„Ich habe das überhaupt nicht erwartet, ich habe sogar schon Tickets für den Heimweg gebucht.“ Was Anne de Besche in diesen Tagen bei den Olympischen Spielen in Antholz erlebt, kann man wohl getrost als Biathlon-Märchen bezeichnen.
Ein Olympia-Märchen, das kaum jemand mitbekam
Eine ungewöhnliche Geschichte
Die 25-Jährige hatte zuvor erst ein Rennen im Weltcup bestritten und war dort nur auf Rang 78 gelandet. Nun kam sie bei den Spielen gleich zweimal unter die Top 20 und qualifizierte sich sensationell für den Massenstart – was nicht nur de Besche in „Schwierigkeiten“ bringt. „Mein Freund muss jetzt bleiben und ein paar Tage Urlaub mehr nehmen ebenso wie mein Schießtrainer, wir waren darauf nicht vorbereitet“, erzählt sie im Interview mit SPORT1.
Ihr Freund ist in Antholz zugleich für das Vorbereiten und Testen ihrer Skier zuständig, denn de Besche startet für Dänemark, das dafür als kleine Biathlon-Nation kein eigenes Team hat. „Wir wussten es bis eine Woche vorher nicht, ob er nur ein Tourist sein würde, der mich anfeuert. Er hat sogar Tickets gekauft für die Rennen“, erzählt de Besche.
De Besche schwärmt vom Deutschland-Deal
Im Weltcup und IBU-Cup (zweite Liga des Biathlons, Anm. d. Red.) legt sie beim Testen und Vorbereiten sogar teils selbst Hand an, was allerdings „viel Energie“ ziehen würde. Daher ist es eine große Erleichterung, dass die dänische Delegation seit einiger Zeit – und nun auch bei Olympia – „einen Deal mit Deutschland (hat), was toll ist. Sie wachsen unsere Skier, sind so professionell und so nette und gute Menschen“, schwärmt sie von der Zusammenarbeit.
Entstanden ist der Deal bei ihrem bisher einzigen Weltcup-Rennen in Ruhpolding, bei dem sie als erste Dänin im Weltcup Geschichte schrieb: „Es war verrückt. Als wir am Morgen trainierten, waren die Tribünen schon voll und die Leute haben gesungen. Es war eine riesige Erfahrung für mich und mein erster Berührungspunkt mit dem deutschen Wachsern.“
Diese Art Zusammenarbeit ist wichtig, um als kleine Nation zumindest halbwegs gleiche Chancen zu haben.
Training in Norwegen bis über die Grenzen
Dabei hätte nicht viel gefehlt und de Besche wäre selbst für eine wahre Biathlon-Hochburg gestartet, denn die Biathletin wurde als Tochter dänischer Eltern in Oslo geboren. „Da ich in Norwegen aufgewachsen und zunächst dafür angetreten bin, war es für mich klar, dass ich versuchen werde, es im norwegischen System zu schaffen“, erklärt de Besche, die jahrelang zu den besten 15 Biathletinnen der großen Ski-Nation zählte.
Entsprechend „gab es Jahre, als ich das Gefühl hatte, dass ich sehr nah dran war und die erste Reserveläuferin bei vielen Rennen war“ – doch so ganz wollte der Sprung ins Team bei der hohen Konkurrenz in Norwegen nicht gelingen, obwohl sie ihr großes Potenzial unter anderem mit einem WM-Titel bei den Juniorinnen zeigte.
Dies hatte verschiedene Gründe. „Ich war im norwegischen Rekrutierungsteam, was ein sehr gutes Team war, aber ich war die Jüngste. Ich habe sehr viel von diesem Jahr gelernt, weil ich sehr viel härter trainierte als es gut für mich war und versuchte, mit den anderen Mädels mitzuhalten“, gibt de Besche zu, die danach eine Nierenbeckenentzündung bekam.
„Das war ein sehr hartes Jahr und das war ein Weckruf für mich, dass ich mehr auf meinen Körper hören sollte“, sagt die Biathletin, die daraufhin vorsichtig wurde und laut eigener Aussage eine Weile zu wenig trainierte. Doch ein neuer Trainer half ihr aus dem Tief: „Er hat mich dazu gebracht, weit über das hinaus zu trainieren, von dem ich dachte, dass ich es könnte. Das hat mich sehr motiviert zu sehen, was mein Körper wirklich leisten kann.“
De Besche wechselt Nation vor Olympia-Saison
So fand sie zurück in die Spur, doch ihr Weg führte sie im Sommer 2025 dennoch nach Dänemark. „Meine Eltern sind dänisch, ich fühle mich genauso dänisch wie norwegisch. Warum sollte ich nicht für Dänemark antreten?“, erklärt die Athletin ihren Wechsel: „Ich möchte immer noch mein volles Potenzial abrufen, ich habe nicht weniger Fokus auf die Ergebnisse - aber ich habe jetzt mehr Ruhe mit meinem Training und meinen Zielen.“
Ihren mutigen Schritt habe die 25-Jährige bislang nicht bereut: „Ich bin sehr froh über meine Entscheidung, auch wenn ich wusste, dass es vielleicht ein bisschen härter werden würde mit Blick auf die Ressourcen, die wir haben, denn Norwegen ist natürlich eine große Biathlon-Nation.“ Und die hat auch aufgrund des Klimas bessere Trainingsbedingungen, weshalb de Besche, die viel Zeit in Oslo verbringt, diese weiterhin für Schneetraining nutzt.
Doch sie macht auch das Beste aus der Zeit in Dänemark: „Ich habe viel dort trainiert, vor allem in Skagen. Dort treffe ich auch immer viele nette Deutsche, die Urlaub machen.“ Zwar habe sie ideale Bedingungen zum Rollerski- und Fahrradfahren in Dänemark, doch einen Schießstand hat nur Kopenhagen. Da direkt in der Nähe aber ein gepflasterter Weg fehle, kann de Besche nie gleichzeitig Rollerski laufen und schießen.
Olympia 2026: Vereint mit Grönland am Start
Generell sei Dänemark aber eine begeisterte Biathlon-Nation, die so gut wie alle Events ausstrahlt. Dennoch besteht das dänische Team aktuell aus nur rund 15 Athleten. De Besche hofft allerdings, durch ihre Leistungen „viele jungen Dänen zu inspirieren“. Bei Olympia hat sie in den Geschwistern Ukaleq und Sondre Slettemark aus Grönland immerhin einmal zwei Teamkollegen, da Dänemark dort als vereintes Königreich antritt.
„Ich habe so etwas zuvor noch nie erlebt, auch das nationale Gefühl mit Dänemark“, zeigt sich de Besche von ihrer bisherigen Olympia-Erfahrung begeistert, auch wenn es anfangs so überwältigend war, dass „es schwer war, alles aufzusaugen“. Die Atmosphäre in Antholz tue ihr Übriges: „Man bekommt Gänsehaut, wenn man die Stufen hoch und durch das Stadion geht. Man sieht die Berge, man sieht die ganzen Menschen und es sind nur gute Vibes.“
Abseits der großen Fanmassen, die de Besche aus ihrem Alltag im IBU-Cup nicht kennt, sei auch der Wettkampf mit den besten Biathletinnen der Welt ein echtes Highlight. „Es ist einfach surreal gegen die deutschen Mädels antreten zu können, und auch all die anderen Nationen, Simon, Vittozzi und meine Freundin Ingrid (Tanderevold). Es ist verrückt“, sagt de Besche, für die die gesamte olympische Erfahrung „ein großer Boost“ sei.
Ein Traum wird wahr: Erstmals Biathlon-Massenstart
Diesen Boost nahm sie auch auf die Strecke mit. Dank Platz 16 im Sprint und Rang 20 in der Verfolgung löste sie überraschend sogar das Ticket für den Massenstart – für sie „ein Traum, der wahr wird“. Auch ihr Selbstvertrauen wächst stetig: „Ich war nie in besserer Form als jetzt. Als ich jünger war, wusste ich, dass ich schnell laufen kann, aber nicht, ob ich beides auf diesem Level kombinieren kann.“
Wie gut sie das kann, zeigte sie im vergangenen Herbst, als sie kurz nach dem Wechsel nach Dänemark den Massenstart bei den Norwegischen Meisterschaften gewann. Dauerhaft mit ihren Ex-Kolleginnen mitzuhalten, wird dennoch schwierig – zu unterschiedlich sind die Voraussetzungen: „Wenn wir irgendeine Chance haben wollen, besser zu werden, müssen wir unsere Voraussetzungen verbessern.“ Dies sei jedoch auch eine Frage des Geldes.
Finanzielle Gedanken müssen sich aber nicht nur Verbände, sondern auch die Athleten machen. Als Biathletin genug zu verdienen, um langfristig davon zu leben, ist nur schwer möglich.
De Besche sorgt daher vor und absolviert seit 2021 ein Wirtschaftsstudium. „Ich habe das Gefühl, dass es auch für mein Bewusstsein wichtig ist. Biathlon ist so eine Achterbahnfahrt und es ist schön, etwas anderes zu haben, über das man nachdenken kann“, sagt sie.
Im Moment kreisen ihre Gedanken aber erst einmal um Biathlon und den bevorstehenden Massenstart am Samstag (ab 14.15 Uhr im LIVETICKER). Aber es gibt auch langfristige Ziele, die sich de Besche und der dänische Verband gesteckt haben: „Unser Traum ist, in der Lage zu sein, die erste dänische Frauenstaffel der Geschichte aufzustellen.“
Kann de Besche mit ihren Ergebnissen weiter zeigen, dass man es auch aus Dänemark im Biathlon weit bringen kann, scheint es nicht unmöglich, dass sich dieser Traum früher oder später erfüllt.