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"Ich denke, das gesellschaftliche Klima hat sich bereits verändert"

Rechtsruck besorgt Mihambo

Malaika Mihambo ist bereit für die EM - und fühlt sich im Vergleich zu früheren Jahren sogar besser. Im Interview spricht sie über Medaillenchancen, Olympia und ihre Sorge über das gesellschaftlich Klima in Deutschland.
Die Leichtathletik-Europameisterschaften 2026 finden vom 10. bis 16. August in Birmingham statt und bringen über 1.600 Athletinnen und Athleten aus 48 Nationen zusammen, darunter Stars wie Armand Duplantis, Femke Bol und Malaika Mihambo.
Malaika Mihambo ist bereit für die EM - und fühlt sich im Vergleich zu früheren Jahren sogar besser. Im Interview spricht sie über Medaillenchancen, Olympia und ihre Sorge über das gesellschaftlich Klima in Deutschland.

Malaika Mihambo reist mit viel Selbstvertrauen zur heute beginnenden Leichtathletik-EM nach Birmingham. Die Olympiasiegerin von 2021 fühlt sich so stark wie lange nicht, sieht im Training sogar Fortschritte gegenüber ihren besten Jahren und zählt erneut zu den Goldfavoritinnen.

Im SPORT1-Interview spricht die 32-Jährige über ihre Form, die Konkurrenz und den Olympiazyklus Richtung Los Angeles 2028 – aber auch über Demokratie, den Rechtsruck in Deutschland und die Verantwortung von Politik und Sport.

SPORT1: Frau Mihambo, wo stehen Sie aktuell im Vergleich zu Ihren besten Jahren?

Malaika Mihambo: Ich habe in diesem Jahr im Training sehr viele neue Bestleistungen aufgestellt. Von daher würde ich sagen: tendenziell besser. Aber Weitsprung ist eben eine Disziplin, in der nicht alles vorhersehbar ist. Man kann nicht einfach sagen: Ich habe im Training Bestleistungen erzielt, also springe ich sie automatisch auch im Wettkampf. Beim Weitsprung muss man eine ganze Kette von Bewegungen optimal zusammenbringen – den Anlauf, den Absprung, die Flugphase und die Landung. Da kann einiges schiefgehen. Es ist eben nicht so linear wie in anderen Disziplinen oder Sportarten.

Mihambo blickt mit Selbstvertrauen auf die Leichtathletik-EM

SPORT1: Was bedeutet das für die EM in Birmingham?

Mihambo: Dass ich nichtsdestotrotz zuversichtlich bin. Die Trainingsleistungen geben mir Selbstvertrauen. Gleichzeitig weiß ich aber auch, dass für mich immer das Gleiche gilt: Ich konzentriere mich darauf, mein Bestmögliches zu geben. Erst im zweiten Schritt schaue ich darauf, wofür es gereicht hat.

SPORT1: Wer sind derzeit Ihre stärksten Konkurrentinnen in Europa? Ist es vor allem Larissa Iapichino?

Mihambo: Ja, die Italienerin ist natürlich sehr stark. Auch Hillary Kpatcha aus Frankreich ist zuletzt bei den französischen Meisterschaften Bestleistung gesprungen. Dazu kommt Agate de Sousa aus Portugal.

Mihambo: „Dieser Druck hilft mir ohnehin nicht weiter“

SPORT1: Spüren Sie mit Ihrer Erfahrung heute weniger Druck als früher oder bleibt eine Europameisterschaft immer etwas Besonderes?

Mihambo: Eine Europameisterschaft bleibt natürlich etwas Besonderes. Es ist der Hauptwettkampf der Saison und da möchte man optimal vorbereitet sein und sein Bestes zeigen. Mit der Erfahrung ist aber schon eine gewisse Lockerheit dazugekommen. Ich habe schon viel erreicht und weiß inzwischen, dass es nicht schlimm ist, wenn man nicht immer Erste wird oder immer eine Medaille gewinnt. Dieser Druck hilft mir ohnehin nicht weiter. Deshalb versuche ich, mich davon freizumachen und mich auf meine eigene Leistung zu konzentrieren.

SPORT1: Los Angeles ist zwar noch zwei Jahre entfernt, trotzdem läuft der Olympiazyklus längst. Welche Grundlagen legen Sie dafür schon heute?

Mihambo: Im engeren Sinne eigentlich keine. Natürlich trainiert man über den gesamten Olympiazyklus auf diese Spiele hin und jedes Training ist wichtig. Wichtig für das Training ist, dass noch Spielraum besteht, Intensität und Umfang bis Los Angeles weiter zu steigern. In diesem Jahr haben wir den Fokus noch stärker auf Sprinttechnik und Schnelligkeit gelegt. Dabei geht es aber nicht um 100-Meter-Sprints, sondern um den Bereich, den ich für den Weitsprung brauche – also 40 bis 60 Meter. Die Schnelligkeit hat sich sehr gut entwickelt, das zeigen unter anderem die Anlaufgeschwindigkeiten bei den Deutschen Meisterschaften. Auch meine Kraftwerte konnte ich steigern.

Wie Mihambo mit ihrer Rolle als Vorbild umgeht

SPORT1: Hat sich Ihr Training im Vergleich zu früher grundsätzlich verändert?

Mihambo: Eigentlich nicht. Man kommt immer wieder auf dieselben Bausteine zurück. Manche Übungen tauscht man aus oder verändert sie, aber die Grundlagen bleiben. Ich habe meinen Trainingsplan allerdings um Pilates, Yoga, Neuroathletik und Feldenkrais erweitert. Dabei geht es um die Ansteuerung und die Beweglichkeit des Körpers und darum, Bewegungen besser kontrollieren zu können. Damit habe ich schon im vergangenen Jahr begonnen und das jetzt weiter vertieft.

SPORT1: Mit Ihren sportlichen Erfolgen sind Sie für viele Menschen zu einem Vorbild geworden. Empfinden Sie diese Vorbildrolle nur auf der Tartanbahn oder auch darüber hinaus?

Mihambo: Ich empfinde diese Rolle auch darüber hinaus, weil man das gar nicht voneinander trennen kann. Natürlich nehmen die Menschen vor allem die Wettkämpfe wahr. Aber sie sehen auch, wie ich mit meinen Konkurrentinnen umgehe, wie ich mich gegenüber Fans verhalte oder wie ich mit meinem Trainer umgehe. Das sind alles Dinge, die ebenfalls wahrgenommen werden. Gerade in Zeiten von Social Media, in denen man permanent Einblicke in sein Leben gibt, finde ich es wichtig, sich Gedanken darüber zu machen, welche Botschaften man nach außen sendet.

SPORT1: Sie haben einmal gesagt, Demokratie sei keine Selbstverständlichkeit, sondern etwas, das jeden Tag verteidigt werden müsse. Haben Sie das Gefühl, dass wir diesen Punkt erreicht haben?

Mihambo: Ich denke, das ist ein Prozess. Deshalb ist der Einsatz für unsere Demokratie jeden Tag gefragt – egal, wie rosig oder wie dunkel die Zeiten gerade sind. Die Demokratie ist nicht gottgegeben. Wir müssen als Gesellschaft jeden Tag unser Bestes geben, damit sie funktioniert. Dazu gehört, dass wir unsere Politiker immer wieder zu Transparenz ermahnen und darauf achten, dass Gesetze so gestaltet und angewendet werden, dass Informationen offen zugänglich sind und für alle Bevölkerungsgruppen mitgedacht werden.

„Die gesellschaftliche Spaltung ist ein großes Thema“

SPORT1: Wenn Sie auf Deutschland blicken: Was bereitet Ihnen derzeit größere Sorgen – der politische Rechtsruck oder die gesellschaftliche Spaltung, die damit einhergeht?

Mihambo: Ich denke, die gesellschaftliche Spaltung ist ein großes Thema. Wir müssen wieder auf einen gemeinsamen Boden zurückkommen, von dem aus wir miteinander argumentieren, diskutieren und uns austauschen können. Gleichzeitig bin ich aber der Meinung, dass es in einer Demokratie nicht darum geht, sich mit allen Meinungen gleichermaßen auseinanderzusetzen. Wer extremistische Ansichten vertritt, dessen Positionen sind mit den Grundwerten unserer Demokratie nicht vereinbar. Wenn beispielsweise die Menschenwürde bestimmter Bevölkerungsgruppen angegriffen wird, gibt es darüber nichts zu diskutieren.

„In einer Demokratie muss nicht jede Meinung die gleiche Plattform bekommen“

SPORT1: Die AfD könnte nach der nächsten Landtagswahl in Sachsen-Anhalt erstmals den Ministerpräsidenten stellen oder an einer Regierung beteiligt sein. Welche Auswirkungen hätte eine Regierungsbeteiligung der AfD aus Ihrer Sicht auf das gesellschaftliche Klima?

Mihambo: Zunächst einmal muss man natürlich jedem einen gewissen Vertrauensvorschuss zugestehen. Wenn Programme und Positionen aber bereits erkennen lassen, dass grundlegende demokratische Werte infrage gestellt werden, dann muss sich eine wehrhafte Demokratie mit den Konsequenzen auseinandersetzen. Wie gesagt: In einer Demokratie muss nicht jede Meinung die gleiche Plattform bekommen. Wenn Positionen nicht mit demokratischen Grundwerten vereinbar sind, dann haben sie in einer Demokratie nichts zu suchen.

SPORT1: Sie engagieren sich seit Jahren gegen Rassismus. Glauben Sie, dass eine Regierungsbeteiligung der AfD das gesellschaftliche Klima tatsächlich verändern würde – oder wird diese Gefahr überschätzt?

Mihambo: Ich denke, das gesellschaftliche Klima hat sich bereits verändert. Vor allem die Enttabuisierung offener rassistischer Meinungen trägt dazu bei, dass Menschen mit Migrationshintergrund und andere betroffene Gruppen darunter leiden. Auch für queere Menschen hat sich die Situation teilweise verändert. Daran sieht man, dass Sprache Auswirkungen hat. Sprache formt Realität. Deshalb bin ich dafür, möglichst offen und respektvoll zu sprechen, alle Menschen mitzudenken und niemanden auszugrenzen.

SPORT1: Der Sport versteht sich gerne als Ort der Vielfalt und Offenheit. Reicht das noch aus oder muss der organisierte Sport heute auch politischer werden?

Mihambo: Ich denke, jeder Raum ist politisch. Das lässt sich gar nicht voneinander trennen. Deshalb ist es wichtig, gemeinsam zu überlegen, was wir tun können, um Aufklärungsarbeit zu leisten und Werte zu vermitteln. Gerade bei diesen Themen geht es auch um soziale Normen. Der Sport kann dazu beitragen, solche Normen zu prägen.

SPORT1: Wie erleben Sie diesbezüglich die Leichtathletik?

Mihambo: Ich glaube, dass die Leichtathletik insgesamt eine sehr offene Sportart ist und es dort weniger Probleme gibt als vielleicht in anderen Sportarten wie dem Fußball. Der Deutsche Leichtathletik-Verband startet immer wieder Kampagnen, genauso wie Fußballvereine. Aber ich glaube nicht, dass das allein ausreicht. Man muss diese Werte jeden Tag vorleben – in jedem Zusammenhang. Symbole können wichtig sein, entscheidend ist aber, dass diese Werte auch im Alltag tatsächlich gelebt werden.