Im Sport liegen Freude und Leid so eng beieinander wie an kaum einer anderen Stelle. In vielen Sportarten entscheiden Hundertstel, manchmal sogar Tausendstel darüber, wer am Ende mit einer Medaille oder einem Pokal nach Hause fährt – oder eben nicht.
In ihrem größten Moment erging es der eigenen Schwester ganz anders
Ein ganz besonderer Olympia-Moment
Vor genau 16 Jahren, am 26. Februar 2010, trug sich bei den Olympischen Winterspielen im kanadischen Vancouver ein solches Sportereignis zu. Mit einem gänzlich unterschiedlichen Ausgang für zwei deutsche Schwestern.
In Whistler-Blackcomb fanden seinerzeit die Ski-Alpin-Wettkämpfe statt. Maria Höfl-Riesch, damals noch unter ihrem Mädchennamen Maria Riesch am Start, gehörte auf den steilen Pisten zum Favoritenkreis. Und das nicht ohne Grund.
Großer Druck nach vorherigen Erfolgen
Noch in der Saison zuvor hatte sie bei der Weltmeisterschaft in Val d’Isere Gold im Slalom errungen, der Druck war dementsprechend groß.
„Ich war Weltmeisterin, habe unzählige Rennen in allen Disziplinen gewonnen. Da fährt man nicht hin, um dabei zu sein. Du willst ganz dabei sein“, sagte Höfl-Riesch dazu im SPORT1-Podcast Deep Dive.
Der erste große Druck fiel aber schon nach dem zweiten Rennen ab. Während sie in der Abfahrt noch Achte geworden war, schnappte sie sich in der Super-Kombination ihr erstes Olympiagold.
Erleichterung nach Gold in der Kombination
Große Zeit für unbändige Freude blieb der heute 41-Jährigen aber nicht – und wurde ihr auch nicht gewährt. „Es war eine unglaubliche Erleichterung, pure Freude. Aber trotzdem weiß man, es geht noch weiter“, erinnerte sich die Ex-Sportlerin zurück.
„Da wurde schon auch Druck von Außen aufgebaut. Die Medien haben geschrieben: Wie viele Medaillen wird sie holen? Und so einfach ist es dann doch nie.”
Und so kam es, dass sie mit Rang acht im Super-G und Platz zehn im Riesenslalom weitere Medaillenränge zunächst verpasste. Umso größer war vor 16 Jahren dann der Druck im finalen Slalom, bei dem sie neben der Österreicherin Marlies Schild als eine der beiden Topfavoritinnen galt.
Gold für Maria - Blech für Susanne
Nach dem ersten Lauf hatte Höfl-Riesch mit vier Zehntelsekunden vor Sarka Zahrobska aus Tschechien und der bereits 65 Hundertstel entfernten Schild in Führung gelegen. Schwester Susanne Riesch rangierte mit sechs Hundertstel Rückstand auf Bronze auf dem vierten Platz.
Der zweite Durchgang mutierte dann zu einem Wechselbad der Gefühle, vor allem für die Familie der Schwestern.
Während Susanne Riesch auf Medaillenkurs liegend einfädelte und in der Folge am Boden zerstört war, lief bei Schwester Maria alles zusammen. Mit 43 Hundertstel Vorsprung katapultierte sie sich vor Schild und Zahrobska in den Slalom-Olymp – und zur Doppel-Olympiasiegerin.
Viele Auszeichnungen für Höfl-Riesch
Exorbitante Glücksgefühle, die sich laut Höfl-Riesch „nicht abnutzen. Es ist einfach jedes Mal ein schönes Gefühl auf dieses Podest zu steigen – und natürlich bei Großereignissen nochmal mehr.”
Mit ihrer Goldmedaille gelang der Deutschen zudem eine ganz besondere Leistung. Als erste Skifahrerin der Historie fuhr sie bei Olympischen Winterspielen in allen fünf alpinen Disziplinen unter die ersten Zehn.
Bei diesen Erfolgen blieb es nicht. Erst verlieh ihr der damalige Bundespräsident Horst Köhler Ende April 2010 das Silberne Lorbeerblatt, dann wurde ihr im Dezember des gleichen Jahre die Ehre zuteil, als Deutschlands Sportlerin des Jahres ausgezeichnet zu werden.
Verletzung vor Olympia entkommen
Übrigens: Ihr so bedeutendes Slalom-Gold und selbstverständlich auch ihre Goldmedaille in der Kombination, hätte es beinahe nicht gegeben. So schrammte Höfl-Riesch im letzten Rennen vor Olympia nur knapp an einer Verletzung vorbei.
„Da ging es wahrscheinlich um Millimeter. Und wenn ich da eingefädelt hätte, wäre ich übelst gestürzt. Vielleicht wäre es das dann endgültig gewesen.”
Doch nach Jahren voller Verletzungssorgen war für die Deutsche am Höhepunkt ihrer Karriere schließlich die Freude näher als das Leid. Bis zum Ende ihrer Laufbahn sammelte Riesch sogar vier olympische Medaillen und sechs WM-Medaillen ein.