Tadej Pogacar hat bei seinem Sieg bei der Bergankunft am Alpe d’Huez auf der 19. Etappe der Tour de France von der fehlenden Einigkeit von Lenny Martinez, Richard Carapaz und Sepp Kuss profitiert. Die Ausreißer büßten 3:30 Minuten Vorsprung ein. Immer wieder attackierte und belauerte sich das Trio gegenseitig – anstatt gemeinsam ein hohes Tempo anzuschlagen.
Tour de France: "Es geht mir sehr schlecht - ich habe Angst, ganz ehrlich"
Ex-Tour-Star wütet: „Katastrophe“
Genau dieses Zögern ermöglichte Pogacar den Sieg und brachte die Kommentatoren von France Télévisions auf die Palme. Als das Trio vorne nahezu zum Stillstand kam, platzte es aus Alexandre Pasteur heraus: „Das kann doch nicht sein, das ist nicht der Moment!“ Experte Thomas Voeckler legte nach: „Das ist eine Katastrophe! Das geht nicht! Das kann man nicht machen! Man muss es wenigstens versuchen. Man weiß zwar nicht, ob man die Etappe gewinnt, aber man muss sich wenigstens in Position dafür bringen!“
Martinez, der als Zweiter ins Ziel kam, verpasste damit die erhoffte französische Erlösung – sah die Ursache aber nicht in Taktikspielen, sondern in Pogacars Klasse. Der Bahrain-Victorious-Profi sagte: „An den Etappensieg habe ich erst ganz am Ende gedacht. Zweiter zu werden ist schön, aber gewinnen wäre schön gewesen. Aber Tadej war der Stärkste.“
Tour de France: Enormes Zuschaueraufkommen birgt auch Gefahren
Voeckler störte sich im Rahmen der spektakulären Bergankunft nicht nur an der Fahrweise der Spitzengruppe, sondern beäugte auch die durch Zuschauermassen verengte Fahrbahn argwöhnisch.
Der frühere Träger des Gelben Trikots ist inzwischen als TV-Experte für France Télévisions auf einem Motorrad mitten in der Rennkolonne unterwegs – und machte aus seiner Sorge keinen Hehl. „Es geht mir sehr schlecht. Ich habe Angst, ganz ehrlich“, erklärte Voeckler.
Bei Tagessieger Pogacar fuhr ebenfalls ein mulmiges Gefühl mit. Der Slowene gab an, dass er sich darauf vorbereitet hatte, sich notfalls mit möglichen Störern unter den Fans „anlegen“ zu müssen. Die Zuschauer haben sich Pogacar zufolge aber „ziemlich gut benommen“ und es sei ein „unbeschreibliches Gefühl“ gewesen.
Voeckler erinnert sich an schwierige Momente: „Hatte Angst auf dem Rad“
Voeckler erinnerte sich an frühere Tour-Erlebnisse als Fahrer und an die berüchtigten Zuschauermassen auf dem Weg zur Alpe d’Huez. „Ich hatte Angst auf dem Rad, denn in der ‚Kurve der Holländer‘ wurde ich schon einmal angefahren“, erinnerte er sich mit Unbehagen an einen Zwischenfall.
„Deshalb habe ich Angst, dass wir blockiert werden“, erklärte er aus dem Motorrad. „Und ich versichere Ihnen: Wenn einem mitgeteilt wird, dass Tadej Pogacar zwanzig Sekunden hinter einem liegt, man nicht überholen kann und noch zwei Motorräder sowie ein Rennleitungsauto vor einem fahren, dann ist man eher vorsichtig. Man will ja auch niemanden überfahren“, machte er deutlich.
Wie problematisch die Kombination aus einer verengten Strecke, den Rad-Profis und den Begleitfahrzeugen sein kann, musste auch Remco Evenepoel feststellen. Der Belgier wurde bei einem Angriff auf Isaac Del Toro von einem Motorrad aufgehalten, welches nicht an einem gerade zurückfallenden Ausreißer vorbeikam.
Es sind die Schattenseiten von bewegenden Bildern, die insbesondere bei derartig stimmungsvollen Bergankünften um die Welt gehen.
Als er auf seine Erlebnisse aus seiner Zeit als Radrennfahrer angesprochen wurde, ging Voeckler näher auf unschöne Erfahrungen mit Zuschauern ein. „Ja, ich habe jede Menge Schläge abbekommen – auf den Helm, in den Rücken, überall. Und ich habe so fest wie möglich in die Pedale getreten, um da rauszukommen. Man gibt so viel Gas wie möglich und drückt die Daumen, dass niemand stürzt“, beschrieb er.
Am Samstag (ab 11:30 Uhr im LIVETICKER) steht für die Tour-Profis die letzte schwere Bergetappe an, die ebenfalls auf der Alpe d’Huez endet. Die Königsetappe dürfte erneut zahlreiche Fans an den Streckenrand ziehen.