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"Die Formel 1 sollte nicht zu gierig werden": F1-Kolumne von Peter Kohl

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"Die Formel 1 sollte nicht zu gierig werden": F1-Kolumne von Peter Kohl

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„Die F1 sollte nicht zu gierig werden“

Die Saison in der Formel 1 ist beendet. Red Bull dominiert dabei nach Belieben, während die Konkurrenz mit sich selbst hadert. Doch auch die Rennserie muss aufpassen. Die Formel-1-Kolumne von Peter Kohl.
SPORT1-Experte Peter Kohl zieht ein WM-Fazit in der Formel 1
SPORT1-Experte Peter Kohl zieht ein WM-Fazit in der Formel 1
© SPORT1-Grafik/Imago
Peter Kohl
Peter Kohl

Hallo Liebe F1-Fans,

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die Saison 2023 ist Geschichte. Und in ihr wurden viele Geschichten geschrieben. Unter anderem die von Red Bull, ein Team, das eine komplette Saison fast nach Belieben abgerissen hat, nahezu ohne Fehl und Tadel.

Fahrer- und Konstrukteurstitel wurden selten so früh eingefahren, mit einem Vorsprung, der ahnen lässt, dass sich auch im kommenden Jahr niemand an der Truppe von Christian Horner und Dr. Helmut Marko vorbeischieben wird. Chapeau für diese Leistung, die höchsten Respekt verdient.

Max Verstappen ist dabei in neue Dimensionen vorgestoßen. 19 Laufsiege, 13 Poles, über 1000 Führungsrunden in einer Saison. Noch dominanter kann man einen Titel fast nicht verteidigen.

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Der Niederländer hat die vielleicht beste Saison seiner Karriere hingelegt. Eine weitere Steigerung ist kaum möglich. Das wird er selber auch wissen.

Die Dominanz der Brause-Raketen hat dem Geschäft indesnicht geschadet. Vor allem der Nordamerika-Markt brummt wie ein Kreisel. Rekordzuschauerzahlen nahezu aller Orten, die Umsätze steigen enorm, dank Budget-Limit sind die Teams zu Gelddruckmaschinen geworden. Eine Teamlizenz ist in ihrer Wertigkeit derweil im Milliardenbereich anzusiedeln. Die Formel 1 ist zum echten Big-Business für alle Beteiligte geworden.

Mercedes kassiert mehr als Ferrari

Red Bull wird Prämien- und Bonuszahlungen in einer Größenordnung einstreichen, die dem Gesamtjahresbudget entsprechen laut Budget-Deckelung. Die Formel 1 ist damit für das Team ein sich selbst tragendes Geschäft.

Mercedes und Ferrari müssen aus der eigenen Schatulle nicht allzu viel drauflegen. Die Sterne-Ritter kassieren rund acht bis neun Millionen Euro mehr als Ferrari. Das ist der Unterschied zwischen Platz zwei und Platz drei bei den Konstrukteuren.

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Selbst der Letzte im Ranking, HAAS, dürfte noch geschätzte 55 bis 57 Millionen Euro aus dem Prämientopf erhalten. Eine Menge Holz für dünne zwölf Punkte aus 22 Rennen. Mit nur einem größeren Update, das nicht einmal funktioniert hat, sind Hülkenberg und Magnussen meist chancenlos geblieben. Einige Top-Qualifying-Ergebnisse übertünchen die gnadenlose Unterlegenheit der Heißluftpumpe VF-23. Anzeichen für Verbesserungen 2024? Fehlanzeige.

Ebenso abgehängt steht Alfa Romeo da. Nach dem Rückzug des Hauptsponsors wird das Team wieder SAUBER heißen. Sauber durchstarten werden Guanyu Zhou und Valtteri Bottas aber auch 2024 nicht. Das Team befindet sich in einer krassen Umstrukturierung. Ob Audi tatsächlich kommt und das Ruder übernimmt? Es gibt immer noch Zweifel, die nicht ausgeräumt sind.

Nach Williams-Aufschwung: Sargeant muss gehen

Auch bei Alpha Tauri hat das Stühlerücken begonnen. Mit Franz Tost verlässt eine Teamchef-Legende die Formel 1. Durch seine Hände sind viele Talente gegangen, die eine tolle F1-Karriere hingelegt haben. Wie ein Sebastian Vettel oder ein Pierre Gasly, um nur zwei zu nennen. Mit der Verpflichtung von Dani Ricciardo hat sich das Management von der Ideologie, ein Talente-Förder-Schuppen zu sein, verabschiedet. Quo vadis?

Sollte mehr Know-How- und Technik-Transfer von RED BULL zu ALPHA TAURI folgen, ist eine Menge drin in der Zukunft. Die signifikante Leistungssteigerung während des abgelaufenen Jahres hat das schon ansatzweise gezeigt. Am Ende hatten Ricciardo und Yuki Tsunoda Top-10-Material unter dem Hintern und in der Hand.

Williams hat sich vom Hinterbänkler-Dasein der vergangenen Jahre verabschiedet. Die Modernisierung beim Kult-Team aus Grove schreitet spürbar voran. Tradition allein reicht nicht, es braucht das modernste Hightech-Equipment, um mithalten zu können. Die Engländer bekommen immer mehr davon in ihre Hände.

Alex Albon kann das häufiger mit Glanzlichtern in den Rennen umsetzen. Sein Teampartner Sargeant Logan ist allerdings zu schwach, damit das Team den nächsten großen Schritt nach vorne machen kann. Da muss eine Umbesetzung für 2024 kommen!

Großbaustelle Alpine und Aston Martin

Für Alpine stehen Ocon und Gasly je einmal auf dem Podium. Unter dem Strich bleibt aber eine enttäuschende Saison, die einen Rückschritt widerspiegelt. Dass mitten in der Saison in Spa an Ort und Stelle quasi der gesamte Führungsstab über die Wupper gejagt wurde, ist einmalig.

Neue Führungsstrukturen, die greifen, sind nicht wirklich erkennbar. Dass die beiden Fahrer sich gegenseitig alles andere als grün sind, hilft auch nicht gerade. Dazu der leistungsschwache Motor aus dem eigenen Haus. Macht in Summe wenig Hoffnung auf eine signifikante Steigerung 2024.

Aston Martin hat sich in der ersten Saisonhälfte als erster Red-Bull-Jäger geriert. Altmeister Fernando Alonso ist Podiums-Dauergast, während Teamkollege Lance Stroll aus dem Auto bei Weitem nicht rausholen kann, was eigentlich drinsteckt. Der Besitzersohn wird deswegen öffentlich häufig angezählt, ihm wird Lustlosigkeit unterstellt.

Während Stroll Junior sich zum Saisonende hin enorm steigert und viele Kritiker widerlegt, fällt das Team zunehmend hinten runter. Das kann auch Alonso nicht mehr kaschieren. Das Weiterentwicklungstempo ist einfach zu schwach. Die Konkurrenz ist dynamischer in der Produktion von Leistung verbessernder Teile. Und so geht es von Platz zwei auf Rang fünf runter in der zweiten Saisonhälfte. Geschätzte 95 Millionen Euro aus dem Prämientopf sind ein ein dickes Trostpflaster.

Oscar Piastri glänzt im McLaren - Leclerc will zu viel

Für mich sind McLaren und Oscar Piastri die Aufsteiger des Jahres. Das britische Traditionsteam ist in der Anfangsphase Halter der Roten Laterne. Ehrgeiz, Biss, Mut zum Risiko in Sachen Weiterentwicklung und Umbau des Fahrzeuges bringen am Ende einen ehrenvollen vierten Platz bei den Konstrukteuren.

Für einen Rookie ist es ungünstig, wenn ein Team so mit sich selber beschäftigt ist, dass man sich kaum um die Entwicklung, Gedanken und Wünsche des Neulings kümmern kann. Den Australier ficht das nicht an. Konsequent geht er seinen Weg, wird immer stärker und ist damit ein echter Herausforderer für Lando Norris. Der ist bereits seit 2019 im Team. Die Leistungen von Piastri sind so stark, dass unter dem Druck, den er aufbaut, die Fehlerquote von Norris immer größer wird.

Wenn die Teamleitung unter Zack Brown diese Gemengenlage gut managen kann, sodass sich diese elektrisierende Spannung in ein sich gegenseitiges positives Pushen mündet, dann haben die Papaya-Orangen das mit Abstand zukunftsträchtigste Fahrer-Duo unter Vertrag.

Ferrari ist mit Carlos Sainz der einzige Nicht-Red-Bull-Sieg der Saison gelungen. Der Triumph von Singapur bleibt aber Verschönerungskosmetik. Der überehrgeizige, verbissene Sainz ist besser, als viele geglaubt haben. Er nagt am Standing von Leclerc, der sich als klare Nummer 1 im Team sieht - was durch Ergebnisse untermauert werden will.

Der Monegasse hat eine selten lange Pechsträhne zu Saisonbeginn, gerät dadurch teamintern ins Hintertreffen. Mit zu viel Gewalt und Brechstange will er Rennfortune erzwingen, scheitert dabei aber häufig. Erst die Umbauten an der Roten Diva, die deutlich eher in die von ihm gewünschte Richtung gehen, bringen eine Wende. In der Schlussphase hat er endlich wettkampftaugliches Material für Top-Platzierungen.

Stimmung bei Mercedes droht zu kippen

Das täuscht aber nicht darüber hinweg, dass Ferrari und Mercedes sich strecken und recken können, wie sie wollen – den Rückstand gegenüber Red Bull haben beide nicht um ein Müh verringert während des Jahres. Das ist eine herbe Enttäuschung!

Wie um alles in der Welt können die beiden trotz begnadeter Techniker- und Designerhirne in ihren Reihen dermaßen stagnieren?

Mercedes läuft in etlichen Rennen Motorenkunde McLaren hinterher. Ferrari schafft es nur selten, den Boliden ins richtige, konstante Arbeitsfenster in den Rennen zu bringen. So werden Leclerc und Sainz immer wieder Opfer von Reifenfraß.

Hamilton und Russell sind konstanter. Mercedes bleibt am Ende deshalb hauchdünn vor Ferrari. Allerdings ohne einen Saisonsieg! Ein Desaster für die überaus erfolgsverwöhnte Sternmarke.

Toto Wolff (r.) ist alles andere als glücklich mit der Leistung der Mercedes-Boliden
Toto Wolff ist alles andere als glücklich mit der Leistung der Mercedes-Boliden

Die zunehmend auch nach Außen spürbare schlechte Laune von Teamchef Toto Wolff ist ein klares Zeichen dafür, dass es in Brackley bei Weitem nicht so läuft, wie es eigentlich sollte. So richtig verstanden haben die Technik-Gurus dort offensichtlich nicht, wo der Hund im W14 begraben ist. Was nicht gerade allzu große Hoffnungen auf einen WM-Coup 2024 weckt.

Formel 1 sollte den Bogen nicht überspannen

DRS erlaubt vielfach immer noch zu leicht Überholmanöver, die endlosen Diskussionen über Tracklimit-Verstöße ermüden. Das Regelwerk ist insgesamt viel zu aufgeblasen und kompliziert. Es gibt einige Baustellen, an denen kräftig gearbeitet werden muss.

Ob die Sprints eine Bereicherung sind oder nicht, überlasse ich in der Beurteilung Ihnen, liebe Fans. Mir haben sie meist recht gut gefallen, weil sie Action geladen waren und damit gute Unterhaltung boten.

Ist Las Vegas der neue Maßstab für Veranstalter? Der Motorsport darf nicht zur Randthematik werden an einem Grand-Prix-Wochenende. Beschreiten neuer Wege, um neue Kunden und Fans zu gewinnen? D‘accord. Ich bin kein Ewiggestriger. Neue Impulse können nie schaden. Aber man muss höllisch aufpassen, dass man dabei den Bogen nicht überspannt!

22 Grand Prix haben wir 2023 erlebt. Für mich ist das schon grenzwertig viel. An einige Rennen kann ich mich schon gar nicht mehr richtig erinnern. 2024 werden es 24 Läufe sein, dazu kommen etliche Sprints. Die Organisatoren der F1 sollten nicht zu gierig werden.

Irgendwann ist der Markt überhitzt und überreizt und die einzelnen Rennen werden zur Alltagsware, rutschen in die X-Beliebigkeit.

Ihnen wünsche ich Gesundheit und eine gute Zeit bis zum Saisonauftakt 2024! PEDAL TO THE METAL.

Ihr Peter Kohl