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Schumacher: "Für Vettel der Horror"

Schumacher: "Für Vettel der Horror"

Ex-Formel-1-Pilot Ralf Schumacher spricht im SPORT1-Interview über seinen Neffen Mick, den Neustart von Vettel, Mercedes-Probleme und die Stärke von Red Bull.
Mit seinem neuen Team Aston Martin soll für Sebastian Vettel alles besser werden. Doch ist der 33-Jährige in der Lage, wieder in die F1-Spitze zu fahren?
Ralf Bach
von Ralf Bach
21.03.2021 | 12:15 Uhr

Als ehemaliger Formel-1-Fahrer kennt Ralf Schumacher die Königsklasse des Motorsports wie kaum ein Zweiter.

Mit SPORT1 blickt der 45 Jahre alte Onkel von F1-Newcomer Mick Schumacher und Bruder von Rekordweltmeister Michael Schumacher im exklusiven Interview auf die Brennpunkte vor dem Saisonstart in Bahrain (28. März). (NEWS: Alles Wichtige zur Formel 1)

Der sechsmalige Grand Prix-Sieger, der die Formel 1 auch 2021 wieder als Sky-Experte kommentiert, verrät seine Erwartungen an Ex-Weltmeister Sebastian Vettel bei Aston Martin und worauf sich Max Verstappen bei Red Bull gefasst machen kann. (Alle Rennen der Formel 1 im LIVETICKER)

Bei Mercedes und Champion Lewis Hamilton sieht Schumacher dagegen aktuell noch ein Problem.

Schumacher: Darum sehe ich Red Bull vor Mercedes

SPORT1: Herr Schumacher, was können wir nach den dreitägigen Testfahrten erwarten, die ebenfalls in Bahrain stattgefunden haben? 

Ralf Schumacher: Zunächst einmal bin ich begeistert, wie gut der Red Bull ist. Er liegt wie ein Brett. Auch McLaren-Mercedes scheint mir extrem stark. Ferrari muss weiterhin kämpfen. Richtig beeindruckend war ihre Vorstellung nicht. Mercedes hat anscheinend Probleme mit dem Auto. Das Heck wirkte sehr instabil. Deshalb ist Red Bull für mich im Moment auch vorne. Klar ist aber auch, dass Mercedes noch nicht alles gezeigt hat und mit mehr Sprit an Bord gefahren ist. Sie müssen die Probleme jetzt so schnell wie möglich in den Griff bekommen, sonst wird es eng im Vergleich mit Red Bull.

SPORT1: Woher könnten die Probleme bei Mercedes kommen?

Schumacher: Es sieht so aus, als würde der Heckflügel, der extrem wichtig für ein stabiles Heck ist, nicht immer optimal vom Fahrtwind angeströmt. Wir reden hier also von einem Problem der Aerodynamik. Ich weiß, dass so etwas nicht ganz einfach zu lösen ist.

Mercedes' British driver Lewis Hamilton wins the Turkish Formula One Grand Prix at the Intercity Istanbul Park circuit in Istanbul on November 15, 2020. (Photo by TOLGA BOZOGLU / POOL / AFP) (Photo by TOLGA BOZOGLU/POOL/AFP via Getty Images)
ISTANBUL, TURKEY - NOVEMBER 15: Race winner Lewis Hamilton of Great Britain and Mercedes GP celebrates winning a 7th F1 World Drivers Championship on the podium during the F1 Grand Prix of Turkey at Intercity Istanbul Park on November 15, 2020 in Istanbul, Turkey. (Photo by Tolga Bozoglu - Pool/Getty Images)
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SPORT1: Haben Sie in Ihrer langen Karriere auch mal so was erlebt?

Schumacher: Ja, mit Williams einmal. McLaren, das Team, das es damals neben Ferrari zu schlagen galt, brachte neue Windabweiser, die Williams kopieren wollte. Irgendwie hat das aber bei uns nicht wie gewünscht funktioniert, das Auto war instabil und schwierig zu fahren. Beim ersten Rennen in Australien hatte ich eine Feindberührung und verlor einen der Windabweiser. Anschließend lag das Auto plötzlich viel besser und fuhr pro Runde drei Zehntelsekunden schneller. Danach wurden die Teile am Auto nicht mehr gesehen. Das zeigt nur, dass kleine Teile oft große Auswirkungen haben können.

Vettel kann bei Aston Martin "große Rolle spielen"

SPORT1: Was können wir nach seiner schwierigen letzten Saison mit Ferrari von Sebastian Vettel in seinem neuen Aston-Martin-Team erwarten?

Schumacher: Er kann eine große Rolle spielen, denn man darf nicht vergessen: Sebastian ist ein viermaliger Weltmeister und hat das Autofahren nicht verlernt. Er hat jetzt ein Auto, mit dem man Rennen gewinnen kann. Das war er im letzten Jahr nicht mehr gewohnt. Aston Martin kann und muss von Sebastians Input profitieren. Ein Beispiel: Im vergangenen Jahr war der Racing Point in der Türkei eigentlich extrem schnell, das Team machte aber im Regen viele Fehler. Ich glaube, mit Sebastians Erfahrung wäre das nicht passiert.

SPORT1: Richtig rund lief es bei den Tests aber noch nicht.

Schumacher: Stimmt. Leider hatte Sebastian Pech. Was Schlimmeres konnte ihm nicht passieren: Wenn du in einem neuen Team fährst, brauchst du am Anfang vor allen Dingen eins: Kilometer, Kilometer, Kilometer. Die sind ihm leider wegen technischer Probleme verwehrt geblieben. Seb ist ein Mensch, der eine optimale Vorbereitung braucht. Ich glaube trotzdem, dass er eine großartige Saison haben wird. Aber durch die Probleme beim Test werden wir das vielleicht noch nicht beim Saisonauftakt erleben.

"Reines Lehrjahr" für Mick Schumacher

SPORT1: Was kann man in der Debütsaison von Ihrem Neffen Mick Schumacher erwarten?

Schumacher: Haas hat am wenigsten Entwicklung am Auto betrieben, konzentriert sich lieber jetzt schon auf das Auto für 2022, wo es ein grundsätzlich neues Fahrzeugreglement geben wird. Andererseits profitiert Haas vom neuen Ferrari-Motor, der um etliches besser sein soll als im letzten Jahr. Trotzdem - vermute ich - wird Haas erst mal hinten sein. Weil Williams und Alfa stärker aussahen bei den Tests. Mick kann nur eins machen: so wenig Fehler wie möglich, schneller sein als sein Teamkollege (Nikita Mazepin, Anm. d. Red.), um dann optimal vorbereitet ins Jahr 2022 zu gehen. Es wird ein reines Lehrjahr für ihn. Dementsprechend sollten wir alle nicht zu viel erwarten. (HINTERGRUND: Schumacher warnt Mick vor Mazepin)

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SPORT1: Mick ist im Ferrari-Nachwuchskader. Die Scuderia kann doch nicht viel Freude daran haben, wenn Mick hinterherfährt ... (Rennkalender der Formel 1 2021)

Schumacher: Eigentlich nicht. Aber Ferrari hat selbst noch genug Baustellen, die sie erst mal beseitigen müssen. Das neue Auto ist immer noch nicht das Gelbe vom Ei. Wir reden hier schließlich von Ferrari. Einem Team, das Weltmeister werden und nicht im Mittelfeld herumfahren will. Die spannendste Frage wird deshalb sein: Bleiben die Strukturen, wie sie derzeit sind? Bleiben die Verantwortlichen? Ferrari muss sich zunächst auf sich selbst konzentrieren und dann auf andere schauen. Aber ich kann mir durchaus vorstellen, dass die Zusammenarbeit mit Haas wegen Mick intensiver sein wird als mit Alfa Romeo.

So kann Ferrari keinen Erfolg haben

SPORT1: Ferrari hat alle Mittel, um erfolgreich zu sein. Wo liegt also das Problem?

Schumacher: Die Fehler vom vergangenen Jahr liegen auf der Hand. Sie mussten den Motor von 2019 zurückbauen, weil - um es vorsichtig auszudrücken - Ferrari das Motorreglement etwas anders interpretiert hat als die FIA und die Konkurrenz. Von außen jedenfalls wirkt es so, als sei Ferrari keine so harmonische Truppe wie zum Beispiel Mercedes. Dazu kommt: Der verstorbene Präsident Sergio Marchionne wollte, dass Ferrari wieder italienischer wird. Ich glaube aber, dass man in der Formel 1 keinen Erfolg haben kann, wenn nur Italiener bei Ferrari arbeiten. Mercedes und Red Bull sind auch deshalb so stark, weil viele Nationalitäten, alle Spezialisten in ihrem Bereich, Technik und Organisation bestimmen.

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SPORT1: Kommen wir zum Vergleich der Teamkollegen bei den Favoritenteams. Kann Valtteri Bottas bei Mercedes Lewis Hamilton ernsthaft herausfordern?

Schumacher: Es gibt Rennen, wo Bottas auf Augenhöhe sein wird. Aber auf die Saison gesehen hat er keine Chance. Dafür ist er nicht stabil genug. Er wird im Laufe der Saison mehr Fehler machen - wie letztes Jahr, als er gerade gegen Ende des Jahres einige Starts verhauen hat. Nico Rosberg hat zwar 2016 bewiesen, dass man Lewis auch im Titelkampf schlagen kann. Aber daraus hat Lewis gelernt. Deshalb wird es ihm nicht mehr passieren, dass ein vermeintlich Schwächerer die Nase vor ihm haben wird.

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Verstappen bekommt Konkurrenz durch Perez

SPORT1: Wie wird sich Red Bull-Neuzugang Sergio Perez gegen Max Verstappen schlagen? Wird er das nächste Opfer von "Super-Max"? (ANALYSE: F1-Powerranking - wer glänzt, bei wem hakt's)

Schumacher: Verstappen ist ein Supertalent, keine Frage. Trotzdem glaube ich, dass Perez näher an ihm dran sein wird als etwa ein Alexander Albon 2020. Es werden keine vier Zehntel sein, die Perez hinterherfährt. Aber Sergio wird einige Zeit brauchen, um bei Red Bull seine maximale Leistung abrufen zu können. Denn eins ist klar: Das Auto, das ganze Team, ist um Max Verstappen herum gebaut.

Red Bull hat als erstes Top-Team den neuen Formel-1-Wagen präsentiert. Max Verstappen und Sergio Perez wollen mit dem neuen Red Bull-Honda RB16B die Lücke zu Mercedes schließen.
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Angriff auf Mercedes: Der Plan von Verstappen und Co mit dem neuen RB16B

"Das muss für Sebastian der Horror gewesen sein"

SPORT1: Ein Fahrer muss sich im Team wohlfühlen, um optimale Leistung abrufen zu können. Die Psyche spielt eine große Rolle ...

Schumacher: Ja, auf jeden Fall. Ich fange mal mit Sebastian an. Ferrari hat völlig unverständlich schon vor dem ersten Rennen 2020 mitgeteilt, dass man sich von ihm trennen wird. Das muss für Sebastian der Horror gewesen sein, weil plötzlich Misstrauen da ist, wo früher noch Vertrauen war. Plötzlich lachen Leute nicht mehr über die gleichen Witze, die man gemacht hat. Plötzlich hat man den Eindruck, dass hinter vorgehaltener Hand über einen getuschelt wird. Das multipliziert sich im Laufe der Saison und natürlich leidet darunter die Leistung. Jetzt ist es bei Sebastian genau umgekehrt. Er spürt, wie sehr man bei Aston Martin auf ihn baut. Ich vergleiche das mit seiner ersten Saison 2009. Dieses positive Gefühl setzt Kräfte frei und bei Red Bull hat man ja gesehen, zu welchen Erfolgen Sebastians Hochstimmung geführt hat.

SPORT1: Wie war es bei Ihnen in Sachen Psyche?

Schumacher: Frank Williams - bei allen großen Erfolgen, die er hatte - war menschlich extrem schwierig. Er war das Gegenteil von geradeaus. Anders als sein Partner Patrick Head. Mit dem konnte man sich richtig fetzen, auch lautstark, dann trank man abends zusammen ein Glas Rotwein, lachte über sich selbst und der Disput war wieder vergessen. Man wusste bei Patrick immer, woran man war. Frank war da anders, es trug das Visier nie offen. Sir Frank hatte seine Medienkontakte beispielsweise oft dazu genutzt, um bei seinen Fahrern extrem Druck aufzubauen. Er war auch der Meinung, dass es nicht genügte, dass seine beiden Piloten sich nicht mochten. Sie sollten sich regelrecht hassen. Zum Glück haben die Teamchefs von heute eine andere Philosophie, was Führungsstil betrifft.