Dramatischer hätte es am Montagabend beim letzten Skisprung-Wettbewerb dieser Olympischen Winterspiele wohl kaum zugehen können. Lange sah es für Deutschlands Duo Philipp Raimund und Andreas Wellinger nicht nach einer Medaille aus. Nach dem Traumsprung von Raimund im dritten Durchgang änderte sich das jedoch schlagartig - trotz des bereits eingesetzten Schneefalls.
Olympia: Wut nach deutschem Skisprung-Drama! Unverständnis weit und breit
Wut nach deutschem Skisprung-Drama!
Doch das Schneetreiben setzte sich fort, nahm sogar zu - und nach einem Sprung des Polen Kacper Tomasiak bei schwierigsten Bedingungen und zahlreichen Minuten der Ungewissheit stand fest: Es sollte zu einer finalen Wende kommen, dem Abbruch des Wettbewerbs, der den undankbaren vierten Platz für das deutsche Duo bedeutete. Lediglich 0,3 Punkte - umgerechnet 16 Zentimeter - fehlten zu Bronze.
Für ARD-Experte Sven Hannawald war es zwar die richtige Entscheidung, über das lange Abwarten und die Unklarheit in den Minuten zuvor ärgerte er sich dennoch maßlos.
„Uns schreibt man morgen einen Brief. Der kommt dann übermorgen an“, schimpfte der 51-Jährige in der Übertragung, in der man die drei Top-Duos bereits jubeln sah. Eine Entscheidung war zu dem Zeitpunkt offenbar nur einigen Skispringern verkündet worden.
Hannawald: „So möchtest du keine Medaille gewinnen“
Es sei „tragisch“ für Deutschland, meinte Hannawald, der dennoch betonte: „Aber so möchtest du keine Medaille gewinnen.“ Schon zuvor hatte der ehemalige Weltklasse-Skispringer wegen der ungleichen Bedingungen gesagt: „Selbst wenn Deutschland eine Medaille gewinnen würde, könnte ich mich nicht wirklich freuen.“
Horst Hüttel hätte eine Medaille wohl dennoch genommen. Bei Eurosport kritisierte er die Wettkampf-Leitung deutlich für den Abbruch des Springens. „Enttäuscht wäre ich gewesen, wenn die Jungs schlecht gesprungen wären. Jetzt bin ich wütend, weil man uns gefühlt etwas genommen hat“, polterte der DSV-Sportdirektor.
„Es war unglücklich, es war schwierig und auch nicht einfach, eine Entscheidung zu treffen“, gab der 57-Jährige zu, allerdings hätte man für ihn einfach mehr Geduld mitbringen müssen.
Dies sei auch aus Daten dreier unterschiedlicher Apps hervorgegangen, die das OK an die Teams verteilt hatte: „Bei allen hat es ganz klar angezeigt, dass nach zehn bis 15 Minuten der Schneefall aufhört. Wie jetzt (zeigt in den Himmel, Anm. d. Red.)!
Hüttel: „Das ist einfach schlechtes Wettkampfmanagement“
Dass der Schneefall die Spur beeinflusst - und Springer dadurch verlangsamt - hätte man in der Wartezeit verhindern können. „Aber auch während beraten wurde, sind keine Vorspringer gefahren“, äußerte Hüttel sein Unverständnis: „Dann baut die Spur natürlich ab.“
„Ich will auch nicht hinten drauf schlau daherreden, denn es war nicht einfach“, schob er hinterher, blieb jedoch seiner Kritik treu: „Aber dass man die Besonnenheit nicht hat, zumindest diese zehn Minuten zu warten, das verstehe ich nicht.“
„Das ist einfach schlechtes Wettkampfmanagement“, fasste Hüttel zusammen. „Man hätte die ganze Gruppe nochmal springen lassen können. Das gab es in der Vergangenheit schon oft, das wäre eigentlich die fairste und beste Entscheidung gewesen“, befand der Verantwortliche des DSV.
Hüttel: „Man hat sich beeindrucken lassen“
Auch am Tag danach war der Ärger bei Hüttel noch nicht verraucht. Bei der ARD ließ der 57-Jährige durchblicken, dass die Jury von den Österreichern und Polen zu einem Abbruch gedrängt worden ist.
„Die Kollegen aus Polen und Österreich sind dann natürlich sofort hochgerannt nach dem Sprung vom Tomasiak. Wir haben es nicht so richtig verstanden, dass man sich davon so sehr hat beeindrucken lassen“, sagte der Funktionär.
Auf die Frage von Moderatorin Lea Wagner, ob sich die Jury um FIS-Renndirektor Pertile habe unter Druck setzen lassen, antwortete Hüttel: „So haben es unsere Trainer, die oben waren, ein Stück weit zurückgespiegelt.“
Was Ex-Skispringer Martin Schmitt wunderte, war nicht der Abbruch an sich, sondern dass man sich zuvor so viel Zeit genommen hatte, obwohl sich der Schneefall anbahnte.
„Da muss ich klare Entscheidungen treffen, dann muss ich schnelle Entscheidungen treffen, dann kann ich nicht fünf oder zehn Minuten überlegen, welches Gate ich jetzt nehme bei dem Aufwind, sondern da muss ich den Korridor einstellen und einfach den Wettkampf weitermachen“, sagte Schmitt.
Olympia 2026: Auch Raimund äußert starke Kritik
Raimund schlug in dieselbe Kerbe. „Sie haben bei Domen (Prevc, Anm. d. Red.) schon ewig gebraucht, als es zu schneien begann. Windbläser waren ready. Dann wurde sechsmal mit dem Gate hin- und hergesprungen“, ärgerte sich der Goldmedaillengewinner von der Normalschanze.
„Sie haben es nicht auf die Reihe bekommen, dass die Information klar nach oben kommt“, meinte Raimund weiter: „Es war ein wenig Verwirrung oben da, es hat sich gezogen und das war letztendlich der Auslöser, glaube ich. Letztendlich blöd gelaufen, es ist bitter. Im Nachhinein kann man nichts daran ändern, aber mir taugt es nicht.“
Skispringen-Abbruch: „Es ist einfach beschissen“
Auch Bundestrainer Stefan Horngacher äußerte ähnliche Gedanken. „Sie hätten viel schneller weitermachen müssen, schnellere Entscheidungen treffen - nicht drei oder fünf Minuten warten, bis die Spur zugeschneit ist“, forderte er und fügte an: „Aktuell ist der Schneefall vorbei. Aktuell könnte man wieder ganz normal runterspringen.“
Hüttel, Schmitt, Raimund, Horngacher und der ZDF-Experte Severin Freund - alle waren sich diesbezüglich einig. Nur Skisprung-Renndirektor Sandro Pertile erklärte, dass ein Abbruch alternativlos war, da eine Fortsetzung unfair gewesen wäre.
Aus deutscher Sicht wird all die Kritik jedoch wenig an der verpassten Medaille ändern. Die Laune beim deutschen Team fasste Wellinger im ZDF aussagekräftig zusammen: „Es ist einfach beschissen gerade.“