Biles‘ bittere Beichte

Biles‘ bittere Beichte

Simone Biles ist von Geburt an unter psychischem Dauerdruck. Der Turn-Superstar erhält Unterstützung von Michelle Obama.
Die Rekord-Weltmeisterin im Kunstturnen wird bei Olympia nicht am Mehrkampf-Finale teilnehmen.
Biles sagt erneut ab
00:25
. SID
von SID
am 28. Juli

Die unterstützenden Worte aus aller Welt, sogar aus dem Weißen Haus und von der ehemaligen First Lady Michelle Obama („Wir sind stolz auf dich“), erreichten Simone Biles im Olympischen Dorf.

Der aktuell alternativlose Rückzugsort einer Jahrhundert-Turnerin, deren Gedanken wohl nur um diese eine Frage kreisen, der sie nicht mehr ausweichen kann: Wie soll es weitergehen?

Am Tag nach ihrem Wettkampfabbruch im Teamfinale und anschließendem Bekenntnis zu ihren mentalen Problemen ging es für Biles zunächst mit einem Zeitgewinn weiter.

Die 24-Jährige wurde für die Mehrkampf-Entscheidung am Donnerstag (12.50 Uhr) abgemeldet und durch Jade Carey ersetzt. Ihre vier möglichen Starts in den Gerätefinals vom 1. bis 3. August hingegen ließ die Rekord-Weltmeisterin vorerst offen.

Biles ist „in Form“

„Ich werde von Tag zu Tag entscheiden. Körperlich fühle ich mich gut, ich bin in Form“, sagte Biles dem US-Fernsehsender NBC. Ob ein derart rasches „Comeback“ ein positiver Schritt zurück zur Normalität wäre oder ein verhängnisvoller Fehler mit möglicherweise unabsehbaren Folgen, diese Entscheidung kann ihr letztlich niemand abnehmen.

Wenn der Druck als zu groß empfunden werde, „wird die Aktivierungslage zu hoch. Dann wird man zu nervös, zu ängstlich. Dann kann das tatsächlich zu Verletzungen führen“, sagte Sportpsychologin Marion Sulprizio dem SID. Sie würdigte Biles‘ Verhalten als „sehr gesunden und sehr selbstwertschätzenden Schritt“.

Sollte Olympia in Tokio der oft bemühte Tropfen sein, der das Fass zum Überlaufen brachte, es wäre mehr als verständlich. Denn die dreimalige Weltsportlerin des Jahres steht praktisch seit ihrer Geburt unter psychischem Dauerstress.

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Biles schwieg lange

Die Mutter schon vor ihrer Geburt drogensüchtig, problematisches Aufwachsen in einer Pflegefamilie, dann die Adoption durch den Großvater: Wirkliche familiäre Geborgenheit kannte die kleine Simone kaum.

Und wohl deshalb schwieg sie auch lange, als Teamkolleginnen den sexuellen Missbrauch durch Teamarzt Larry Nassar längst öffentlich gemacht hatten.

„Lange habe ich mich gefragt, ob ich nicht zu naiv war. Aber irgendwann war mir klar, dass das alles nicht mein Fehler war“, sagte Biles seinerzeit.

Diese Erkenntnis war auch die Triebfeder, nach einer zweijährigen Auszeit 2018 in den Wettkampfsport zurückzukehren: „Wenn ich nicht weiter geturnt hätte, wäre dieser Skandal zu schnell beiseite geschoben worden.“

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Glaube half Biles

Aber genau dieses Comeback legte angesichts der enormen Popularität des Frauenturnens in den USA noch mehr Druck auf die Schultern der 1,42 m kleinen Ausnahmeathletin.

Und natürlich gingen auch die Auswirkungen der Coronavirus-Pandemie nicht spurlos an der 24-Jährigen vorbei.

Bislang hat der viermaligen Olympiasiegerin von Rio de Janeiro 2016 in besonders schwierigen Lebensphasen auch ihr fester christlicher Glaube geholfen: „Es spielt keine Rolle, in welcher Situation man sich befindet. Du legst es einfach in die Hände des Herrn, und er wird dich hindurchführen. Einige Hindernisse dienen zu unserem Besten, ohne sie wärst du nicht so stark geworden, wie du bist.“

So gesehen müssten Simone Biles allein die Zahl und Höhe der Hindernisse in ihrer bisherigen Vita geradezu Superkräfte verliehen haben.

Eine geballte Power, die sie jetzt zur richtigen Entscheidung über ihren weiteren Lebensweg nutzen sollte. Besser noch: Muss.

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