Offensiv zu harmlos, defensiv überfordert: Der zarte Medaillentraum von Leon Draisaitl und Co. ist laut geplatzt, die nominell stärkste deutsche Eishockey-Nationalmannschaft der Geschichte im olympischen Viertelfinale an der Slowakei klar mit 2:6 (0:1, 1:3, 1:2) gescheitert.
Olympia: Krachendes Aus für Eishockey-Deutschland!
Krachendes Aus für Deutschland
Statt es als frecher Underdog im Kampf um Edelmetall mit den Top-Nationen aufzunehmen, steht nach einer Turnierleistung mit mehr Tiefen als Höhen die Heimreise an.
„Insgesamt hat man das ganze Potenzial, das diese Mannschaft von den Namen her und von der Art und Weise, wie sie Eishockey spielen könnte, nicht durchgängig und konstant in diesem Turnier gesehen”, beklagte TV-Experte Rick Goldmann in der ARD: „Und das ist schade, weil die Tür zum Halbfinale wirklich sperrangelweit offen war, um Historisches zu erreichen. Das hat man heute nicht geschafft, weil dieser Punch gefehlt hat.“
Pavol Regenda (19., 41.), Milos Keleman, Oliver Okuliar (beide 25.), Dalibor Dvorsky (31.) und Tomas Tatar (56.) trafen für die flinken Slowaken, die Deutschland wie schon 2022 in Peking (0:4 in der Viertelfinal-Qualifikation) aus dem Turnier warfen. Lukas Reichel auf Vorlage von Draisaitl (35.) und Frederik Tiffels (51.) sorgten in Mailand für ein etwas erträglicheres Ergebnis.
Draisaitl hatte von Medaille gesprochen
„Die Slowaken sind von der Mannschaft her nicht so gut wie besetzt wie wir, aber sie spielen einfach zusammen als Team besser. Deswegen haben sie uns eiskalt ausgekontert“, sagte der ehemalige Bundestrainer Marco Sturm als Experte bei Eurosport.
Uwe Krupp, ebenfalls einst DEB-Coach, ergänzte: „Man muss den Slowaken insgesamt Crédit geben. Sie haben eine super Form. Das sind keine Deppen. Die besten Spieler von denen machen ein Super-Spiel.“
Das DEB-Team, 2018 sensationell Silbermedaillengewinner, brachte zu selten im Turnier seine nominelle Power mit sieben NHL-Spielern um den einstigen MVP Draisaitl aufs Eis. Defensiv fehlte dem Team von Bundestrainer Harold Kreis die Qualität in der Breite. Goalie Philipp Grubauer musste zu oft eingreifen.
Goldmann äußerte sich durchaus kritisch zu den NHL-Stars: „Wer ist denn für die Offensive zuständig? Normalerweise sind das die NHL-Spieler – und am Ende geht es darum, wer die Spiele entscheidet. Das müssen dann auch die Big Boys sein." Eventuell hätte man mit den Kräften besser haushalten müssen, meinte der Ex-Profi noch.
„Natürlich fliegen wir da hin, um eine Medaille zu holen“, hatte Draisaitl vor der Reise nach Italien gesagt. Deutschlands bester Eishockey-Spieler der Geschichte stand seit seiner Ankunft im Fokus. Erst als deutscher Fahnenträger bei der Eröffnungsfeier, dann als Kapitän und zentrale Figur auf dem Eis. Der Star der Edmonton Oilers rieb sich auf, kreierte Torchancen, doch ihm fehlte die Leichtigkeit - und dem Team der eine Moment, der eine positive Dynamik erzeugt.
Deutschland träumte vom Halbfinale
Dabei hatte Deutschland Glück, als nach der Vorrunde die Karten neu gemischt wurden und das Turnier praktisch bei Null begann: Frankreich wurde in der Viertelfinal-Qualifikation trotz eines Durchhängers im Mitteldrittel 5:1 geschlagen.
„Das Halbfinale ist zum Greifen“, sagte Top-Verteidiger Moritz Seider anschließend über die Slowakei, die über weniger NHL-Breite verfügt als Kanada, die USA und Schweden, die es ebenfalls direkt in die Runde der besten acht geschafft hatten. Doch auch diese Hürde war eindeutig zu hoch.
„Wenn nur wir unsere NHL-Spieler hätten, dann ist es eine andere Rechnung“, meinte Krupp: „Die Tatsache ist aber, dass alle ihre besten Spieler dabeihaben. Und du konntest an unseren deutschen DEL-Verteidigern schon sehen, wenn die anderen Nationen ihre NHL-Spieler auf dem Eis haben, das ist schon nochmal ein Lever höher.“
Krupp sah auch ein Kraftproblem: „Das Spiel heute hatte mit der Tagesform zu tun, die Slowaken hatten mehr Dampf. Unsere NHL-Spieler sind alle am Anschlag gewesen, wir waren leider nicht so frisch - das war unser fünftes Spiel in sieben Tagen. Am Ende fehlte ein wenig die Kraft.“
Grubauer im Tor unter Dauerbeschuss
Kreis wollte gegen die technisch und körperlich starken Slowaken um NHL-Star und Peking-MVP Juray Slafkovsky (Montréal Canadiens) eine stabile Defensive sehen. Auffälligster Spieler des DEB-Teams war zunächst aber Grubauer (Seattle Kraken), der allein in den ersten 20 Minuten stolze 17 Schüsse auf sein Tor bekam - während seine Vorderleute die wenigen guten Gelegenheiten ausließen.
Im zweiten Drittel begünstigten zwei leichte Abwehrfehler den slowakischen Doppelschlag binnen 33 Sekunden, die mehrheitlich slowakischen Fans in der Arena Santagiulia waren in Partylaune. Trotz des deutlichen Rückstands steckte Deutschland nicht auf, kam aber nicht mehr in Schlagdistanz.
Die Konstellation in dieser Mannschaft sei „historisch“, hatte Kreis (Vertrag bis 2027) vor dem Spiel festgestellt: „Es sind alles Kumpels. Diese Mannschaft wird so wohl nicht wieder zusammenspielen.“ Bei der WM im Mai - inmitten der NHL-Playoffs - wird das deutsche Team ein anderes Gesicht haben.
----- mit Sport-Informations-Dienst