Die Qualen des Deutschlandachters

Die Qualen des Deutschlandachters

Mythos, Flagschiff, Olympia-Hoffnung, aber auch: physische und mentale Pein. Ein Einblick in das harte Leben der deutschen Ruder-Elite, die sich am Freitag in Tokio mit Gold belohnen will.
Erschöpft nach dem Vorlaufsieg: die Crew des Deutschlandachters
Erschöpft nach dem Vorlaufsieg: die Crew des Deutschlandachters
© Imago
Holger Luhmann
von Holger Luhmann
am 29. Juli

Beginnen wir nicht mit dem Mythos, der das Wahre verklärt. Nicht mit dem Ästhetischen, der Schweiß und Schmerz romantisiert. Beginnen wir mit den Qualen. Hart und real.

„Am Anfang hatte ich vor den Rennen keine Angst vor den Gegnern. Ich hatte Angst vor dem Schmerz. Angst, dass ich die Mannschaft im Stich lasse“, sagt Jakob Schneider im Gespräch mit SPORT1.

Schneider, 1,99 Meter groß, blondes wuscheliges Haar, sitzt im deutschen Ruderachter. Dem Flagschiff, wie alle schreiben. Auch das ein Begriff, der das Echte überhöht. Aber zutrifft.

Schneider sitzt „ziemlich in der Mitte“, wie er sagt. 2017 ist er ins Boot berufen worden. Der Gemeinschaft der besten Ruderer. Nach Olympia 2016 in Rio also, als die Deutschen dem Erzrivalen Großbritannien unterlagen.

Im Vorlauf „ein Ding abgefackelt“

Seitdem der 25-Jährige dabei ist, lief es wie am Schnürchen. Drei WM-Titel in Folge. Dann der Rückschlag in diesem Jahr. Nur Platz vier bei der Europameisterschaft. Plötzlich kamen Zweifel auf. Doch in Tokio ließ der Deutschlandachter wieder seine Muskeln spielen. „Man muss auf einem sehr hohen Niveau sein, um so ein Ding abzufackeln“, sagte Bundestrainer Uwe Bender nach dem Sieg im Vorlauf.

Am Freitag (3.25 Uhr deutscher Zeit im Liveticker) im Finale soll die Krönung folgen. Doch Widrigkeiten gibt es genug. Die Gegner, die Hitze, die pralle Sonne. Zu allem Überfluss: der fiese Wind und das kräuselige Wasser. Die Bedingungen haben schon Oliver Zeidler und dem Doppel-Vierer der Frauen zugesetzt, ihnen Medaillen verhagelt. Trotzdem: Für den Deutschlandachter zählt nur der Olympiasieg.

Zwischen der Ödnis der rostigen Spundwände

Dafür hat die Crew in der Vorbereitung eine schier endlose Schinderei auf sich genommen. Kein Tag frei, jeden Tag 44 Kilometer auf dem Dortmund-Ems-Kanal, verteilt auf zwei Einheiten, je anderthalb Stunden bei Wind und Wetter, zwischen der Ödnis der rostigen Spundwände links und rechts. Zwischendurch zusätzliches Krafttraining im Dortmunder Leistungszentrum.

Das Wunder von Rom

Alles für das große Ziel. „Der Olympiasieg ist der große Traum“, sagt Schneider: „Aber es ist schon ein Traum, in diesem Boot zu sitzen. Davon hat schon der kleine Jakob geträumt.“ Nun also doch, der Mythos, es geht kein Weg daran vorbei. Der Sieg bei Olympia 1960 gegen die Jahrzehnte übermächtigen US-Amerikaner. Sechs Jahre nach dem Fußball-Wunder von Bern das Wunder von Rom, damals weiterer Balsam für die deutsche Seele.

„Dieser Erfolg hat damals offenbar den Nerv getroffen und der Nation etwas gegeben“, sagt Schneider: „Dieses Ereignis schwingt bis heute mit. Man merkt das auch bei der Wahl zum Sportler des Jahres. Erfolg vorausgesetzt, ist der Achter eigentlich immer unter den ersten drei Mannschaften zu finden.“

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Die Dominanz der vergangenen Jahre hat für Schneider einen Namen: Steuermann Martin Sauer. „Er hat eine genaue Vision. Es geht gar nicht einmal um die Rennen, wenn er uns von A nach B peitscht. Er weiß genau, wie er uns im Training dorthin bekommt, dass wir so erfolgreich sind“, sagt Schneider. Nicht zu vergessen Schlagmann Hannes Oczik, der „den Rhythmus wie ein Uhrwerk vorgibt“, so Schneider.

50 Kilogramm pro Zug, 220 Züge pro Rennen

Das ist ja die Kunst: Acht Athleten, alle knapp zwei Meter groß und 100 Kilogramm schwer, die das schlanke, fast 18 Meter lange Boot in perfekter Synchronität durch das Wasser gleiten lassen. Die Harmonie der Körper, die auf ihren Rollsitzen vor- und zurückgleiten, die Perfektion beim zeitgleichen Eintauchen der Blätter. All das bei höchster Anstrengung. Alle mit einem Ziel: Olympia-Gold.

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