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Olympia-Heldin: "In 17 Sekunden hat sich mein ganzes Leben verändert“

Heldin spricht über „Perfect 10“

Nadia Comaneci schaffte bei den Olympischen Spielen 1976 historisches. Im Gespräch mit SPORT1 erinnert sie sich an ihre perfekte Leistung zurück.
Nadia Comaneci begeisterte bei den Olympischen Spielen 1976
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Nadia Comaneci begeisterte bei den Olympischen Spielen 1976 ​
© IMAGO/Colorsport
Nadia Comaneci schaffte bei den Olympischen Spielen 1976 historisches. Im Gespräch mit SPORT1 erinnert sie sich an ihre perfekte Leistung zurück.

Vor knapp 50 Jahren schrieb bei den Olympischen Spielen in Montreal 1976 ein kleines, blässliches und verschüchtertes Mädchen Geschichte und veränderte einen Sport für immer.

Ihr Name: Nadia Comaneci. Mit gerade einmal 14 Jahren schockte sie am 18. Juli die Turn-Elite und zeigte eine Leistung, die es im Turnen zuvor noch nie gegeben hatte. Am Stufenbarren turnte sie so perfekt, dass sie tatsächlich 10,0 Punkte vom Kampfgericht bekam.

„In nur 17 Sekunden hat sich vor 50 Jahren mein ganzes Leben verändert“, erinnerte sich Comaneci am Rande der Laureus Awards in Madrid im Gespräch mit SPORT1: „Manchmal ist es auch noch heute schwer zu glauben, dass das wirklich passiert ist.“

Die Rumänin avancierte anschließend über Nacht vom unbekannten Mädchen zu einem absoluten Weltstar. Ihr Stellenwert kann beispielsweise mit Simone Biles verglichen werden. Sie wurde zur Ikone des Turnens, ein gefeierter Star, der mit ihrer Kunst die Welt verblüffte und berührte.

Besonderer Olympia-Moment? „Große Ehre, dass mein Vermächtnis bis heute besteht“

Comaneci vollführte damals eine Einlage in Mischung aus athletischer Explosivität und ästhetischer Perfektion, die ihr die erste „Perfect 10“ in der Geschichte des Turnens einbrachte.

Eine Bestleistung, die damals sogar die Technik bei den Olympischen Spielen überforderte: Die Anzeigetafel vor Ort zeigte eine 1,0, weil sie für die 10 nicht programmiert war.

Es war der Auftakt einer Galaserie: Die Teenie-Sensation errang in Montreal noch fünf weitere Bestnoten und insgesamt drei Goldmedaillen – neben der am Stufenbarren auch im Mehrkampf und am Schwebebalken.

Besonders in Erinnerung blieb aber für immer der allererste perfekte Moment, für den die Rumänin bis heute verehrt wird. „Es ist eine große Ehre, dass mein Vermächtnis bis heute so besteht und einige diesen Moment sogar als Inspiration für ihr eigenes Leben sehen“, freute sich 64-Jährige im Gespräch mit SPORT1.

„Bin stolz, dass ich als so junges Mädchen den Mut hatte“

„Sowas passiert nicht einfach über Nacht. Ich habe vorher acht Jahre harte Arbeit reingesteckt“, erinnerte sich Comaneci an ihren Aufstieg: „Insgesamt bin ich aber einfach nur stolz, dass ich als so junges Mädchen den Mut hatte und das geschafft habe.“

Angefangen hatte sie mit dem Turnen im Alter von sechs Jahren. Sie wurde bei einer Schulsichtung von Bela und Marta Karolyi entdeckt, dem mit ihr berühmt gewordenen Trainerguru-Paar aus Ungarn, das mit zentralisierter Frühförderung und militärischem Drill den Erfolg des rumänischen Turnens begründete.

Die junge Nadia tat sich in der Karolyi-Schule durch ihre besondere Begabung, aber auch durch besondere Leistungsbereitschaft hervor. Auch durch diese Bereitschaft kämpfte sich die Rumänin zu Olympia.

Ein Umstand, auf den sie auch heute noch sehr stolz ist: „Ich werde auf jeden Fall das 14-jährige Mädchen feiern, das damals Mut und Durchhaltevermögen hatte, und so einige Grenzen für Frauen durchbrechen konnte.“

Comaneci leidet unter Diktatur in Rumänien

Comaneci reiste anschließend als umjubelte Nationalheldin zurück in die Heimat, wo sie von ihrem neuen Weltruhm allerdings nur bedingt etwas hatte. Der als besonders eisern bekannte kommunistische Diktator Nicolae Ceausescu schmückte sich zwar gern mit seiner Volksheldin – ihr Alltagsleben in dem von wirtschaftlicher Not geplagten Land soll jedoch kaum privilegierter gewesen sein als das ihrer Zeitgenossen.

Sportlich lief es für sie zunächst trotzdem weiterhin gut. 1980 gewann sie bei den Olympischen Spielen in Moskau Gold am Schwebebalken und am Boden. Zudem holte sie Silber im Mehrkampf und mit der Mannschaft. Ein Jahr später beendete sie ihre sportliche Karriere.

Damit wurde auch ihr Leben im diktatorischen System immer schwerer, auch weil ihr Wert als menschliches Vorzeigeobjekt damit sank. Als der Kommunismus 1989 durch die Revolutionen in Ungarn, Polen, der DDR und anderswo ins Wanken kam, entschloss sie sich zur Flucht und kam über Ungarn und Wien in die USA.

Comaneci findet in den USA ihr Glück

„Ich habe mich für die Freiheit entschieden“, sagte Comaneci damals bei einem viel beachteten Auftritt vor US-Reportern am New Yorker Kennedy-Flughafen. Es war ein symbolischer Hieb für das Regime, das wenige Wochen später zerfiel.

Comaneci baute sich in den USA ein neues Leben als erfolgreiche Geschäftsfrau auf, fand privat ihr Glück mit Barren-Olympiasieger Bart Conner. 2006 wurde die für viele wohltätige Zwecke engagierte Comaneci noch Mutter eines Sohnes.

An ihren ganz besonderen Moment vor knapp 50 Jahren denkt sie auch heute noch gerne zurück. „Ich würde diese 17 Sekunden auch gerne nochmal performen, aber das ist heutzutage leider unmöglich“, sagte sie SPORT1 lachend. Immerhin machte die „Perfect 10“ sie zur Sportheldin und veränderte ihr bewegtes Leben für immer.