Es klang seinerzeit wie ein schlechter Witz, als 1988 ein jamaikanisches Bob-Team nach Calgary reiste, um erstmals an Olympischen Winterspielen teilzunehmen und Geschichte zu schreiben. Doch das außergewöhnliche Quartett erweist sich schnell als Attraktion. In der Viererbob-Konkurrenz schlugen sich die Jamaikaner zunächst tapfer, ehe am 28. Februar – heute vor 38 Jahren – ein fataler Sturz alle olympischen Träume zunichtemachte, aber eine Legende geboren war.
Als ein Sturzdrama bei Olympia einen Mythos schuf
Wie ein Sturzdrama einen Mythos schuf
Ein Leutnant der Armee, ein Kapitän der Luftwaffe, ein Reservist und ein Eisenbahntechniker! Vier unerfahrene Jamaikaner – genauer gesagt Dudley Stokes als Pilot, Devon Harris, Michael White und Samuel Clayton, die erst kurz zuvor ausgewählt worden waren – sollten sich in einem Bob den Eiskanal hinunterstürzen. Was nach einer aberwitzigen Schnapsidee klingt, war Realität geworden. „Ich hielt das damals für die beknackteste Idee aller Zeiten“, räumte auch Harris später unumwunden ein.
Olympia: „Beknackteste Idee aller Zeiten“ begründet einen Mythos
Doch der ursprüngliche Plan war eigentlich ein ganz anderer, wie Harris zum Besten gab. „Die Idee für dieses Team hatten zwei Amerikaner, George Fitch und William Maloney, die geschäftlich in Jamaika waren und ein Seifenkistenrennen sahen“, erklärte der heute 61-Jährige, dessen Spitzname – ebenfalls äußerst kurios – Pele ist.
„Sie meinten, es sähe wie ein Bobrennen aus, dem das Eis fehlte“, führte Harris weiter aus. „Da der Start im Rennen so ein wichtiger Teil ist, und es in Jamaika viele Sprinter gibt, dachten sie sich, einige Athleten der Sommerspiele zu rekrutieren, doch die waren von der Idee nicht begeistert. So kamen sie zum Militär und suchten sich dort die Mannschaft zusammen.“
Der Start für das bunt zusammengewürfelte Team verlief jedoch äußerst holprig, man hatte mit Unfällen und technischen Schwierigkeiten zu kämpfen. So mussten sich die Jamaikaner sogar Kufen von den Teams anderer Nationen leihen.
Darüber hinaus kam es kurz vor dem Wettkampf noch zu einer Neubesetzung: Caswell Allen, der anstatt Gründungsmitglied Clayton nominiert worden war, wurde durch Chris Stokes, den Bruder von Dudley, ersetzt – alles andere als eine optimale Vorbereitung.
Sturzdrama beendet Olympia-Märchen
Von den etablierten Wintersport-Nationen durchaus belächelt, gelang dem jamaikanischen Zweierbob in Calgary dann aber ein Achtungserfolg: Stokes und White beendeten den Wettbewerb auf Platz 30 von 41 Startern. Eine Woche später folgte die Viererbob-Konkurrenz, in der der krasse Außenseiter die ersten beiden Läufe unbeschadet überstand, aber bereits deutlich abgeschlagen war.
Im dritten Lauf nahm das Unheil dann seinen Lauf. Bei über 130 km/h stürzte der Bob nach einer langen Linkskurve und schlitterte auf der Seite liegend durch den Eiskanal Richtung Ziel. Die Bestürzung unter den Zuschauern und Fans war immens, genauso wie das kollektive Aufatmen, als die Jamaikaner unverletzt aussteigen und zu Fuß ins Ziel laufen konnten.
„Als wir den Kanal runterliefen und uns selbst bemitleideten, begann die Menge zu jubeln“, erinnerte sich Harris, obwohl peinlich berührt nach dem Crash, an diesen herzerwärmenden Moment.
Jamaika-Bob als Inspiration für Kinofilm „Cool Runnings“
Trotz des unschönen Endes war die Legende geboren. Das Team avancierte zu Publikumslieblingen und zu einem Symbol für den olympischen Geist („Dabei sein ist alles“).
Außerdem ebneten Harris und Co. den Weg für zukünftige jamaikanische Bob-Teams, die in aller Regelmäßigkeit an Olympischen Winterspielen teilnahmen, so auch bei den gerade zu Ende gegangenen Wettkämpfen in Mailand und Cortina d’Ampezzo.
Überdies diente die Geschichte der vier Pioniere als Inspiration für den 1994 in Deutschland erschienenen Film „Cool Runnings“, der mit weitgehend fiktiven Charakteren nur lose auf den wahren Begebenheiten basierte, aber den Legenden-Status des ersten jamaikanischen Bob-Teams zementierte.