Er hatte Gold schon in der Hand. Er war der Erste im Ziel, riss die Arme nach oben und genoss die Sekunden seines größten Erfolgs. Doch der Jubel von Leichtathlet Ole Steinbach hielt am Samstagabend nicht lange.
"Korruptes System!" Deutscher tobt nach aberkanntem EM-Titel
„Korruptes System!“ DLV-Youngster tobt
Wenig später war der Titel wieder weg – und aus dem gefeierten Überraschungssieger wurde der große Verlierer eines dramatischen 800-Meter-Finales.
Der 16 Jahre alte Dresdner hatte bei der U18-Europameisterschaft in Rieti eigentlich ein deutlich kleineres Ziel. Das Finale erreichen – mehr nicht. Alles, was danach kommen würde, wäre Zugabe. Doch Steinbach wuchs in seinem bislang wichtigsten Rennen über sich hinaus.
Traumrennen, Jubel – dann der bittere Schock
Im Finale bewies der Nachwuchsläufer taktisches Geschick, blieb in der hektischen Schlussphase ruhig und setzte zum perfekten Zeitpunkt seine Attacke. Mit 1:49,44 Minuten lief er in persönlicher Bestzeit als Erster über die Ziellinie – vor der Konkurrenz aus ganz Europa.
Der vermeintliche Europameistertitel war perfekt, der Moment seines Lebens schien gekommen. Doch dann folgte die bittere Wendung.
Regelwidrigen Ellbogeneinsatz kostet Ole Steinbach den EM-Titel
Nach einer Überprüfung des Rennens entschied das Schiedsgericht: Disqualifikation. Steinbach hatte sich im Gedränge mit einem regelwidrigen Ellbogeneinsatz einen Vorteil verschafft. Die Entscheidung bedeutete das Aus für seinen Titeltraum.
Die Goldmedaille wurde neu vergeben: Der Franzose Axel Mougel-Depoutot rückte mit 1:49,76 Minuten auf Platz eins, Sergio Redondo aus Spanien erhielt Silber (1:49,93), Magnus Riddell aus Großbritannien Bronze (1:50,12).
Für Steinbach war die Enttäuschung riesig. Der Teenager, der wenige Minuten zuvor noch als Europameister gefeiert worden war, musste die wohl schmerzhafteste Erfahrung seiner noch jungen Karriere machen.
Steinbach erhebt schwere Vorwürfe
Doch er reagierte nicht mit Rückzug – sondern mit deutlichen Worten. In seiner Instagram-Story rechnete Steinbach mit der Entscheidung und den Verantwortlichen ab.
„Ich wurde wegen einer technischen Kleinigkeit disqualifiziert, was meiner Meinung nach zeigt, wie korrupt das System geworden ist“, schrieb der Dresdner.
Trotz des verlorenen Titels will sich Steinbach den Moment nicht nehmen lassen. „Die Emotionen und die Gefühle, ein EUROPAMEISTER zu sein, werde ich nie verlieren“, schrieb er weiter: „Denn für mich – und viele andere – bin ich der EUROPAMEISTER.“
Seine Botschaft: Die Ergebnisliste mag einen anderen Namen auf Platz eins führen – für ihn bleibt das Ergebnis des Rennens ein Europameistertitel.
„Korruptes System“ oder gerechte Strafe?
Ganz so eindeutig ist die Situation allerdings nicht. Die Bilder zeigen eine Szene, die die Entscheidung des Kampfgerichts zumindest nachvollziehbar macht. Im dichten Feld setzt Steinbach den Ellenbogen ein und verschafft sich dadurch Platz. Gerade in einem 800-Meter-Rennen, in dem es auf engstem Raum um Positionen und Zentimeter geht, können solche Aktionen entscheidend sein.
Die Disqualifikation scheint deshalb weniger eine willkürliche Entscheidung als eine harte und konsequente Auslegung der Regeln. Der Vorwurf eines „korrupten Systems“ ist entsprechend schwerwiegend und durch die Bilder des Rennens nicht gedeckt.
Dass Steinbach emotional reagiert, ist dennoch verständlich. Mit gerade einmal 16 Jahren erlebt er innerhalb weniger Minuten die komplette Bandbreite des Sports: erst den unerwarteten Triumph, dann die bittere Ernüchterung. Der Schmerz darüber, einen historischen Moment verloren zu haben, dürfte tief sitzen.
Eines bleibt ihm trotzdem: Er hat gezeigt, dass er auf der großen Bühne bestehen kann. Sein Auftritt in Rieti war kein Zufall, sondern ein Ausrufezeichen. Auch ohne Medaille gehört Steinbach zu den Gesichtern dieser U18-EM.
Deutschland jubelt dennoch
Während Steinbach nun für die größte Kontroverse der Titelkämpfe sorgt, erlebt das deutsche Team in Rieti dennoch starke Tage. Für Gold sorgten bislang Stabhochspringer Jonathan Hummel, der mit einer persönlichen Bestleistung von 5,15 Metern Europameister wurde, Kugelstoßer Clesio De Carvalho, der sich mit 20,15 Metern im letzten Versuch den Titel sicherte, sowie Hindernisläuferin Franziska Gräter, die über 2.000 Meter Hindernis triumphierte.
Steinbach hätte der vierte deutsche Goldjubel werden können. Stattdessen schreibt der 16-Jährige eine der dramatischsten Geschichten dieser U18-Europameisterschaften – zwischen Traum, Enttäuschung und einem heftigen Angriff auf die Entscheidung der Kampfrichter.