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"Unsäglich": Leichtathletik-Legende sauer über Umgang mit DDR-Erbe

„Unsäglich“: Legende rechnet ab

Leichtathletik-Ikone Ulrike Nasse-Meyfarth wird am Montag 70 Jahre alt. Zu ihrem Ehrentag zieht die zweimalige Olympiasiegerin in einem Interview heftig vom Leder und verteidigt Sportler aus der früheren DDR .
Ulrike Nasse-Meyfarth wird am Montag 70 Jahre alt
Ulrike Nasse-Meyfarth wird am Montag 70 Jahre alt
© IMAGO/Panama Pictures
Leichtathletik-Ikone Ulrike Nasse-Meyfarth wird am Montag 70 Jahre alt. Zu ihrem Ehrentag zieht die zweimalige Olympiasiegerin in einem Interview heftig vom Leder und verteidigt Sportler aus der früheren DDR .

Mit gerade einmal 16 Jahren war eine deutsche Schülerin eine der Attraktionen der Olympischen Spiele 1972 in München und gewann sensationell Gold im Hochsprung. Zwölf Jahre später wiederholte Ulrike Nasse-Meyfarth ihren Olympiasieg in Los Angeles. Am Montag feiert die frühere Leichtathletin ihren 70. Geburtstag – und ist keinesfalls leise geworden.

In einem vor ihrem Ehrentag geführten Interview bricht Nasse-Meyfarth mit deutlichen wie kritischen Worten eine Lanze für ihre Sportkollegen aus der früheren DDR – und wirft der Sportszene aus dem früheren Westdeutschland „Arroganz und Ignoranz“ vor.

Nasse-Meyfarth verurteilt Blick auf DDR-Sportler

„Ich finde es unsäglich, wie wenig Respekt ostdeutschen Olympiasiegern, Weltmeistern und sonst erfolgreichen Athleten von den Westdeutschen entgegengebracht wurde und wird“, sagte die zweimalige Olympiasiegerin der Welt am Sonntag: „Die hierzulande auf den Sport in Westdeutschland fokussierte Erinnerungskultur macht mich sauer.“

Nasse-Meyfarth stößt vor allem auf, dass DDR-Sportler weiterhin in eine Schublade gesteckt werden: „Stereotyp und pauschal werden immer wieder die Themen institutionelles Doping und Stasi-Mitgliedschaft bei den DDR-Sportlern aufgemacht. Dabei wird nicht hinterfragt, ob jemand wissentlich die nur in Akten geschilderten Dopingpraktiken mitgemacht hat oder ob ein in die Stasi verwickelter Sportler jemand verriet oder schadete. Dagegen wird geflissentlich das insbesondere vor dem Mauerfall vorsätzlich praktizierte Individualdoping der Westdeutschen ignoriert.“

Großes Interesse an DDR-Sportlern

Nasse-Meyfarth selbst habe den Kontakt mit ihren Kolleginnen und Kollegen aus der früheren DDR stets als bereichernd empfunden: „Die Hochsprung-Lady, die nur die westliche Welt wirklich kennt, war und ist sehr interessiert daran, wie das Leben in der DDR im Allgemeinen und im Sport im Speziellen abgelaufen ist. Es ist spannend, von den Lebensverläufen der DDR-Sportler zu erfahren, die gegensätzlicher zu denen der BRD-Sportler nicht sein konnten.“

Aus diesem Grund „fuhren wir viele Jahre auf die Insel Usedom nach Zinnowitz, um beim dortigen Sportlerball mit Dutzenden erfolgreichen DDR-Athleten dabei zu sein. Meist waren wir die einzigen Gäste aus dem Westen“. Auch bei anderen Gelegenheiten hätten Meyfarth und ihr Mann Roland Nasse zur DDR-Legenden wie Marlies Göhr, Renate Stecher, Roland Matthes oder Kornelia Ender gesucht.

Nasse-Meyfarth findet: Die „Ignoranz und Arroganz der westdeutschen Sportszene“ sei zudem eine Ursache für die mangelnden sportlichen Triumphe im vereinten Deutschland, so die klare Meinung der Leichtathletik-Ikone.

„Es war auch kurzsichtig und überheblich vom Westen, im Zuge der Wiedervereinigung nicht das in der DDR praktizierte Talentsichtungs-, Auswahl- und Fördersystem übernommen zu haben“, kritisiert Nasse-Meyfarth. „Es war die Basis für den Erfolg, nicht das Doping. Hätte der Sport im wiedervereinigten Deutschland sich an diesem System orientiert, stünde er nicht so desolat da wie seit Jahren.“

Ex-Hochspringerin: „Nichts war mehr normal“

Alles andere als desolat war dagegen, was sich am 4. September 1972 in München abspielte: Gold im Hochsprung vor fast 80.000 Zuschauern, und das im zarten Alter von 16 Jahren und 123 Tagen – bis heute ist Nasse-Meyfarth die jüngste Leichtathletik-Olympiasiegerin in einer Einzeldisziplin. Das 1,88 Meter große Mädchen aus Wesseling bei Köln stellt sogar die Weltrekordhöhe von 1,92 Meter ein. Es folgt Ekstase in unvergesslichem Ausmaß.

Der 4. September 1972 gilt als die Geburtsstunde eines Phänomens. Nasse-Meyfarth sorgte für den größten deutschen Moment der Heimspiele in München, von denen international vor allem die Gold-Serie von Schwimm-Star Mark Spitz in Erinnerung ist – und das schreckliche Terror-Attentat auf die israelische Mannschaft am Tag nach Meyfarths Triumph.

Die Leichtathletin ist als deutsche Sportheldin im Gedächtnis vieler Sportfans haften geblieben. Weniger bekannt ist, wie sehr sie unter den damit verbundenen Lasten litt.

„Nichts war mehr so, wie es sein sollte“, erinnerte sie sich später im SZMagazin: „Nichts war mehr normal.“ Die Ex-Leichtathletin, die 1972 auch davon profitierte, dass sie als Newcomerin eine der ersten war, die den vier Jahre zuvor von Dick Fosbury erfolgreich entwickelten Fosbury-Flop als Sprungtechnik anwandte, hatte in den Jahren nach ihrem Coup Probleme, ihre Leistungen zu bestätigen.

Der Trubel und die Erwartungshaltung nach dem Sieg in München trugen dazu bei – die aufs Berühmtsein nicht vorbereitete Meyfarth hatte Selbstzweifel, fürchtete einen Moment unverdienten Glücks erlebt zu haben, der nie mehr wiederkommen würde.

Selbst die Erinnerung an den Sieg sei bei aller Freude etwas getrübt gewesen: „Ich hab gesehen, wie mein Name auf der Anzeigentafel immer höher kletterte. Und wie das Publikum hinter mir stand. Aber als ich die 1,90 Meter einmal gerissen habe, haben sie gebuht. Die können auch anders, dachte ich da.“

Historisch später Sieg zwölf Jahre nach München

1976 erlebte die gebürtige Hessin bei den Olympischen Spielen in Montreal einen besonderes bitteren Moment: Sie schied mit 1,78 m in der Qualifikation aus, Gold ging an Rosemarie Ackermann aus der DDR. Auch bei den Europameisterschaften 1974 und 1978 verpasste sie die Medaillenränge.

Als Meyfarth nach einem Trainerwechsel und einer Neuorganisation ihrer Trainingsstrukturen auf dem Weg nach oben war, nahm ihr 1980 der Boykott der Spiele in Moskau die nächste Gold-Chance, ein EM-Sieg 1982 und Silber bei der WM 1983 in Helsinki verschafften ihr dann aber wieder Auftrieb – und zwölf Jahre nach ihrem Münchner Triumph gelang ihr 1984 in Los Angeles die Krönung.

Unweit von Hollywood bestieg sie wieder die große Bühne, in einem packenden Duell mit der Italienerin Sara Simeoni gewann die damals 28-Jährige erneut die Goldmedaille und steigerte sich im Vergleich zum Sieg in München um zehn Zentimeter – wobei sie ihrerseits vom sowjetischen Gegen-Boykott profitierte, unter anderem fehlte Helsinki-Weltmeisterin Tamara Bykowa in Kalifornien.

Erfülltes Leben nach der Karriere

Zweimal Gold mit zwölf Jahren Abstand, das gelang bis heute keiner weiteren Athletin: Meyfarth beendete bald nach dem letzten großen Triumph dann auch ihre ruhmreiche Karriere, in deren Verlauf sie auch viermal in Folge Sportlerin des Jahres wurde (1981 bis 1984) und drei „Goldene Ottos“ des Jugendmagazins Bravo gewann.

1987 heiratete Meyfarth den Kölner Rechtsanwalt Roland Nasse, die Mutter zweier Töchter wurde als Trainerin sowie Talentsichterin beim TSV Bayer 04 Leverkusen und für zahlreiche soziale Zwecke aktiv. 2011 zog sie in die Hall of Fame des deutschen Sports ein, die Ehrung des Weltverbands IAAF lehnte sie 2015 wegen der Skandale um den damaligen Chef Lamine Diack ab.

Der 2021 verstorbene Senegalese hatte Doping von vorwiegend russischen Leichtathleten vertuscht und dafür viel Geld kassiert. „Von solch einem – mit Verlaub – Dreckschwein wollte ich mich nicht ehren lassen“, erklärte Nasse-Meyfarth nun der WAMS. „Die gebuchten Flüge nach Monaco und das Hotelzimmer wurden wieder storniert. In den Tagen danach bekam ich tatsächlich noch einen Drohanruf vom Generalsekretär des Weltverbandes. Das war echt crazy. Seitdem gab es keine Anfrage mehr.“

Bis heute überstrahlt der erste große Sieg der jungen Ulrike Meyfarth in München alles, was später kam. Die heute 70-Jährige betonte mehrfach, dass sie es schade findet: Der Sieg in Los Angeles nach dem langen und steinigen Weg dorthin sei ihr mindestens genauso wichtig.

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Mit Sport-Informations-Dienst (SID)