Formel Deutschland endgültig vorbei

Formel Deutschland endgültig vorbei

Deutschland prägte die Formel 1 wie kein anderes Land. Doch nach dem Ferrari-Aus für Sebastian Vettel zeigt sich: Deutschlands Motorsport steckt in der Krise.
"Arrividerci, Ferrari": Sebastian Vettel verlässt die Scuderia nach fünf Jahren zum Saisonende. 
Eine Zeit, von der sich die Beteiligten mehr versprochen hatten, als sie letztlich erfüllten konnte.
Vettel und Ferrari: Chronologie eines Missverständnisses
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Robin Wigger
Andreas Reiners
Patrick Hauser
Manuel Habermeier
von Manuel Habermeier, Patrick Hauser, Andreas Reiners, Robin Wigger
am 14. Mai

Eine deutsche Erfolgsgeschichte steht vor dem Ende.

Nach seinem Aus bei Ferrari rätselten Experten und Fans weltweit, wie es mit Sebastian Vettel weitergeht. Ein Rücktritt schien die logische Konsequenz zu sein, doch nach SPORT1-Informationen steht nach der Absage an McLaren auch ein Wechsel zu Mercedes im Raum.

Zwar würde der viermalige Weltmeister damit das Horrorszenario einer Formel 1 ohne deutschen Fahrer verhindern, was zuletzt 1990 der Fall war. Eine Rückkehr der "Formel Deutschland" ist auch losgelöst von Vettels Zukunft auf absehbare Zeit völlig utopisch.

Deutschland prägte die Formel 1

Kaum ein Land prägte die Königsklasse des Motorsports in den vergangenen Jahren so wie Deutschland, das seit der Saison 2000 zehn von zwanzig Weltmeistern stellte. In den 372 Rennen seitdem sprang 138 Mal ein deutscher Fahrer ganz oben auf das Podest.

Mit Michael Schumacher, Sebastian Vettel, Nico Rosberg, Nico Hülkenberg, Adrian Sutil, Timo Glock und Nick Heidfeld standen noch 2010 gleich sieben deutsche Fahrer gleichzeitig in der Startaufstellung.

Benetton-Ford's team manager Flavio Briatore (R) hugs German driver Michael Schumacher after his victory in the Monaco Formula One Grand Prix on May 15, 1994. (Photo by Christophe SIMON / AFP)        (Photo credit should read CHRISTOPHE SIMON/AFP via Getty Images)
1991 feiert Schumi auf dem Circuit de Spa-Francorchamps sein Formel-1-Debüt im Jordan-Ford. Es sollte der Beginn einer einzigartigen Karriere werden
Die Unterbringung ist 1991 wenig luxoriös. Schumacher: "Die Geschichte, dass wir in einer Jugendherberge wohnten, ist bekannt. Ich habe mich auch etwas gewundert. Ich dachte, wir sind jetzt in der Formel 1, und das ist die Königsklasse. Willi (Weber, d. Red.) hat schon ein bisschen das Gesicht verzogen, als er die Zimmer sah"
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Doch die glorreichen Zeiten sind passé. Seit dem letzten deutschen WM-Triumph durch Nico Rosberg in der Saison 2016 konnte lediglich Vettel Siege einfahren. Pascal Wehrlein (Sauber F1 Team/2017) und Hülkenberg (Renault F1 Team/2017-2019) fuhren nur um Platzierungen. Vom Kampf um den WM-Titel waren sie meilenweit entfernt.

"Die Deutschen hatten einen Riesenhype, den sicherlich mein Bruder ausgelöst hat. Da war das Interesse in Deutschland riesig, auch was Marketing, TV und Zuschauer betrifft. Das hat sich ein bisschen gedreht. Wir spüren das jetzt nicht mehr so", sagte Ralf Schumacher im SPORT1-Interview.

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Der ehemalige Formel-1-Pilot erklärt: "In Deutschland tut sich der gesamte Motorsport schwer."

Schumacher-Nachwuchs vielversprechend

Die Fans lechzen nach einem neuen Hoffnungsträger - doch wer wäre in der Lage, in die Fußstapfen Vettels zu treten?

Mick Schumacher kann diese Rolle womöglich in Zukunft einnehmen, wird aber noch seine Zeit brauchen. "Mick hat bewiesen, dass er Auto fahren kann. Sonst wäre er nicht Formel-3-Meister", sieht Schumacher seinen Neffen schon sehr weit.

Allerdings steht er nun auch auf höherem Level unter Beobachtung. Die erste Saison in der Formel 2 war mit einem Sieg und mehreren guten Resultaten passabel. In seinem zweiten Jahr "muss er nicht unbedingt gewinnen, aber sollte in den Top 5 oder im Idealfall in den Top 3 unterwegs sein", äußerte Schumacher seine Hoffnungen.

Der 44-Jährige betonte: "Man sollte ihm auch nicht zu viel Druck machen. Bis jetzt stehen die Zeichen gut. Er ist auch ein Ferrari-Junior, er hat also alle Möglichkeiten."

Auch Sohn David ist ein talentierter Nachwuchsfahrer, der ebenfalls gute Chancen auf die Königsklasse haben sollte. Schumacher fördert und fordert David, setzt ihn aber nicht zusätzlich unter Druck.

Auch Sophia Flörsch ist aus deutscher Sicht eine interessante Personalie. Nach ihrem Horror-Crash in Macau 2018 hat sie sich erfolgreich in den Rennzirkus zurückgekämpft und mit guten Ergebnissen auf sich aufmerksam gemacht. Sie wird noch reifen müssen - und dann wird sich die Frage stellen, ob die Formel 1 bereit für eine Frau im Cockpit ist.

Schumacher sieht "ein paar Deutsche auf einem guten Weg", spricht zur grundsätzlichen Situation im deutschen Motorsport aber Klartext.

Probleme schon im Kartsport

"Ich rede seit acht Jahren davon, dass wir ein Riesenproblem haben", sagte er: "Das fängt schon im Kartsport an: Wir haben kaum noch Strecken, die Kartfahrer werden immer weniger. Wenn ich keine Setzlinge habe, habe ich am Ende des Tages auch keine Bäume. Das ist jetzt das, was uns passiert."

Canadian driver Alex Tagliani (bottom) passes Michael Anedretti of the US (top) to temporarily gain first place in the race on lap 155. Tagliani hit the wall, and left the race five laps later while Andretti finished second during the Michigan 500 on 23, July, 2000 at Michigan Speedway in Brooklyn, MI. (ELECTRONIC IMAGE) AFP PHOTO/David MAXWELL (Photo by DAVID MAXWELL / AFP)        (Photo credit should read DAVID MAXWELL/AFP via Getty Images)
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In Deutschland wird immer weniger Geld in die Nachwuchsarbeit gesteckt. "Die Hersteller haben das Marketingbudget für den Nachwuchs etwas zurückgeschraubt. Ferrari muss man da loben, die machen nach wie vor einiges durch ihr Programm. Bei uns in Deutschland gibt es so etwas nicht", erklärte Schumacher.

Immerhin versucht der ADAC, diesem Trend in Deutschland entgegenzuwirken und stellte im Oktober 2019 sein neues Förderkonzept vor. "Wir sind im internationalen Motorsport auch zukünftig nur erfolgreich, wenn wir frühzeitig junge Talente erkennen und konsequent fördern", begründete Hermann Tomczyk, der Vorsitzende des Stiftungsrats der ADAC Stiftung Sport, das neue System.

Der langjährige DTM-Pilot Timo Scheider sieht ein Problem darin, dass der Motorsport immer teurer wird.

Motorsport zu teuer?

Beispielsweise sei man in der ADAC Formel 4 zu Beginn mit 150.000 Euro dabei gewesen, "am Ende wurden Budgets jenseits der 500.000 Euro aufgerufen, weil die Teams noch eine andere Meisterschaft gefahren sind und noch Testtage oben draufgelegt haben. 'Wie pervers ist diese Welt?', habe ich mich gefragt", sagte Scheider.

Er habe "damals schon angemerkt, dass es nicht sein kann, dass man 250.000 Euro investieren muss, um halbwegs mithalten zu können, und als Antwort habe ich bekommen: 'Wenn du dir das nicht leisten kannst, kannst du dir die Formel 3 eh nicht leisten.' Wenn das die Herangehensweise ist, wie wir Motorsport groß machen wollen, ist das falsch."

In der ADAC Formel 4 gab es seit 2015 nur zwei Meister aus Deutschland. Marvin Diensts Formelkarriere ist bereits vorüber, Lirim Zendellis Laufbahn ist ins Stocken geraten. In der FIA Formel 3 wurde David Beckmann 2019 in der Gesamtwertung als bester Deutscher 14. Auch hier drängt sich kein Vettel-Erbe auf.

Und in der Formel 2 belegte erwähnter Mick Schumacher den zwölften Gesamtrang. Nico Rosberg (2005) und Nico Hülkenberg (2009) holten einst den Titel und fuhren danach viele Jahre in der Formel 1.

Scheider: "Deutscher Nachwuchs fehlt völlig"

Die Coronakrise vergrößert die finanziellen Probleme nur noch weiter.

"Wie geht es weiter? Ist noch Geld da? Man weiß, was Saisons in den Formelserien kosten. Da ist die Frage, wo das Geld künftig herkommt", erklärte Hans-Joachim Stuck: "Die Nachwuchsfrage ist eine sehr schwierige. Man muss schauen, wie die Wirtschaft wieder angekurbelt wird, was Sponsoren machen. Das wird eine Herausforderung."

Stuck nimmt die Königsklasse in die Pflicht.

"Wenn man in der Formel 1 eine vernünftige Kostendeckelung anleiert, dann geht das herunter auf andere Klassen. Man kann in den unteren Serien selbst sicherlich auch sparen. Man sollte auch da anfangen, über Lösungen nachzudenken", sagte der 69-Jährige: "Das wäre ein guter Zeitpunkt, Diskussionen zu führen, über den Weltverband FIA, und über die Landes-Motorsportverbände, um ein vernünftiges Programm auf die Beine zu stellen."

Scheider malt ein düsteres Bild: "Der deutsche Nachwuchs fehlt im Moment völlig, weil ihn sich keiner mehr leisten kann. Wir haben von der Basis her fast keinen leistbaren und realisierbaren Motorsport mehr."