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Tragödie um früheren Rugby-Star

Tragödie um früheren Rugby-Star

Der ehemalige Rugby-Profi Michael Lipman leidet an schwerer Demenz. Nun spricht der 41-Jährige über seine Krankheit und die Klage gegen den Weltverband.
Michael Lipman leidet an voranschreitender Demenz
Michael Lipman leidet an voranschreitender Demenz
© Imago
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von SPORT1

Michael Lipman ist einer von mehr als 150 hirngeschädigten Rugby-Spielern, die sich einer Klage gegen den Weltverband angeschlossen haben - er war einer der Ersten vor einem Jahr.

Seitdem aber ist praktisch nichts passiert.

Nun schlägt der 41-jährige Engländer, der derzeit in Australien lebt, nochmals Alarm - und die Details seiner immer schneller voranschreitenden Demenz sind sehr besorgniserregend.

Lipman: „Das wäre ein Albtraum“

„Ich habe Angst um meine Familie. Wenn ihr aufgrund meiner Erkrankung etwas passiert, wäre das ein Albtraum“, sagte Lipman im Zoom-Interview mit der Daily Mail. „Manchmal habe ich gute Tage, aber dann gibt es auch schlechte, an denen ich meinen kognitiven Verfall bemerke.“

Auch seiner Familie macht sein Gesundheitszustand große Sorgen. „Es sind schon alltägliche Dinge, die ihnen Sorgen bereiten. Manchmal vergesse ich zum Beispiel, das Gas auszustellen“, berichtete Lipman.

Es sei sogar schon zu Auffahrunfällen gekommen, wie er erzählte: „Beim Rückwärtsfahren aus meiner Einfahrt hatte ich schon zwei Unfälle. Im Verkehr fuhr ich beispielsweise gegen einen Mast oder einen Baum. In diesen Situationen kann ich mich nicht konzentrieren, ich verliere die Kontrolle.“

Lipman leitet rechtliche Schritte ein

Der 41-Jährige gab vor einem Jahr bekannt, an früh einsetzender Demenz zu leiden. Gemeinsam mit seinem früheren Teamkollegen Steve Thompson und dem ehemaligen walisischen Nationalspieler Alix Popham hat Lipman gegen den englischen, walisischen und den Rugby-Weltverband wegen Fahrlässigkeit geklagt.

Mittlerweile haben sich viele hirngeschädigte Rugby-Profis der Klage angeschlossen.

Neben Vergesslichkeit und Konzentrationsschwäche leidet Lipman unter Schlaflosigkeit und Stimmungsschwankungen. „Es gibt eine Menge Scham“, sagte er. „Es ist ziemlich schwer, darüber zu sprechen. Niemand weiß von den Symptomen, die ich täglich durchmache.“

Lipman: „Kein Kontakt zum Weltverband“

„Es gab keinen Kontakt vom Rugby-Weltverband“, verriet Lipman, der glaubt, in seiner elfjährigen Profikarriere schon mehr als 30 Gehirnerschütterungen erlitten zu haben.

„Ich wurde von keinem anderen Rugby-Personal kontaktiert als von meinem alten Schultrainer Anthony Boyd und Mark Bakewell, meinem Stürmertrainer in Bath. Das macht mich sehr traurig. Man investiert so viel Zeit und Energie in Menschen und denkt, dass sie Freunde sind, aber letztendlich sind sie es nicht. Das hat mir die Augen geöffnet.“

Michael Lipman spielte zehnmal für die englische Nationalmannschaft
Michael Lipman spielte zehnmal für die englische Nationalmannschaft

Im September ließ er sich sogar in eine Klinik aufgrund von manischen Zuständen einweisen. „Es gibt Tage, an denen ich nicht aus dem Bett komme“, sagte er.

„Ich habe mich für zwei Wochen in eine Klinik einweisen lassen, um psychiatrische Hilfe zu bekommen. Ich bin immer noch extrem reizbar, ungeduldig und rege mich bei Kleinigkeiten sehr schnell auf. Ich konnte jedoch Strategien erlernen, um mit bestimmten Auslösern besser umzugehen.“

Lipman möchte anderen Patienten helfen und die nächste Spielergeneration schützen. Er leitet eine Selbsthilfegruppe namens „Concussion Connect“, während er und seine Frau an einem Projekt arbeiten, um Geld für eine bessere Erforschung von Hirntraumata zu sammeln.

Auch über seine Krankheit möchte er sich weiterbilden. Deshalb hat sich der 10-malige englische Nationalspieler für zwei Universitätskurse über Demenz und Schädel-Hirn-Traumata eingeschrieben, die nächstes Jahr beginnen sollen.

„Ich möchte so viel Wissen wie möglich darüber haben, was mit mir passiert“, sagte er. „Je mehr Verständnis ich habe, desto besser kann ich mich für positive Veränderungen einsetzen.“

Lipman: „Es muss Veränderungen geben“

Seit Lipman und andere im vergangenen Jahr rechtliche Schritte eingeleitet haben, hat der Rugby-Weltverband zwar viel angekündigt, aber wenig durchgesetzt. Der Dachverband riet den Klubs, das Vollkontakttraining auf 15 Minuten pro Woche zu begrenzen. Diese haben es jedoch nicht zwingend vorgeschrieben.

Ohnehin seien diese Maßnahmen nicht ausreichend, findet Lipman: „Das bringt nichts. Ein Trainer wird so trainieren, wie er möchte“.

Seinen Kindern würde er vom Rugby spielen abraten. Es sei denn, es käme zu einer wirklichen Verbesserung. Spätestens nach diesen Aussagen des ehemaligen Profispielers sollten bei sämtlichen Rugby-Verbänden die Alarmglocken läuten.

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