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Olympia 2024: Sind Deutschlands Handballer zu lieb?

Sind Deutschlands Handballer zu lieb?

Deutschlands Handballer kassieren gegen Kroatien den ersten Dämpfer im Olympia-Turnier. Der Auftritt wirft eine grundsätzliche Frage auf - die vielleicht schon im nächsten Spiel beantwortet werden könnte.
Die deutsche Handball-Nationalmannschaft besiegt Japan im letzten Spiel vor Olympia in Paris mit einer teilweise herausragenden Leistung. Es ist der dritte Sieg im dritten Test - und schürt weiter die Medaillenträume.
Deutschlands Handballer kassieren gegen Kroatien den ersten Dämpfer im Olympia-Turnier. Der Auftritt wirft eine grundsätzliche Frage auf - die vielleicht schon im nächsten Spiel beantwortet werden könnte.

Die Gründe, warum Deutschlands Handballer nach dem Traumstart ins Olympia-Turnier mit souveränen Siegen gegen Schweden und Japan im Spiel gegen Kroatien den ersten Dämpfer kassierten, waren vielfältig.

„In der Abwehr haben wir aus meiner Sicht viel zu viele Konzentrationsfehler gemacht, wo wir den Kroaten mindestens fünf, sechs Tore in dem Spiel schenken, weil einer ganz kurz pennt. Das darf in so einem Turnier nicht passieren“, bemängelte Bundestrainer Alfred Gislason direkt nach der Partie.

Tags darauf fand er gleichermaßen kritische Worte für die deutsche Offensive: „Wir müssen unsere Chancen besser nutzen. Wenn wir wie gegen Kroatien 19 Fehlwürfe haben, davon mehr als die Hälfte freistehend gegen den Torhüter, dann ist es immer schwer gegen solche Gegner.“

Wolff als einziger von der Kritik ausgenommen

Der Einzige, der von Kritik ausgenommen blieb, war Torwart Andreas Wolff, der zwar mit 26 Prozent gehaltenen Bällen auch keinen Sahnetag erwischte, angesichts der vielen freien kroatischen Würfe sein Team aber lange Zeit bestmöglich im Spiel hielt.

Und wenn man ehrlich ist: Einen wie Wolff mit seiner Emotionalität hätte die DHB-Auswahl auch anderswo auf dem Feld gut brauchen können. Unabhängig von taktischen Aspekten, vergebenen Chancen oder Zuordnungsfehlern in der Abwehr mussten auch dem größten Handball-Laien eklatante Unterschiede zwischen den beiden Mannschaften in Sachen Energie, Emotionalität und Aggressivität auffallen.

„Unsere Intensität in allen Bereichen, sowohl vorne wie hinten, war heute nicht auf dem Level, wie wir es brauchen - vor allem nicht auf dem Level, wie Kroatien das hatte“, kritisierte Routinier Kai Häfner im Gespräch mit SPORT1, „und dann verlierst du das Spiel“.

„Wir haben teilweise nicht ganz das Spielglück gehabt“

Auf die Frage, was anders gewesen sei als in den ersten beiden Partien, meinte Juri Knorr: „Wir haben teilweise nicht ganz das Spielglück gehabt, das wir vielleicht in den anderen Spielen hatten mit Pfiffen, mit Abprallern, mit Entscheidungen, die in beide Richtungen ausfallen können, gerade auch in der Abwehr.“

Ein Stück weit nahm der deutsche Spielmacher also auch die Schiedsrichter mit in die Pflicht - und tatsächlich bewegten sich die Kroaten des Öfteren zumindest am Rande der Legalität. Unter anderem die frühzeitige Disqualifikation von Zvonimir Srna, der bereits nach 46 Minuten die dritte Zwei-Minuten-Strafe kassierte, und gleich mehrere Videobeweis-Überprüfungen wegen möglicher kroatischer Schläge ins Gesicht ihrer deutschen Gegenspieler zeugten von der aggressiven Herangehensweise des kroatischen Teams.

„Sie waren uns sicherlich überlegen in der Körperlichkeit und sind auch mit dieser Linie bei den Schiedsrichtern durchgekommen, mit vielen kleinen harten Sachen“, meinte Renars Uscins.

„Schiedsrichter haben das durchgehen lassen“

War die eine oder andere Aktion vielleicht sogar über der Grenze? „Sicherlich, aber die Schiedsrichter haben das durchgehen lassen - und die Kroaten sind ja nicht dumm, die wissen ganz genau, wie sie solche Sachen ausnutzen müssen. Das haben sie innerhalb der Linien gemacht - und dann ist es so“, sagte der bislang bei Olympia so stark aufspielende deutsche Youngster.

Statt sich zu beklagen, nahm er allerdings sich und seine Teamkollegen in die Pflicht. Gegen einen solchen Gegner müsse man eben „damit zurechtkommen und es ihnen genauso auf der anderen Seite zeigen. Das haben wir nicht gemacht, sondern waren dann einfach zu lieb.“

Ein Fehler, den das deutsche Team hoffentlich nur einmal begeht. Ob ein schneller Lerneffekt eingetreten ist, könnte sich bereits am Freitagnachmittag zeigen: Gegen Spanien wartet das nächste Duell mit einer abgezockten Truppe. „Spanien hat eine unglaublich erfahrene Mannschaft, das ist die erfahrenste von allen hier im Feld. Die meisten haben mehrere hundert Länderspiele und schon etliche solcher Turniere bestritten“, betonte Gislason mit Blick auf den kommenden Gegner.

Das vorletzte Gruppenspiel vor dem abschließenden Duell mit Slowenien könnte einen deutlichen Hinweis liefern, ob die deutsche Mannschaft schon die Reife besitzt, ernsthaft in den Kampf um die Medaillen eingreifen zu können - oder ob sie dafür vielleicht wirklich zu lieb ist.