Ein brisanter Leak während der Schach-WM sorgt in der Szene für Aufruhr - und Experten glauben, dass er dem chinesischen Titel-Anwärter Ding Liren zum Verhängnis werden könnte.
Schach-WM durch Online-Leak verspielt? "Das ist amateurhaft!"
„Dilettantisch“: Aufruhr um Schach-WM
„Natürlich ist es der Sinn der Übung, den Gegner zu überraschen. Wenn man Ideen hat, und die dann wegfallen, ist das ein relativ starker Nachteil“, sagte Bundestrainer Jan Gustafsson dem SID. Er sprach von einem „schweren Schlag“ für den Chinesen.
Nach der achten WM-Partie gegen den Russen Jan Nepomnjaschtschi in Astana/Kasachstan war bekannt geworden, dass online gespielte Trainingspartien zwischen Ding und seinem Sekundanten Richard Rapport öffentlich einsehbar sind.
Liren und Rapport spielten Mitte Februar unter Pseudonymen eine Online-Partie auf der Plattform Lichess, Schachkennern fielen untrügliche Ähnlichkeiten zum Spiel Lirens auf, die Kunde verbreitete sich über die Social-Media-Seite Reddit lauffeuerartig.
Verwunderung nach Leak: „Amateurhaft“, „dilettantisch“
„Insbesondere mit Weiß will man ja Druck machen. Du arbeitest monatelang an diesen Überraschungen, die sind nicht so leicht zu finden. Wenn du dann die Hälfte der Überraschungen aus Versehen veröffentlichst, dann ist es so gut wie unmöglich, etwas Gleichwertiges an einem Tag zu finden“, sagte Gustafsson.
Nicht nur Gustafsson wundert sich über Ding Lirens Unvorsichtigkeit. „Es ist amateurhaft, dass sie keine bessere Trainingsmöglichkeit gefunden haben als diese, die von anderen entdeckt werden kann“, kritisierte Schach-Experte Torstein Bae bei dem norwegischen Sender NRK. Auch die norwegische Top-Spielerin Monika Machlik nannte das Ding-Liren-Lager „dilettantisch“.
Der Chinese selbst gab sich ahnungslos. „Ich weiß nicht, um welche Partien es geht“, erklärte Ding Liren bei der Pressekonferenz auf Nachfrage.
Gegner Nepomnjaschtschi redete das Thema herunter: „Der Hype, der darum derzeit gemacht wird, ist zu groß.“
Schach-WM: Nepomnjaschtschi liegt gegen Ding Liren vorn
Nach elf Partien liegt Ding gegen den Russen Jan Nepomnjaschtschi mit 5,0:6,0 in Rückstand. Für den Gesamtsieg werden 7,5 Punkte benötigt. Die nächste Partie steht am Mittwoch (ab 11.00 Uhr) auf dem Programm. Gesucht wird der Nachfolger von Magnus Carlsen.
Der Titelverteidiger aus Norwegen hatte auf die WM verzichtet, ein historisches Novum in der Szene. Der Kritik, dass die WM damit zu stark entwertet ist, möchte sich Bundestrainer Gustafsson so nicht anschließen.
„Carlsen ist natürlich der große Name und der beste Spieler. Also ist es erst einmal schade fürs Schach, dass er nicht dabei ist. Aber man kann die Nummer zwei und drei der Welt auch respektieren, auch sie verbringen ihr ganzes Leben mit Schach“, sagte der 43 Jahre alte Gustafsson: „Dass die immer nur hören: Ihr seid aber nicht Magnus Carlsen, finde ich nicht besonders fair.“