausgeliehen wurde – zumal Juventus in der Liga selbst um Konstanz ringt und dringend Spieler benötigt, die gute Ansätzen zu zwingenden Toren machen. Mit 17 Punkten nach zehn Spielen stehen sie lediglich auf dem 7. Tabellenplatz.
Dass Woltemade auch in seiner aktuellen Form mehr kann, als ihm in der Serie A gelingt, bewies er dabei gegen Alkmaar, wo der 1,98 Meter große Angreifer vor allem als Verbindungsspieler überzeugte. Schon nach fünf Minuten schickte er Randal Kolo Muani mit einem präzisen Steilpass in die Tiefe, später legte er dem Franzosen nach einer schnellen Kombination das 2:0 auf. Woltemade schaffte damit Räume und Abschlussmöglichkeiten für seine Mitspieler.
In der Serie A schafft Woltemade es nicht auf dieselbe Weise, seine Mitspieler erfolgreich in Szene zu setzen oder als Mittelstürmer selbst zum entscheidenden Mann zu werden. Genau an dieser Diskrepanz entzündet sich die Kritik.
In Italien wächst die Ungeduld
Noch Ende Oktober hatte die Gazzetta dello Sport Woltemade für „alles andere als einen Flop“ erklärt und seine wachsende Bedeutung für Juventus hervorgehoben. Unter Trainer Luciano Spalletti habe sich der Deutsche zunehmend zu einer festen Größe entwickelt. Die Juventus-Mitglieder wählten den Deutschen zuletzt auch zum Spieler des Monats Oktober.
Doch die Anerkennung für seine spielerischen Qualitäten ging schon damals mit Zweifeln an seiner Durchschlagskraft einher: Der frühere italienische Nationalstürmer Marco Borriello fand bereits vor dem Ligaspiel gegen den CFC Genua deutliche Worte. Woltemade sei ein „langer, technisch versierter Schlacks, aber auch berechenbar“, erklärte er gegenüber der Gazzetta. Auch das Zusammenspiel mit Randal Kolo Muani überzeugte ihn nicht: „Beide mögen den Strafraum nicht.“
Nach der anschließenden 0:2-Niederlage gegen Genua verschärfte sich die Kritik. Woltemade wurde erst zur Halbzeit eingewechselt, konnte der Offensive aber nicht die erhofften Impulse geben. Die Gazzetta dello Sport bemängelte seinen fehlenden „Killerinstinkt“ und vergab die Note 5,5.
Besonders bissig fiel die Kritik an der Strafraumpräsenz aus: Woltemade und Kolo Muani würden den gegnerischen Sechzehner „meiden wie der Teufel das Weihwasser“, hieß es bei Tuttosport.
Basler spottet, Reif zweifelt
Auch in Deutschland ist die Kritik rauer geworden. „Was willst du mit Woltemade? Der trifft kein Hochhaus“, spottete Mario Basler im SPORT1 Fantalk nach dem DFB-Aus. Marcel Reif formulierte seine Kritik in seinem Bild-Podcast weniger plakativ, traf aber im Endeffekt denselben empfindlichen Punkt: „Er ist weder in Form noch hast du das Gefühl, dass er dir weiterhelfen kann. Er muss wieder zu sich selber finden.“
Es sind harte Urteile über einen Spieler, der noch vor eineinhalb Jahren als Hoffnungsträger schlechthin im deutschen Angriff galt. Nach seinem ersten Auftritt für den A-Kader der Nationalmannschaft im Juni 2025 und dem Wechsel vom VfB Stuttgart zu Newcastle United schien Woltemades Karriere steil nach oben zu zeigen.
Doch der Wechsel in die Premier League brachte nicht die erhoffte Entwicklung. Bei Newcastle verlor er zunehmend an Bedeutung, ehe die Leihe zu Juventus Turin einen Neustart ermöglichen sollte. In Italien bekommt Woltemade seine Chancen. Die Frage ist inzwischen weniger, ob er spielen darf, sondern wie viel er mit seiner Spielzeit anfangen kann.
Klopp sieht Fortschritte – und verzichtet trotzdem
Jürgen Klopp hat darauf eine differenzierte Antwort. Der Bundestrainer sieht Woltemade bei Juventus „auf einem guten Weg“, wie er im DFB-Interview verkündete. Er weiß um die Schwierigkeiten, die ein Wechsel in ein neues Umfeld mit sich bringt. Und er erkennt die Fortschritte des 24-Jährigen an. Klopps Einschätzung enthielt dennoch einen entscheidenden Vorbehalt: „Die absolute Torgefahr geht ihm ab.“
Klopp sprach von „einer schwierigen Entscheidung“ – trotzdem verzichtete er bei der Nominierung für die Nations-League-Spiele gegen Serbien und die Niederlande auf Woltemade. Stattdessen kehrt unter anderem der neun Jahre ältere Niclas Füllkrug ins Aufgebot zurück, der bei Werder Bremen zuletzt zum Torgaranten avanciert war.
Für Woltemade ist es die erste Nichtnominierung seit seinem Debüt im Juni 2025 und eine neue Stufe im Kampf mit sich selbst. Es muss sich zeigen, ob Klopps Denkzettel eine dauerhafte Motivationsspritze für ihn sein wird oder eine Entmutigung, die seine Sinnkrise noch verschärft.
Weitere News
Das Gastspiel beim Tabellen-Sechzehnten AC Florenz am Sonntagabend (20.45 Uhr LIVETICKER) könnte die nächste Gelegenheit für Woltemade sein, sie zu überwinden. Allerdings ist sein Einsatz aufgrund einer Grippe fraglich.