"Koko" trotzt den Schmerzen

"Koko" trotzt den Schmerzen

Konstanze Klosterhalfen hat über 5000 Meter bis kurz vor dem Ziel Chancen auf WM-Gold. Am Ende rettet die Deutsche zumindest eine Medaille - trotz blutigem Knie.
Konstanze Klosterhalfen wann über 5000 Meter WM-Bronze
Konstanze Klosterhalfen wann über 5000 Meter WM-Bronze
© Getty/Sport1
Johannes Fischer
Sportinformationsdienst
von Sportinformationsdienst, Johannes Fischer
am 6. Okt

Mit blutigem Knie hat Konstanze Klosterhalfen die erste deutsche WM-Medaille über die 5000 Meter geholt. 

Die 22-jährige Ausnahmeathletin bekam während des Rennens mehrmals die Spikes ihrer Konkurrentinnen ab, ließ sich davon aber nicht beirren und stürmte auf Platz 3. Als die Sanitäter im Khalifa Stadium sie nach dem Rennen verarzten wollten, lehnte Klosterhalfen ab.

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"Vielleicht gehe ich nächste Saison noch öfter boxen", sagte sie augenzwinkernd. "Mein Krafttrainer wird sich freuen. Im Rennen kriegt man davon aber nichts mit."

Am Ende musste sie sich nach 14:28,43 Minuten nur den beiden Kenianerinnen Helen Obiri (14:26,72) und Margaret Kipkemboi (14:27,49) geschlagen geben. In einem dramatischen Schlussspurt sicherte Klosterhalfen am Ende den dritten Platz - auch wenn sie sich auf der Zielgerade nicht sicher war und mehrmals nach hinten blickte. 

"Ich dachte mir, das wäre jetzt bitter"

"Ich dachte mir, dass wäre jetzt wirklich bitter, wenn mich noch jemand überholt", sagte "Koko" auf SPORT1-Nachfrage. "Es wäre zwar auch nicht schlimm gewesen, wenn ich mit dem vierten Platz nach Hause gegangen wäre. Denn ich weiß, dass ich das gemacht habe, was wir uns vorgenommen haben."

Für den Shootingstar geht jetzt bereits der Blick zu den Olympischen Spielen in Tokio im kommenden Juli. "Es war ein weiterer Schritt in meiner Entwicklung. Und in acht Monaten steht noch ein größeres Ereignis bevor - aber zum Glück hat es ja zu einer Medaille gereicht."

Im Ziel angekommen schaute Klosterhalfen ein bisschen ungläubig, erst nach einigen Sekunden reckte sie den rechten Finger in die Luft. Und begriff dann mit der deutschen Fahne um den Schultern, dass sie Leichtathletik-Geschichte geschrieben hatte. Mit einem Wahnsinnslauf rannte Klosterhalfen bei der WM in Doha zu Bronze.

CHICAGO, IL - OCTOBER 07: Galen Rupp of United States reacts following the 2018 Bank of America Chicago Marathon on October 7, 2018 in Chicago, Illinois. Rupp finished fifth in 2:06:21. (Photo by Andrew Weber/Getty Images)
Galen Rupp setzte sich über 10.000 Meter durch
Suguru Osako of Japan reacts after finishing third in the Chicago Marathon in Chicago, on October 7, 2018. - British athletics star Mo Farah won the Chicago Marathon men's title on Sunday in an unofficial time of 2hr 5min 11sec, shattering a European record with a spectacular finishing surge. The world and Olympic 5,000 and 10,000-meter champion became the first British man to capture the event since Paul Evans in 1996.The 35-year-old Somalia-born Briton claimed the biggest victory since he turned his attention to the distance a year ago to defeat Ethiopia's Mosinet Geremew by 13 seconds with Japan's Suguru Osako third in 2:05:50. (Photo by JIM YOUNG / AFP) / The erroneous mention appearing in the metadata of this photo by JIM YOUNG has been modified in AFP systems in the following manner: [Suguru Osako of Japan] instead of [Suguru Osaka of Japan]. Please immediately remove the erroneous mention from all your online services and delete it from your servers. If you have been authorized by AFP to distribute it to third parties, please ensure that the same actions are carried out by them. Failure to promptly comply with these instructions will entail liability on your part for any continued or post notification usage. Therefore we thank you very much for all your attention and prompt action. We are sorry for the inconvenience this notification may cause and remain at your disposal for any further information you may require.        (Photo credit should read JIM YOUNG/AFP/Getty Images)
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Die Athleten des Nike Oregon Projects

Die erst 22-Jährige musste sich nach 14:28,43 Minuten nur den beiden Kenianerinnen Helen Obiri (14:26,72) und Margaret Kipkemboi (14:27,49) geschlagen geben. Klosterhalfen holte damit als erste deutsche Läuferin über diese Distanz eine WM-Medaille und die vierte für das DLV-Team in Katar - trotz des ganzen Doping-Wirbels um Alberto Salazar.

Klosterhalfen: "Das hätte ich nie gedacht"

"Ich wollte das beste Rennen laufen. Ich bin sehr stolz auf mich, wie ich das Rennen gelaufen bin. Es war ein gutes Tempo, aber ich bin nervös geworden und wollte schon loslaufen. Am Ende ging es richtig ab. Meine Beine sind schwer geworden, aber dass ich bei diesem Sprint eine Medaille raushole, hätte ich nie gedacht", sagte Klosterhalfen in der ARD.

Obiri verteidigte mit einem Start-Ziel-Sieg erfolgreich ihren Titel und ist mit 29 Jahren und 296 Tagen die älteste Weltmeisterin der Geschichte über diese Distanz. 

Dabei hatte Klosterhalfen sich erst kurz vor dem Start ein neues Trikot organisieren müssen. "Ich habe das Trikot nach dem Training mit meinen Teamkollegen getauscht und gedacht, ich habe noch ein zweites. Dafür habe ich jetzt ein USA-Trikot. Ich war dann nervös, weil ich gedacht habe, ich kann ohne Trikot schlecht laufen", erklärte "Koko". Letztlich fand sie aber noch rechtzeitig vor dem Rennen das passende Shirt.

Japan's Takashi Eto competes in the Men's High Jump heats at the 2019 IAAF Athletics World Championships at the Khalifa International stadium in Doha on October 1, 2019. (Photo by Antonin THUILLIER / AFP)        (Photo credit should read ANTONIN THUILLIER/AFP/Getty Images)
Leichtathletik-WM, Doha, Katar
Leichtathletik-WM
DOHA, QATAR - SEPTEMBER 27: Alisa Vainio of Finland is taken off on a wheelchair after the Women's Marathon on day one of 17th IAAF World Athletics Championships Doha 2019 at Khalifa International Stadium on September 27, 2019 in Doha, Qatar. (Photo by Alexander Hassenstein/Getty Images for IAAF)
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Leichathletik-WM in Doha: Die WM der Extreme

Klosterhalfen dankt dem Box-Training

In Doha lieferte Shootingstar Klosterhalfen, die alle nur "Koko" nennen, endgültig ihr Meisterstück ab. Sie fuhr auch mal die Ellenbogen aus, um ihre Position zu verteidigen und verhielt sich taktisch sehr klug - immer knapp hinter der Spitze laufend. Fünf Runden vor Schluss waren dann nur noch sechs Läuferinnen vorne mit dabei, das Tempo wurde immer schneller. Doch Klosterhalfen hielt mit, musste Obiri und Kipkemboi erst in der letzten Kurve ziehen lassen.

"Dass ich in meinem ersten WM-Rennen eine Medaille hole, ist unglaublich", freute sie sich. "An etwas anderes habe ich gar nicht gedacht", sagte die 22-Jährige hinterher. "Es ist crazy, einmal ganz vorne mitzulaufen. Es war ein starkes Rennen. Das Finish war bisher nicht meine Stärke, daher ist es etwas ganz Besonderes, das Rennen im Sprint zu entscheiden."

"Ich will mein bestes Rennen der Saison zeigen", hatte Klosterhalfen vor dem Finale gesagt. Mit ihrem deutschen Rekord von 14:26,76 Minuten, gelaufen Anfang August, war sie die Nummer zwei der Meldeliste - und damit natürlich eine Medaillenkandidatin. Doch so ein Finale ist dann ja doch etwas ganz anderes, Klosterhalfen aber blieb erstaunlich cool und lieferte trotz zahlreicher Rempler mit den Konkurrentinnen ab.

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"Ich hatte Angst, dass man mich von der Bahn stößt und ich disqualifiziert werde. Da muss man aufpassen, aber ich habe versucht, die Balance zu halten. Wenn man stärker ist, kann man damit umgehen. Wir gehen im Training auch Boxen, vielleicht hilft das auch", sagte Klosterhalfen.

"Der Wirbel hat mich nicht abgelenkt"

Ob die Saison für Klosterhalfen mit WM-Bronze beendet ist, wusste sie selbst noch nicht. "Ich fände es traurig, wenn die Saison jetzt zu Ende sein soll. Vielleicht mache ich noch ein Rennen, danach kommt der Urlaub mit der Familie. Wir fahren nach Dubai, das ist ja um die Ecke", scherzte sie.

Insgesamt sechs deutsche Rekorde hatte das "German Wunderkind" in diesem Jahr aufgestellt, doch erst jetzt ist sie ganz oben angekommen, setzte auch auf der ganz großen Bühne ein Zeichen nach all den Salazar-Schlagzeilen in den vergangenen Tagen.

Klosterhalfen trainiert ja seit Ende 2018 in den USA unter Pete Julian, seit April gehört sie offiziell dem umstrittenen Nike Oregon Project (NOP) an. Dessen bisheriger Cheftrainer und Gründungsvater Salazar war am Dienstag wegen Verstößen gegen die Anti-Doping-Regeln für vier Jahre gesperrt wurde. Klosterhalfen wollte all das ausblenden - für den ganz großen Traum.

"Der Wirbel hat mich gar nicht abgelenkt. Wir hatten ein Team-Meeting und haben das geklärt. Uns betrifft das alle aus dem Team nicht, mein Coach ist Pete Julian. Ich habe mich gefreut über die positiven Nachrichten. Ich bin dankbar, dass ich dort trainieren kann. Vor einem Jahr habe ich gehofft, im Finale zu stehen und jetzt stehe ich ganz vorne. Das ist unglaublich", sagte Klosterhalfen nach dem Finale.

Hassan-Triumph beflügelt Klosterhalfen

Auch der Triumph von Sifan Hassan, die 30 Minuten vor Klosterhalfen über 1500 Meter triumphiert hatte und ebenfalls beim NOP trainiert, half der Deutschen. "Als ich mitbekommen habe, dass Hassan gewonnen hat, habe ich noch mehr Selbstbewusstsein bekommen. Das zeigt mir, dass wir ein gutes Training absolviert haben."

Tatsächlich geht es bei den Verfehlungen, die die US-Anti-Doping-Behörde USADA gegen den Trainer-Guru Salazar zusammentrug, um die Jahre 2010 bis 2014. Also um eine Zeit, in der Klosterhalfen noch nicht vor den Toren Portlands an ihrer Form feilte.