Gold, Silber oder Bronze – diese drei Farben stehen fast so sehr für Olympia wie die Farben der Ringe selbst. Nur wenige können sie gewinnen, aber für viele sind sie das große Ziel. Klaus Jungbluth Rodriguez hat bei den Spielen in Mailand/Cortina ein anderes – nämlich die Ziellinie. Diese möchte er erreichen - und zwar „ohne Stürze und Unfälle“.
"Wie verrückt ist das?" Eine Geschichte wie keine andere
Dieser Exot schreibt Olympia-Geschichte
Es sind Geschichten wie seine, die den Olympischen Spirit ausmachen. Mit 46 Jahren startet Jungbluth Rodriguez beim 10-Kilometer-Rennen im Langlauf in seine zweiten Winterspiele. Noch außergewöhnlicher ist aber seine Herkunft, denn in seinem nach der Äquatorlinie benannten Heimatland Ecuador spielt Wintersport normalerweise keine Rolle.
In Pyeongchang vor acht Jahren war Jungbluth sogar der erste Sportler seines Landes, der es je zu Olympischen Winterspielen schaffte. Damals nahm er über die 15-Kilometer Freistil teil und belegte Rang 108. Sein Rückstand auf den damaligen Olympiasieger Dario Cologna betrug knapp 20 Minuten – doch der Schweizer gratulierte ihm und den anderen Nachzüglern dennoch, denn auch sie hatten ihr persönliches Ziel erreicht.
Olympia 2026: Langlauf-Exot kehrt zu Winterspielen zurück
Damals hätte wohl kaum jemand gedacht, dass er acht Jahre später noch einmal bei Olympia an den Start gehen würde. „Es ist ein sehr befriedigendes Gefühl, zum zweiten Mal hier zu sein“, erzählt Jungbluth, der durch seinen Urgroßvater auch deutsche Wurzeln hat, im SPORT1-Interview. Zuvor war ihm erneut die Ehre zuteil geworden, die Fahne bei der Eröffnungsfeier zu tragen.
„Es ist eine Belohnung für all die Opfer, die ich gebracht habe, und nicht nur ich, sondern auch die Menschen um mich herum“, sagt er selbst über diese Ehre: „Aber noch wichtiger ist es mir, mein Land Ecuador wieder ins Blickfeld der ganzen Welt zu rücken und zu zeigen, dass die Menschen dort in der Lage sind, Schwierigkeiten und Hürden im Leben mit Beständigkeit und Ausdauer zu überwinden.“
Dass er diese Qualität mitbringt, hat Jungbluth auf dem Weg zum Olympiateilnehmer definitiv unter Beweis gestellt. Seine Sportlerkarriere begann er dabei ursprünglich im Gewichtheben, ehe er sich Knieverletzungen zuzog, die eine weitere Ausübung dessen als Wettkampfsport unmöglich machten. Eine Alternative musste her.
Jungbluths Hobby führt ihn bis zu Olympia
Diese fand er im Jahr 2010 zufällig, als er in Norwegen seinen Master in Sportpsychologie absolvierte. „In Norwegen sah ich einige Leute, die im Sommer auf der Straße mit Rollerskiern unterwegs waren. Da dachte ich mir, dass ich das auch versuchen könnte, denn in Ecuador gibt es keinen Schnee“, erinnert sich Jungbluth zurück.
Wenig später kaufte er sich also sein erstes Paar Rollerskier und begann nach der Rückkehr in seine Heimat mit dem Training – damals noch ganz „ohne Ambitionen oder Zielen wie Qualifikationen oder Olympische Spiele, sondern einfach, weil ich sah, dass es eine gute körperliche Aktivität war“.
Mit der Zeit wuchs jedoch sein Interesse an dem Sport immer mehr und er wurde „neugierig darauf, Ecuador zum ersten Mal zu den Olympischen Winterspielen zu bringen“. Es gab nur eine große Hürde: Ecuador hatte gar keinen Wintersportverband.
Kein Skiverband: Jungbluth kämpft um Startberechtigung
Eine Olympia-Teilnahme ohne einen Verband im Rücken ist allerdings nicht möglich. Und so machte sich Jungbluth selbst an die Arbeit, herauszufinden, „welcher Papierkram dafür zu erledigen war“. Einfach war dies jedoch nicht.
„Wenn es keinen Wintersport-Verband gibt, muss das Olympische Komitee des jeweiligen Landes zustimmen, dass sie als solcher agieren und auf dem Papier ein Wintersport-Verband sind. Das ist der einzige Weg, wie die Athleten eine Lizenz erhalten, die sie an FIS-Wettkämpfen teilnehmen lässt“, erklärt er.
Nach der Zustimmung des Komitees 2015 musste allerdings auch noch die sportliche Qualifikation her. Jungbluth investierte viel, um seinen Traum zu verwirklichen. In Ecuador trainierte er mit seinen Rollerskiern teilweise sogar auf der Autobahn, da andere Straßen oft uneben waren und damit alles andere als ideale Bedingungen darstellten.
Ski-Exot trainiert sogar frühmorgens auf der Autobahn
Dafür musste er es in Kauf nehmen, dass der Wecker oft extrem früh klingelte. „Die einzige Zeit, in der sehr wenig Verkehr herrschte, war zwischen 4 und 6 Uhr morgens. Das war die Zeit, in der ich auf den Straßen trainieren konnte“, erzählt Jungbluth. Zudem sei diese Trainingszeit auch besser mit seiner Arbeit und der Familie vereinbar gewesen.
Neben wenig Schlaf gehörten auch Schmerzen regelmäßig zum Trainingsalltag, wie er berichtet: „Ich bin oft gestürzt, sehr oft sogar. Auf den Straßen, bergab ....“. Jungbluth ließ sich von all diesen Rückschlägen zwar nicht entmutigen - mit Blick auf Olympia stellte sich aber dennoch noch eine weitere wichtige Frage: Wie läuft man eigentlich auf Schnee?
Das erste Mal auf Skiern stand Jungbluth rund vier Jahre vor den Spielen in Pyeongchang. „Ich bin nach Europa gereist, um in Schweden an einem Langdistanz-Rennen im Schnee teilzunehmen. Ich reiste etwa eine Woche vor dem Rennen an, damit ich ein wenig Zeit im Schnee verbringen konnte. Es war ein Klassik-Rennen“, erinnert er sich.
Zunächst wäre er „sehr unkoordiniert“ gewesen und habe Probleme gehabt, „das Gleichgewicht zu finden“, zumal das Fahren auf Schnee „völlig anders als auf der Straße“ sei. Doch „je öfter ich auf Schnee war, desto wohler fühlte ich mich. Und ich konnte auch sehen, welche Dinge ich vom Rollerskifahren auf das Schneetraining übertragen konnte.“
„Wie verrückt ist das?“: Ecuadorianer schreibt Geschichte
Belohnt wurden all die Arbeit und der bürokratische Aufwand mit dem Olympia-Debüt im Alter von 38 Jahren, womit er in seiner Heimat durchaus für Aufsehen sorgte. „Der erste Kommentar war: ‚Wie verrückt ist das denn? Du lebst in Ecuador und trittst im Schnee an‘“, sagt Jungbluth.
Für ihn sei dies aber lediglich ein Beweis dafür, dass „du der Einzige bist, der dir Grenzen setzt, was du erreichen kannst.“ Das beweist er mit 46 Jahren bei seinen zweiten Olympischen Spielen nun noch einmal, wenngleich sich die Trainingsbedingungen im Vergleich zu der Zeit vor seinen ersten Spielen deutlich verbessert haben.
Nach einiger Zeit, in der die Familie Jungbluth in Australien lebte, zog es sie ins Wallis in die Schweiz, wo der Langläufer inzwischen seit drei Jahren mit seiner Familie lebt und als Physiotherapeut arbeitet.
Dadurch verbessern sich langsam auch seine Deutschkenntnisse wieder, die er aufgrund des Besuchs an einer deutschen Schule in Ecuador ursprünglich einmal besessen hatte. Doch dann „habe ich etwa 20 Jahre lang kein Deutsch gesprochen, bis ich in die Schweiz kam, also musste ich wieder von vorne anfangen. Aber jetzt ist es besser.“
Diese Ziele steckt sich Jungbluth für das Olympia-Rennen
Der Schweizer Wohnort hilft aber nicht nur bei den Sprachkenntnissen, wobei Jungbluth neben Deutsch noch Spanisch, Englisch, Italienisch, Tschechisch und Norwegisch spricht. Der fünffache Familienvater suchte aktiv nach einem Job an einem Ort, an dem „ich auf Schnee trainieren konnte“. Das Training auf richtigen Skiern ist dank des deutlich kälteren Klimas inzwischen also zur Regel geworden.
Dies könnte womöglich helfen, um sein zweites Ziel abseits des Ankommens für den olympischen 10-Kilometer-Wettbewerb zu erfüllen – und zwar „ein besseres Ergebnis als 2018 zu erzielen, verglichen mit der Zeit des Siegers“.
Abgesehen davon will der Ski-Exot das ganze Erlebnis noch einmal richtig genießen - denn es werden „definitiv meine letzten Olympischen Spiele sein“.
Doch egal, wie das Ergebnis am Ende ausfallen wird – der Titel als einziger zweimaliger Winter-Olympia-Teilnehmer aus Ecuador ist ihm sicher.