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Ein Kunststück, das niemand je wieder schaffte

Eine unvergessene Leistung

Am 24. Mai 1941, also heute vor 84 Jahren, schaffte der deutsche Leichtathlet Rudolf Harbig etwas Einmaliges: Er holte sich drei Weltrekorde über unterschiedliche Strecken. Ein Novum, das bis nach wie vor Bestand hat.
Vor 84 Jahren stellte Rudolf Harbig (m.) einen Weltrekord über 1.000 Meter auf
Vor 84 Jahren stellte Rudolf Harbig (m.) einen Weltrekord über 1.000 Meter auf
© Imago
Am 24. Mai 1941, also heute vor 84 Jahren, schaffte der deutsche Leichtathlet Rudolf Harbig etwas Einmaliges: Er holte sich drei Weltrekorde über unterschiedliche Strecken. Ein Novum, das bis nach wie vor Bestand hat.

Wenig, sehr, sehr wenig deutete darauf hin, dass der 24. Mai 1941 ein wohl für alle Zeiten geschichtsträchtiger Tag werden könnte. Kühler, unangenehmer Wind pfiff durch das Dresdner Ilgen-Stadion, vorangegangener Niederschlag erschwerte das Laufen auf der Aschenbahn zusätzlich. Für Rudolf Harbig, den Lokalmatadoren, galt trotzdem nur eines: Der Weltrekord über 1.000 Meter sollte endlich fallen.

Zahlreiche Schaulustige versammelten sich deshalb in Harbigs Heimatstadt. Und einige von ihnen dürften bereits lange vorher geahnt haben, dass sich der Besuch lohnen würde. Schließlich war die größte Stärke des Ausnahmeläufers, der Endspurt, dermaßen imposant, dass nicht einmal das grausige Wetter etwas daran ausrichten konnte. So auch an diesem Tag. Als etwa 800 Meter absolviert waren, setzte sich Harbig an die Spitze des Feldes.

Harbig macht Weltrekord-Triple perfekt

Schon zu diesem Zeitpunkt war klar: Es sah extrem gut aus. Der schwer zu laufenden Aschenbahn zum Trotz flog Harbig dem Ziel entgegen – und schaffte am Ende tatsächlich das, was weder vor oder nach ihm jemals ein anderer Leichtathlet vollbrachte. Nach seinen Fabel-Weltrekorden zwei Jahre zuvor über 400 Meter (46,0 Sekunden) und die 800 Meter (1:46,6 Minuten) rannte er heute vor genau 84 Jahren die 1.000 Meter in 2:21,5 Minuten – so schnell wie kein Mensch zuvor.

Ein Wahnsinn. Damit steigerte der damals 27-Jährige die knapp elf Jahre alte Rekordmarke des Franzosen Jules Ladoumègue um satte zwei Sekunden. Das Weltrekord-Triple über 400, 800 und 1.000 Meter war perfekt. Eine einmalige Leistung. Harbig ist bis heute der einzige Läufer, der gleichzeitig die Weltrekorde über 400, 800 und 1.000 Meter innehatte. Und die damaligen Umstände machten den Coup noch spezieller.

Seine letzte Bestmarke, die nicht von ungefähr 16 Jahre lang Bestand hatte, stellte der Dresdner in einer Zeit voller Leid und Grausamkeit auf. Schon mehr als eineinhalb Jahre tobte damals der von Nazi-Deutschland entfachte Zweite Weltkrieg in Europa, der Millionen Opfer fordern sollte. Eines von ihnen war unter anderem: Rudolf Harbig. 1944 wurde er an der Ostfront in der Ukraine nach schweren Gefechten von seiner Fallschirmjägerdivision als vermisst gemeldet. Das traurige Ende eines schillernden Lebens.

Ein spät entdeckter Wunderläufer

Sein steiler Aufstieg war keinesfalls abzusehen. Der am 8. November 1913 geborene Sohn eines Heizers kam im frühen Jugendalter zunächst beim TuS Frisch Auf Tauchau mit der Leichtathletik und dem Feldhandball in Berührung. Entdeckt wurde er schließlich 1934 beim „Tag des unbekannten Sportlers“, den der NS-Sport als Talentsichtung für die Olympischen Spiele 1936 in Berlin durchführte. Seinem Trainer Woldemar Gerschler war das Naturtalent Harbigs allerdings bereits 1931 beim Handball aufgefallen.

So begann Harbig erst 1935, im Alter von 22 Jahren, mit dem systematischen Training. Das hinderte ihn allerdings nicht daran, bereits ein Jahr später Deutscher Meister über 800 Meter zu werden. Bei den Olympischen Spielen 1936 in Berlin gewann er Bronze mit der 4x400-Meter-Staffel, schied aber aufgrund einer Krankheit in seinen Vorläufen über 400 und 800 Meter jeweils aus. Zwei Jahre später, 1938, trumpfte er dann auf: In Paris siegte er bei der Europameisterschaft über 800 Meter und mit der 4x400-Meter-Staffel. Plötzlich stieg der gelernte Stellmacher zum großen Star empor.

Am 12. August 1939 stellte er in Frankfurt am Main den sensationellen Weltrekord über 400 Meter auf. Im selben Jahr holte er sich diese Bestmarke auch über 800 Meter – bei einem denkwürdigen Duell mit Mario Lanzi. Der Italiener legte damals vor heimischer Kulisse in Mailand ein unfassbares Tempo vor. Doch auf der Zielgeraden stürmte Harbig von hinten heran und letztlich auch vorbei. „Auf 1:46,6 Minuten war der Zeiger stehen geblieben! Ist eine solche Zeit menschenmöglich?”, fragte sich sein Trainer Gerschler damals.

Harbig wurde in der BRD und DDR als Vorbild gefeiert

Erst als der Stadionsprecher „Record mondiale“ verkündete, realisierte der Coach langsam, was geschehen war. Harbig war unglaubliche 1,8 Sekunden schneller als alle Zeiten, die jemals zuvor über 800 Meter gelaufen worden waren. Nach dem Krieg berichtete Gerschler einmal, er habe die Stoppuhr von diesem „sagenhaften Rekord in Mailand“ nie wieder auf Null gestellt, um sie als Dokument der Sportgeschichte aufzubewahren. Denn nur wenige Wochen später wurde all das schnell zur Nebensache. Mit dem deutschen Überfall auf Polen begann der Zweite Weltkrieg.

Harbig zog es aus Dresden zum Fallschirmjäger-Bataillon nach Wolfenbüttel. Der in der Nähe liegende Verein Eintracht Braunschweig schaltete damals schnell und gewann den Wunderläufer für seine Leichtathletik-Abteilung. Schnell kristallisierte sich Harbig dabei als bodenständiger, ausgesprochen sympathischer Mann ohne Starallüren heraus. Er wurde als Sportler geschätzt, dabei kam die menschliche Seite jedoch nie zu kurz. So wurde er nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs sowohl in der Bundesrepublik als auch in der DDR als Vorbild gefeiert.

Über die Umstände seines Todes ist bis heute wenig bekannt. Augenzeugen aus seinem direkten Umfeld berichten, dass Harbig während einer Kampfpause von einem Geschoss verwundet worden sei. Andere Soldaten sagten, er sei bei einem Rückzugsgefecht in einem Wald gefallen und konnte nicht geborgen werden. Auch die Explosion einer Handgranate könnte die Ursache gewesen sein. Harbig gilt seit dem 5. März 1944 als vermisst. Dennoch berichtete die Bild im Jahr 1954, dass Harbig 1945 in einem armenischen Gefangenenlager verstorben sei.