Es schneite unaufhörlich, und nur ein paar Dutzend unverdrossener Menschen hatten sich an den Fuß des Mount Karamatsu westlich von Nagano verlaufen.
Einer der größten deutschen Sternstunden der Olympia-Geschichte
Eine legendäre deutsche Sternstunde
Viel trostloser hätte der Rahmen für die Siegerehrung in der alpinen Kombination bei den Olympischen Spielen 1998 kaum sein können. Ein paar glückseligen Deutschen war dies freilich völlig egal: Gold, Silber und Bronze bekamen Katja Seizinger, Martina Ertl und Hilde Gerg umgehängt - eine aus deutscher Sicht einmalige Errungenschaft bei den olympischen Alpin-Wettbewerben. „Kein Platz mehr auf dem Stockerl“, jammerte der österreichische Standard.
Ski Alpin bei Olympia 1998 in Nagano: Es gab viel Chaos
Dieser 17. Februar, der sich am Dienstag zum 28. Mal jährt, war so unwirklich, dass Wolfgang Maier, der damalige Cheftrainer der deutschen Frauen, später berichtete: „Wenn du heute einem sagst, dass wir Gold, Silber und Bronze gemacht haben, glaubt er es dir noch immer nicht.“ Gut, wer auf der Ergebnisseite des IOC nachschaut, könnte tatsächlich zweifeln, dort steht nur: „G GER Katja Seizinger, B GER Hilde Gerg.“ Aber „S GER Martina Ertl“? Fehlanzeige.
Zugegeben, man konnte sehr leicht den Überblick verlieren an diesem unseligen Berg, wo wegen der Wetterkapriolen kaum ein Rennen wie geplant stattfand. Am 16. Februar wurde um 8.45 Uhr zunächst der Super-G der Männer gestartet (und von Hermann Maier nach seinem wahnwitzigen Sturz in der Abfahrt gewonnen). Um 10.30 Uhr folgte dann die Abfahrt der Frauen, in der Seizinger ihr Gold von Lillehammer 1994 wiederholte. Und schließlich um 12.30 Uhr wurde in Windeseile noch die Kombi-Abfahrt der Frauen durchgeprügelt - wieder war Seizinger Schnellste.
Dann, am Tag danach, der Slalom.
Katja Seizinger fand Slalom eigentlich „blöd“
Maier kannte Seizinger bereits seit 1992, sie hatte ihn seitdem wissen lassen: „Slalom ist blöd.“ Er habe, sagte Maier später, damals „manchen Strauß mit ihr ausgefochten“, denn er, und nicht nur er, war sich ja sicher: Seizinger, Schnellfahrerin aus Leidenschaft, konnte selbstverständlich auch Slalom fahren. Tatsächlich war sie gut genug, um Martina Ertl auf Distanz zu halten. Es war Seizingers erster und einziger Sieg in einer Kombination.
Vielleicht verlor die sonst so vermeintlich Coole auch deshalb mal die Fassung, als der historische Triumph vollbracht war. Seizinger stürmte ausgelassen durch den Zielraum, sprang elegant aufs Podest und tanzte im dichten Schneetreiben von einem Bein auf das andere.
„Es ist ein unglaubliches Gefühl“, sagte sie, „und selbst für uns nicht fassbar.“ Seizinger, Ertl und Gerg warfen den tief verschneiten Pistenarbeitern ihre Blumensträuße zu, Maier und die Trainerkollegen feierten mit einer La Ola auf Skiern.
Seizinger gewann wenige Tage danach noch Bronze im Riesenslalom - und Gerg Gold im Spezialslalom.
Das wurde aus Seizinger, Ertl und Gerg
„Drei ganz besondere Menschen, jede auf ihre Art“, hätten sich damals auf dem Podest eingefunden, resümierte Maier später. Und was die drei vollbracht hätten, „das kannst du im ersten Moment gar nicht fassen“. Manche können es heute noch nicht.
Seizinger beendete ihre Karriere im Jahr nach Nagano verletzungsbedingt, inzwischen arbeitet die heute 52-Jährige seit über 20 Jahren in einer Führungsposition in der Stahl-Branche - wie ihr 2019 verstorbener Vater Hans.
Die bis 2006 aktive und heute 53 Jahre alte Ertl fiebert heute mit ihrer in ihre Fußstapfen getretenen Tochter Romy Ertl. Hilde Gerg, im vergangenen Jahr 50 Jahre alt geworden, hörte im Jahr 2005 auf. Die dreifache Mutter - die 2010 den tragischen Tod ihres ersten Manns Wolfgang verkraften musste - blieb unter anderem als TV-Expertin öffentlich präsent.
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Mit Sport-Informations-Dienst (SID)