Den Namen Eric Liddell kennen hierzulande die wenigsten. Auch die Oscar-gekrönte Verfilmung seines kurzen, bewegten Lebens aus dem Jahr 1981 sagt eher nur noch Cineasten etwas. Die Musik, mit der sie untermalt wurde, kennt dagegen jeder.
Ein Olympia-Mythos, der noch lange nach seinem Tod bewegte
Ein besonderer Olympia-Mythos
„Chariots of Fire“ von der griechischen Filmmusik-Legende Vangelis (1492, Blade Runner) ist längst ein moderner Klassiker. Unzählige Male wurde zitiert und kopiert, wie Hauptdarsteller Ben Cross zu den elegischen, damals revolutionären Synthesizer-Klängen dem Ziel entgegenrennt.
Es ist die Standard-Vertonung dramatischer Zeitlupensequenzen in Sportfilmen und deren Parodien, auch bei Olympia kam das Stück viele Male zu Ehren – etwa bei der Eröffnungsfeier 2012 in London, als „Mr. Bean“ Rowan Atkinson eine Comedy-Nummer dazu hinlegte.
Der Mythos von Eric Liddell, der in dem Film (deutscher Titel: „Die Stunde des Siegers“) Thema ist, hat sich in der Popkultur längst verselbstständigt. Die reale Geschichte des einstigen 400-Meter-Olympiasiegers, der heute vor 80 Jahren verstorben ist, ist dabei immer noch eine beeindruckende – und traurige.
Rugby-Nationalspieler und Leichtathletik-Ass
Liddell, am 16. Januar 1902 als Sohn eines schottischen Missionars in China geboren, hatte sich in den Zwanzigerjahren des 20. Jahrhunderts als Sportphänomen der besonderen Art einen Namen gemacht.
Das Multitalent entwickelte sich an einem Missionars-College in London und später an der Universität von Edinburgh zu einem Spitzenathleten in mehreren Sportarten: Er war Rugby-Nationalspieler und erwarb sich als pfeilschneller, Rekorde brechender Leichtathletik-Sprinter den Spitznamen „The Flying Scotsman“.
Frühzeitig sahen Zeitungsreporter in Liddell einen kommenden Olympiasieger. Und in Paris 1924 erfüllte er das Versprechen – auf andere Art als gedacht.
Ein Olympiasieg mit besonderer Geschichte
Liddell trat in Paris nicht beim 100-Meter-Rennen an, das eigentlich seine Paradedisziplin war – aber die Ansetzung war nicht mit seinem Glauben vereinbar.
Zum Vorlauf hätte Liddell an einem Sonntag antreten müssen, aber für ihn kam nicht infrage, am Tag des Herrn seiner weltlichen Berufung nachzugehen. Er hielt stattdessen vor schottischen Landsleuten eine Predigt.
Über die 400 Meter ließ der Wettkampfkalender zu, dass Liddell mitmischte. Und obwohl er eher als Außenseiter ins Rennen ging, gewann er das Finale in Weltrekordzeit. Die Legende vom „fliegenden Pastor“ war geboren.
Tragisches Ende in japanischem Konzentrationslager
Im Jahr nach seinem Olympiasieg beendete Liddell sein Studium in Wissenschaftstheorie und widmete sich fortan dem religiösen Familienerbe.
Er zog zurück nach China und wurde dort ebenfalls Missionar. 1932 wurde er zum Pfarrer ordiniert. Dem Sport blieb er nebenbei verbunden, war in seiner Wahlheimat Tianjin an der Gestaltung eines Stadions beteiligt, das die Londoner Stamford Bridge zum Vorbild hatte.
Als im Jahr 1937 der zweite Japanisch-Chinesische Krieg begann, entschied sich Liddell gegen den Rat der englischen Regierung, im Land zu bleiben, während seine Frau und seine drei Kinder nach Kanada zogen.
1943 wurde Liddell von den japanischen Invasoren gefangen genommen und in einem Konzentrationslager festgehalten. Er starb dort am 21. Februar 1945 mit nur 43 Jahren an einem Gehirntumor.
In Schottland ist Liddell bis heute ein Mythos
Zeitzeugen erzählten viele Geschichten, wie Liddell mit seinem Lebensmut auch in schwerster Stunde den anderen Gefangenen noch Kraft gab.
Die Erinnerung an Liddell blieb in der Heimat weit über seinen Tod hinaus präsent: Als Liddells Landsmann Allan Wells 1980 in Moskau das olympische 100-Meter-Rennen gewann, widmete er Liddell den Sieg.
2002 wurde er in die Scottish Sports Hall of Fame aufgenommen und von Fans zum beliebtesten schottischen Sportler des Jahrhunderts gewählt. Die Universität von Edinburgh hält das Gedenken mit einem nach ihm benannten Sportstipendium am Leben.