Die Tränen liefen Marlene Meier unaufhörlich über die Wangen. Sie wischte sie nicht weg. Vielleicht, weil sie ohnehin nicht zu stoppen gewesen wären. Vielleicht auch, weil in diesem Moment jeder sehen sollte, wie schmerzhaft Sport sein kann.
Die traurigste Geschichte der Deutschen Meisterschaft
Diese Tränen gehen unter die Haut
Dabei hatte die Tochter der deutschen Leichtathletik-Legenden Heike Henkel und Paul Meier gerade alles andere als versagt. Im Gegenteil. Die 24-Jährige lief bei den Deutschen Meisterschaften in Wattenscheid über 100 Meter Hürden starke 12,95 Sekunden – und wird wahrscheinlich trotzdem nicht zur Europameisterschaft nach Birmingham (11 – 16. August) fahren.
Die Ironie dieses Sommers: Meier scheiterte nicht an ihrer eigenen Leistung, sondern an der außergewöhnlichen Stärke einer Disziplin, die in Deutschland plötzlich explodiert. Lia Flotow, ihre Konkurrentin um den dritten EM-Platz, war bereits nach 12,84 Sekunden im Ziel. Mit nach Birmingham fahren außerdem die beiden Erstplatzierten Franziska Schuster und Rosina Schneider.
Meier beeindruckt mit bemerkenswerten Worten
Doch während andere möglicherweise über verpasste Chancen hadern würden, überraschte Meier mit einer Haltung, die in Zeiten des Leistungssports fast aus der Mode gekommen ist.
„Lia ist 12,83 gelaufen, ich habe als persönliche Bestleistung 12,84 stehen“, sagte sie im Gespräch mit SPORT1: „Deswegen gehe ich davon aus, dass sie fährt. Und selbst wenn es anders wäre, würde ich sagen: ‚Lasst Lia laufen. Sie war schneller. Das gehört sich so.‘“
Keine Ausreden, kein Lamentieren, kein Ruf nach Ermessensspielräumen. Bloß die schlichte Anerkennung, dass Leistung entscheidet. Dabei wäre es leicht gewesen, den Frust auf das Nominierungssystem oder das knappe Ergebnis zu richten. Doch stattdessen sprach sie über etwas anderes: den Boom des deutschen Hürdensprints.
„Es ist total schön, dass vorne solche Durchbrüche passieren“, sagte Meier, „Das ist an sich etwas richtig Tolles. Im Moment ist es aber schwer, das zu sehen, weil ich gerade die negative Seite davon erlebe.“
Hürden-Sprint erlebt Boom in Deutschland
Tatsächlich erlebt die Disziplin gerade einen bemerkenswerten Aufschwung. Franziska Schuster sorgte mit ihrem Titelgewinn in 12,69 Sekunden – eingestellter Meisterschaftsrekord – für die wohl größte Überraschung dieser Deutschen Meisterschaften.
„Ohne die Mädels wäre diese Zeit heute nicht gekommen. Wären die anderen nicht so stark und die Konkurrenz nicht so hoch, dann wäre diese Zeit niemals herausgekommen“, sagte Schuster nach ihrem Coup bei SPORT1.
Ihre Worte wirken fast wie eine Antwort auf Meiers Enttäuschung: Die außergewöhnliche Leistungsdichte treibt alle nach vorne – und lässt gleichzeitig gute Athletinnen zurück.
Meier bleibt trotz Rückschlag kämpferisch
Auch Silbermedaillengewinnerin Rosina Schneider sieht darin den Schlüssel zur Entwicklung. „Es ist brutal. Es freut mich sehr, dass es jetzt so einen Schub gibt und wir auch in der Breite richtig gut aufgestellt sind.“
Für Meier ist diese Breite in diesem Sommer Fluch und Segen zugleich. Einerseits hebt sie das Niveau der gesamten Disziplin auf ein neues Level. Andererseits hat sie zur Folge, dass selbst Zeiten unter 13 Sekunden nicht für die EM reichen.
Noch überwiegt die Enttäuschung, das hörte man in jedem Satz. „Ich muss mir das Selbstvertrauen jetzt erst einmal zurückholen. Die ersten Tage werden sicher schwierig. Aber so, wie ich mich kenne, werde ich dieses Jahr noch ein paar Rennen machen“, kündigte sie an.
Marlene Meier hat an diesem Wochenende fast alles richtig gemacht. Nur eines nicht. Sie war nicht schnell genug in einer Disziplin, in der Deutschland plötzlich schneller ist als je zuvor. Und während sie sich schließlich doch noch die Tränen aus dem Gesicht wischte, blieb von diesen schmerzhaften Meisterschaften vor allem ein Satz hängen: „Ich lasse mich davon nicht so schnell unterkriegen.“