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Der Box-Superstar der Neunziger ist heute kaum wiederzuerkennen

Schillernde Karriere mit Schatten

„Prince“ Naseem Hamed schaffte den Aufstieg aus einer Arbeiterfamilie zum globalen Boxstar. Der steile Aufstieg endete jedoch in einer krachenden Niederlage. Jetzt können Fans das Leben der Ikone auf der Leinwand noch einmal erleben.
Prince Naseem Hamed und Ehefrau Eleasha bei der Ritterehrung 1999
Prince Naseem Hamed und Ehefrau Eleasha bei der Ritterehrung 1999
© IMAGO/Avalon.red
„Prince“ Naseem Hamed schaffte den Aufstieg aus einer Arbeiterfamilie zum globalen Boxstar. Der steile Aufstieg endete jedoch in einer krachenden Niederlage. Jetzt können Fans das Leben der Ikone auf der Leinwand noch einmal erleben.

„Die Geschichte von Prince Naseems Zeit im Rampenlicht liest sich wie ein Hollywood-Drehbuch“, schrieb die BBC im Oktober 2025 über einen der erfolgreichsten britischen Boxer aller Zeiten. Seit Januar können britische Sportfans den rasanten Aufstieg, aber auch den tiefen Fall von „Prince“ Naseem Hamed tatsächlich auf der großen Leinwand bestaunen.

„Ich hatte immer diese Vorstellung, einen Film über Naz zu machen“, erklärte Rowan Athale, Regisseur des Films „Giant“, in dem der frühere Bond-Darsteller Pierce Brosnan Hameds Trainer spielt: „Das Drama hinter dem Superstar im Ring war genauso fesselnd wie das, was im Ring passiert ist.“

Die Bedingungen für eine Weltkarriere waren bei Hamed zunächst nicht unbedingt günstig. Als Sohn einer Familie jemenitischer Abstammung wuchs er über einem kleinen Eckladen im Vorort Wincobank der Stadt Sheffield auf. Dennoch gelang Prince Naseem der Sprung zu einem der bekanntesten muslimischen Sportstars in Großbritannien.

„Prince“ Naseem: Mit 18 Profi - Drei Jahre später Welt- und Europameister

Nachdem sein Vater ihn bereits mit sieben Jahren an den Boxsport heranführte, dauerte es nicht lange, bis sich Hamed zu einem der vielversprechendsten Talente des Sports entwickelte. Mit 18 Jahren feierte er sein Profidebüt im Fliegengewicht und wurde nur zwei Jahre später zum Europameister im Bantamgewicht.

Der vorläufige Höhepunkt des rasanten Aufstiegs an die Weltspitze ereignete sich im September 1995. Ein Jahr nach seinem EM-Titel kämpfte Hamed im Federgewicht gegen den Titelträger Steve Robinson um den WM-Gürtel. Hamed dominierte seinen Gegner, schlug ihn zweimal zu Boden und besiegelte damit einen Machtwechsel in dieser Gewichtsklasse.

Es folgte eine Glanzzeit in den 1990er-Jahren, in der Hamed mehrere WM-Titel im Federgewicht hielt und es mit seinem Linksausleger-Stil mit extremer K.o.-Schlagkraft auf zahlreiche Titelseiten schaffte.

„Er war der Einzige“ - Ein Vorbild mit einem Einfluss wie Ali

Aufgrund seiner Herkunft und seiner Erfolge wurde Hamed schnell zu einem Vorbild für die asiatische Minderheitsbevölkerung in Großbritannien. „Es gibt da draußen wirklich nicht viele Menschen, die unsere Kultur auf der Leinwand repräsentieren, sie sind nicht im Radio präsent und ganz sicher nicht im Sport“, erklärte Filmemacher Athale: „Er war nicht der Nächste – er war der Einzige. Er bedeutete sehr vielen Menschen sehr viel.“

Auch Amer Khan, der unter Trainer Brendan Ingle gemeinsam mit Hamed trainierte, erinnerte sich an das rohe Talent von Hamed: „Wenn man Naz zugesehen hat, war er absolut phänomenal. Anstatt beim Training in den Spiegel zu schauen, sagte Brendan immer, wir sollten Naz im Ring beobachten. Allein durch Zuschauen konnte man unglaublich viel lernen. Ich glaube nicht, dass irgendjemand an ihn herankommt. Naz lag die Welt zu Füßen.“

Er erinnerte sich auch an einen symbolischen Moment der Strahlkraft von Hamed. „Eines Tages kam ich aus der Schule und lief zum Gym. Ich sah einen blauen BMW draußen stehen, ging hinein – und David Beckham wartete darauf, Naz zu treffen. Er ließ David Beckham warten. So groß war sein Einfluss“, sagte Khan.

HBO-Manager Lou DiBella verglich den Einfluss von Hamed einst sogar mit Muhammad Ali und argumentierte, Hamed habe „das Boxen verändert“ und „den Kämpfer als Showman und Entertainer neu definiert“.

Eine Niederlage, die das Karriereende besiegelte

Doch so schnell die Karriere von Prince Naseem zur Spitze führte, so schnell endete sie auch wieder. Nur zehn Jahre lang (1992 bis 2002) konnten Fans die spektakulären Ringauftritte bestaunen, bei denen er einst auf einem fliegenden Teppich einlief oder sich mit einem Salto über das oberste Ringseil katapultierte.

Am 7. April 2001 fand die bis dahin makellose Siegesserie des Showmans ein Ende. In Las Vegas trat Hamed gegen den Mexikaner Marco Antonio Barrera an, der als mehrfacher WBO-Weltmeister im Superbantamgewicht für diesen Kampf aufgestiegen war und sich intensiv vorbereitet hatte. Im Duell um den IBO-Weltmeistertitel gelang es Barrera, dem linken Haken von Hamed auszuweichen und immer wieder eigene Treffer zu landen.

Der stilistisch ohne eigene Deckung kämpfende Hamed unterlag am Ende einstimmig nach Punkten. Bis heute ist der Kampf mit 310.000 Pay-per-View-Käufen jedoch der erfolgreichste Federgewichtskampf in den USA.

Im Mai 2002 kehrte Naz noch ein letztes Mal in den Ring zurück und besiegte den spanischen Europameister Manuel Calvo einstimmig nach Punkten. Auch wenn Hamed und sein Team eine schnelle Rückkehr ankündigten, sollte es dazu nicht mehr kommen. Offiziell bestätigte er seinen Ruhestand aber erst deutlich später und führte zahlreiche Verletzungen und Operationen an seiner Hand als Grund an.

Ritterorden abgenommen: Ein Skandal, der eine schillernde Karriere überdeckt

Mit nur 28 Jahren hatte der Superstar sämtliche WM-Titel verloren. 2006 folgte schließlich der nächste Tiefpunkt, nachdem Hamed zu 15 Monaten Haft und vier Jahren ohne Fahrerlaubnis verurteilt wurde.

Der Grund: Prince Naseem setzte mit 145 km/h zu einem Überholmanöver an und kollidierte mit einem anderen Auto. Der Fahrer erlitt schwere Verletzungen, während Hamed den Unfallort verließ. Die Verurteilung kostete den Boxer auch seinen Ritterorden, der ihm noch im selben Jahr aberkannt wurde.

In den vergangenen Jahren ist Hamed, der inzwischen stark an Gewicht zugelegt hat, eher aus der Öffentlichkeit verschwunden. Vor einigen Jahren gab es Schlagzeilen über einen hässlichen innerfamiliären Streit um Geld und das Erbe seiner verstorbenen Mutter - der zu seinen körperlichen Problemen beigetragen haben soll.

„Es ist tragisch - er hätte noch mehr erreichen können“

Trotz der Eskapaden und Skandale um Hamed traten in den vergangenen Jahren eher wieder die positiven Seiten seines Vermächtnisses in den Vordergrund. 2015 wurde er in die International Boxing Hall of Fame aufgenommen und erhielt 2019 vom Magazin The Ring den Ehrentitel im Federgewicht. Unter zahlreichen Experten und Medien gilt der Vater zweier Söhne - die sich ebenfalls als Boxer versuchten - bis heute als einer der besten Boxer seiner Zeit.

„Er hat mehr erreicht als fast jeder andere – und es ist so tragisch, weil er noch mehr hätte erreichen können“, sagte Regisseur Athale über den heute 51-Jährigen „Prince“ Naseem Hamed. Dennoch schrieb ESPN-Journalist Dan Rafael über den Box-Superstar: „Einer der größten Stars seines Sports – er füllte Arenen, noch bevor überhaupt ein Gegner feststand.“

„Ich denke, er war zeitweise der aufregendste Kämpfer, mit dem ich je zu tun hatte“, blickte Boxpromoter Frank Warren einst auf die Karriere von Hamed zurück und meinte: „Zu Beginn seiner Karriere hätte er zu einem der großen Kämpfer werden können. Aber das verschwand, als er nicht so regelmäßig kämpfte, wie er sollte, wenn er beim Training Abkürzungen nahm. Von da an hat es für ihn einfach nicht mehr funktioniert.“