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Seit 60 Jahren ist der größte Tag des deutschen Giganten unübertroffen

Seit 60 Jahren unübertroffen

Heute vor 60 Jahren wurde Rudi Altig in einem denkwürdigen Rennen auf dem Nürburgring Straßenrad-Weltmeister – als bis heute letzter deutscher Radsportler.
Rudi Altig im Gedränge nach seinem WM-Sieg am Nürburgring
Rudi Altig im Gedränge nach seinem WM-Sieg am Nürburgring
© IMAGO / Sven Simon
Heute vor 60 Jahren wurde Rudi Altig in einem denkwürdigen Rennen auf dem Nürburgring Straßenrad-Weltmeister – als bis heute letzter deutscher Radsportler.

Wer den großen Tag der deutschen Radsport-Ikone miterlebte, behielt ihn im Kopf – für immer.

„Die Luft im Einsatzlokal der Taubenzüchter in meiner Heimatstadt Bad Salzuflen war rauchgeschwängert“, erinnerte sich Reporter-Veteran Wolfgang Kleine vor zehn Jahren bei SPORT1 an den 28. August 1966.

Es war der Tag, an dem Altig beim WM-Straßenrennen der auf dem Nürburgring das Rennen seines Lebens fuhr, die Tour-Ikonen Jacques Anquetil und Raymond Poulidor hinter sich ließ und die Nation über ein sportliches Trauma hinwegtröstete.

„Ein neuer deutscher Sport-Held war geboren“, fasste Kleine in seinem Nachruf auf den 2016 verstorbenen Altig die sporthistorische Dimension von Altigs Triumph vor heimischer Kulisse zusammen. Der damals 29 Jahre alte Altig habe mit seinem Triumph den Ärger über die Finalniederlage der deutschen Fußballer gegen England in Wembley Wochen zuvor getilgt: „Die Taubenzüchter lagen sich jubelnd in den Armen.“

Rudi Altig: Der erste deutsche Radsport-Volksheld

Altig, geboren am 18. März 1937 in Mannheim, stieg mit seinem Husarenritt an der Eifel zu einem Volkshelden auf. Die Wahl zu Deutschlands Sportler des Jahres 1966 war da die logische Konsequenz.

Bis heute gelang keinem deutschen Rad-Profi die Wiederholung des Altig-Erfolgs bei einer Straßen-WM – Didi Thurau und Erik Zabel waren mit zweimal Silber jeweils nah dran, aber die Krönung blieb auch ihnen verwehrt.

Der denkwürdige Coup am Nürburgring hebt das auch sonst reichhaltige Vermächtnis Altigs ab: Der gelernten Elektro-Installateur trug 18 Tage lang das Gelbe Trikot bei der Tour de France, holte zehn Etappensiege und gewann das Grüne Trikot. Er holte auch Tagessiege bei Giro und Vuelta, war dreimal Bahnrad-Weltmeister in der Einerverfolgung, triumphierte bei den Klassikern in Flandern und Mailand-Sanremo.

Er war drei Jahrzehnte vor dem Aufstieg Jan Ullrichs der erste deutsche Topstar des Sports, der sein Leben prägte.

Bruder Willi ebnete ihm den Weg

Über eine Million Kilometer, so hatte Altig einmal ausgerechnet, verbrachte er zeitlebens im Sattel. Er, der in seiner Kindheit eigentlich lieber Fußball spielte. Den für sein weiteres Leben so bedeutsamen Wechsel der Sportart zu verdanken hatte er seinem zwei Jahre älteren Bruder Willi, der selbst Radprofi war und bei Rudis WM-Sieg 1966 ebenfalls am Start war.

„Er fuhr bereits, war aber im Wachstum und brauchte ein größeres Rad. Geld war allerdings keines da. Ich musste Radfahren, um ihm einen Gefallen zu tun“, sagte Altig, der nach kurzer Zeit gleich sein erstes Rennen gewann: „Das Radfahren ist ein roter Faden in meinem Leben, den schneide ich, solange ich lebe, nicht durch.“

Noch weit nach seiner Karriere pflegte der spätere TV-Kommentator Altig Freundschaften zu anderen Radsport-Größen wie dem fünfmaligen Tour-Sieger Eddy Merckx.

Frankreich liebte und verfluchte ihn

Auch in die Tour-Heimatbasis Frankreich, wo er 1960 seinen ersten Profi unterschrieb, hatte Altig gute Verbindungen. Und das in einer Zeit, als das Verhältnis zwischen Deutschen und Franzosen durch die Schrecken des Zweiten Weltkrieges noch immer angespannt war.

„Die Leute haben gesagt: ‚Was willst du denn mit den Franzosen?‘. Aber ich habe dort nie etwas Negatives erfahren. Ich habe mir mit der Zeit die Sprache und auch das Rotweintrinken angeeignet. Es war eine wunderbare Zeit.“

„Sacré Rudi“, den „verdammten Rudi“, nannten ihn die Franzosen anerkennend für seine kämpferische Fahrweise.

Doping? Für Altig „Kleinkram“

Zu Altigs Geschichte gehört, dass er Doping – wie viele andere Fahrer seiner Zeit – als Kavaliersdelikt begriff. Er nahm, wie er später offen einräumte, verbotene Mittel wie etwa Durabolin oder Pervitin, wurde bei der Tour 1969 positiv getestet und entzog sich drei Jahre zuvor beim Klassiker „Fleche-Wallone“ einer Kontrolle.

Altig sprach von „Kleinkram“ und blickte auch amüsiert auf seinen Spitznamen „radelnde Apotheke“ zurück: „Bei einer Doping-Kontrolle zählte ich auf Nachfrage alle Medikamente auf, die ich angeblich intus hatte. Das war als Witz gedacht. Der Mediziner staunte, notierte und reichte den Zettel an die Journalisten weiter. So war das.“

Altig mochte sich sein sportliches Lebenswerk nie kleinreden lassen: „Ich weiß, was ich konn­te und wie vie­le Ren­nen ich ge­won­nen ha­be, oh­ne et­was ge­nom­men zu ha­ben.“

Magenentfernung nach Krebsdiagnose 1994

Dass Altig nicht frei von Makeln war, änderte nichts daran, dass er Zeit seines Lebens ein Liebling der Massen und allseits respektierter Bannerträger des deutschen Radsports blieb.

Im Jahr 1994 erkrankte Altig an Krebs und musste sich den Magen vollständig entfernen lassen. Er lebte noch 22 weitere Jahre, ehe er am 11. Juni 2016 nach einer weiteren Krebserkrankung in einem Hospiz in Remagen starb.

Altig, der 79 Jahre alt wurde, hinterließ seine Ehefrau, zwei Kinder und fünf Enkelkinder.

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Mit Sport-Informations-Dienst (SID)