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Wie ein Olympia-Gigant zur Skandalfigur verkam

Vom Giganten zur Skandalfigur

Viktor Ahn, der ehemalige Ahn Hyun-soo, zählt zu den erfolgreichsten Olympioniken der Geschichte. Sein kontroverser Wechsel von Südkorea nach Russland entpuppte sich jedoch als dauerhafter Schatten über seinem Vermächtnis.
Der heutige Viktor Ahn war ein Star der Olympischen Spiele 2006 und 2014
Der heutige Viktor Ahn war ein Star der Olympischen Spiele 2006 und 2014
© IMAGO / Sven Simon
Viktor Ahn, der ehemalige Ahn Hyun-soo, zählt zu den erfolgreichsten Olympioniken der Geschichte. Sein kontroverser Wechsel von Südkorea nach Russland entpuppte sich jedoch als dauerhafter Schatten über seinem Vermächtnis.

Bei den Olympischen Winterspielen 2006 in Turin war er das Maß der Dinge: Ahn Hyun-soo.

Vor exakt 20 Jahren schrieb der Shorttracker Sportgeschichte. Nach Gold über 1000 und 1500 Meter führte er auch die Staffel zum Olympiasieg. Mit zusätzlich Bronze über 500 Meter wurde der in Seoul geborene Shorttracker zum erfolgreichsten Athleten der Winterspiele von Turin. Zugleich avancierte er zum ersten Südkoreaner, der bei Olympischen Winterspielen mindestens drei Medaillen gewann.

Mit insgesamt sechs Goldmedaillen zählt Ahn bis heute zu den zehn erfolgreichsten Wintersportlern der olympischen Geschichte - aber auch zu ihren kontroversesten Figuren.

Der Grund: Ahn heißt inzwischen Viktor Ahn und hat infolge hässlicher Verwerfungen eine neue Heimat in Wladimir Putins Russland gefunden.

Olympia: Ahn darf nicht nach Vancouver

Alles begann mit einer schweren Verletzung. Im Januar 2008 blieb Ahn beim Training mit seinem Schlittschuh im Eis hängen und fiel mit dem Knie gegen einen Zaun. Der Verband (Korea Skating Union) gab kurz darauf die bittere Diagnose bekannt – ein komplizierter Kniebruch.

Es begann eine lange Leidenszeit mit zahlreichen Rückschlägen im Aufbautraining. Innerhalb von 15 Monaten musste Ahn viermal operiert werden.

Geschwächt kam der dreifache Olympiasieger von Turin zu den entscheidenden nationalen Qualifikationsläufen für die Olympischen Winterspiele 2010 in Vancouver. Als Siebter verpasste er die sportliche Qualifikation für seine zweiten Winterspiele deutlich.

Damit nicht genug: Statt Training und harter Arbeit fand sich Ahn daraufhin im Zentrum eines großen Verbandsskandals wieder. Neben dem Vorwurf der Spielmanipulation erschütterten interne Machtkämpfe die Korea Skating Union.

Bruch mit Verband und Land

Demnach sollen unter Athleten und Trainern Vereinbarungen über die Rechte zur Teilnahme an Olympischen Spielen und Weltmeisterschaften getroffen worden sein. Dies offenbarte der in Südkorea bekannte Vater von Ahn der Öffentlichkeit, ohne dass sein Sohn davon wusste. Daraufhin wurden beteiligte Spieler und Trainer disziplinarisch bestraft und Führungskräfte der Korea Skating Union mussten zurücktreten. Unfreiwillig wurde Ahn so zur Symbolfigur eines weitreichenden Skandals.

Im Jahr 2011 zog er die Konsequenzen und kündigte seinen Umzug nach Russland an, um sich fernab der Querelen wieder ganz auf den Sport zu konzentrieren. Es war der endgültige Bruch mit dem Verband - und für Russland ein willkommener Personalcoup mit Blick auf die Spiele 2014 im eigenen Land.

Nach seinem Umzug im Juni wurde ihm am 28. Dezember von Staatspräsident Dmitri Medwedew offiziell die russische Staatsbürgerschaft verliehen. Aufgrund der südkoreanischen Gesetzgebung verlor er damit seine ursprüngliche Staatsangehörigkeit. Mit dem Nationenwechsel ging auch ein Namenswechsel einher: Aus Ahn Hyun-soo wurde Viktor Ahn - zum Entsetzen vieler in seiner Heimat, die ihm einen moralischen Ausverkauf vorwarfen.

Olympia: Auf Goldspektakel folgt Dopingverdacht

Sportlich zahlte sich der Schritt nach Russland zunächst voll aus. Bei den Olympischen Winterspielen 2014 in Sotschi trumpfte der Neu-Russe in seiner Wahlheimat groß auf. Er lief erneut zu drei Goldmedaillen (500 m, 1000 m und Staffel) sowie zu einer Bronzemedaille (1500 m). Damit schwang sich Ahn zum Rekord-Olympiasieger im Shorttrack auf.

„Ich wollte unter den bestmöglichen Bedingungen trainieren und habe bewiesen, dass meine Entscheidung richtig war“, erklärte Ahn nach dem Gold-Spektakel in Sotschi die Hintergründe zu seinem Nationenwechsel.

Doch die Turbulenzen außerhalb der Eisbahn holten ihn erneut ein. Im Zuge der systematischen Staatsdopingaffäre in Russland und einer Erwähnung im sogenannten McLaren-Bericht wurde Ahn im Jahr 2016 von der Welt-Anti-Doping-Agentur für die Olympischen Winterspiele 2018 in Pyeongchang gesperrt – obwohl er selbst nie positiv auf Doping getestet wurde.

Ahns Einsprüche in Form eines offenen Briefes an IOC-Präsident Thomas Bach sowie einer Klage vor dem Internationalen Sportgerichtshof CAS blieben allerdings erfolglos.

Kritik auch an China-Job

Im September 2018 erklärte Ahn zunächst seinen Rücktritt vom Leistungssport, kehrte jedoch fünf Monate später noch einmal in den Weltcup zurück. Im April 2020 beendete er seine Karriere endgültig.

Die Querelen um seine Person rissen jedoch auch nach seiner aktiven Laufbahn nicht ab. Nach seiner Rückkehr in sein Geburtsland geriet er erneut in die Kritik, weil er bei den Olympischen Winterspielen 2022 als Trainer im chinesischen Verband tätig war. Als er sich ein Jahr später für ein Traineramt beim südkoreanischen Verband, wurde ihm das vorgehalten - ebenso wie seine immer wieder kontrovers diskutierte Russland-Connection. Ein Mann, der „sein Land verraten“ hätte, dürfe keinen verantwortungsvollen Posten dort mehr bekommen, positionierte sich ein Verbund anderer Trainer gegen Ahn.

Dass Ahn immer wieder versicherte, dass seine Motive nicht böswillig gewesen seien, dass er betonte, dass er alle ihm noch zustehenden Vergütungen aus der Heimat für wohltätige Zwecke gespendet hätte: Es half nichts. Es kam, wie es kommen musste: Ahn wurde abgelehnt. Einmal mehr wollte Russland ihn dann abwerben - Ahn sagte jedoch aus familiären Gründen ab.

Für seinen Russland-Wechsel - der in Folge der weltpolitischen Zeitenwende nach der Krim-Annexion 2014 und dem Großangriff auf die Ukraine ab 2022 im Nachhinein eine noch brisantere Note bekam - muss der inzwischen 40 Jahre alte Ahn sich trotzdem immer wieder rechtfertigen. Es bleibt das große Thema, das für immer mit dem Vermächtnis eines großen Olympioniken verbunden sein wird.