Jan-Lennard Struff steht bei den US Open nach einer astreinen Vorstellung gegen Camilo Ugo Carabelli (6:4, 6:3, 6:3) in der zweiten Runde. Im Alter von 36 Jahren erlebt der deutsche Tennis-Profi seinen zweiten Frühling, dabei hatte er es nicht immer leicht – ganz im Gegenteil. (US Open 2026 täglich im LIVETICKER)
US Open: Struff und das Zerwürfnis mit seiner Ex-Trainerin
Was Struff jahrelang belastete
Ein Rechtsstreit prägte seine Karriere jahrelang – und verhinderte womöglich eine erfolgreichere Version Struffs. Dabei begann alles ganz unscheinbar.
Jan-Lennard Struff und die Akte Ute Strakerjahn
Im Alter von sechs Jahren sah Ex-Bundestrainerin Ute Strakerjahn ihn das erste Mal Tennis spielen. Strakerjahn betreute Struff seit dem Grundschulalter. Im Jahr 2011 gelang Struff der Durchbruch. Der Warsteiner gewann im Alter von 21 Jahren die deutsche Meisterschaft, 2012 verteidigte er seinen Titel.
Noch im selben Jahr wurde ein bis zum 22. Mai 2016 gültiger Vierjahresvertrag zwischen den beiden aufgesetzt: Strakerjahn sollte bis zu 20 Prozent an den Preis- und Antrittsgeldern des Profis sowie an seinen Einnahmen aus Sponsoring- und Werbeverträgen beteiligt und so für ihre Vertragsleistungen bezahlt werden. Die Regelung sollte auch noch nach Vertragsende sechs Jahre wirken.
Struff hatte 2014 seine ersten drei Halbfinals auf der ATP-Tour erreicht, war erstmals in die Top 50 vorgedrungen. Ein Jahr später debütierte er im deutschen Davis-Cup-Team, er war endgültig in der Weltspitze angekommen.
2015 beendete Struff die Zusammenarbeit vorzeitig. Was folgte, war ein jahrelanger Rechtsstreit. 2016 reichte Strakerjahn Klage ein und forderte eine Nachzahlung sowie eine Beteiligung an den Einkünften bis 2022 – bis zu 290.000 Euro. „Ich bin menschlich sehr enttäuscht. Jetzt, wo es Spaß macht und anfängt, rentabel zu werden, soll ein anderer davon profitieren“, sagte die Trainerin damals.
„Sie hat Herrn Struff ausgedrückt wie eine Zitrone“
Das Landgericht Arnsberg gab Strakerjahn weitgehend Recht. Struffs Anwalt Andrés Klein sprach damals von einem „Knebelvertrag“, er legte Berufung ein. Es sollte nicht die letzte Auseinandersetzung zwischen Struff und Strakerjahn sein. Wegen ausstehender Zahlungen aus den Folgejahren wurden weitere Klagen eingereicht.
Der Tonfall im Rechtsstreit war inzwischen rau geworden. „Sie hat Herrn Struff ausgedrückt wie eine Zitrone“, warf Klein Strakerjahn im Westfälischen Anzeiger vor: „Wenn wir mit unserer Rechtsauffassung durchdringen, dann hätte Frau Strakerjahn gar nichts zu bekommen. Dann stünde sogar ein nicht unerheblicher Rückzahlungsanspruch in Rede.“
Strakerjahn habe auf den Vertrag gepocht und Struff „keine andere Chance“ gehabt als einzuwilligen, weil er „vor einem Abgrund stand“. Er hätte damit rechnen müssen, dass „seine ganze Karriere den Bach runtergeht. Sie hat ihm die Pistole auf die Brust gesetzt.“
Klein sah seinen Mandanten in einer Opferrolle. Mit damals 21 Jahren habe er „herzlich wenig Ahnung von solchen Angelegenheiten“ gehabt. Strakerjahns Anwalt Christian Niedzwicki sagte im Jahr 2018 dem Soester Anzeiger: „Wir sind jetzt schon bei knapp 700.000 Euro. Und es wird wohl auf eine Million hinauslaufen, wenn er so weiterspielt – was wir ihm ja wünschen.“
Struff: „Ich habe Träume, habe Wünsche“
2018 akzeptierte Jan-Lennard Struff die Ansprüche seiner Ex-Trainerin schließlich. Über die Jahre hinweg hatte man dem sensiblen Tennis-Profi immer wieder angemerkt, wie sehr ihn die Angelegenheit belastete. Struff gilt als bodenständig, lebt die Grundwerte Ehrlichkeit und Engagement.
Und dann ist der Warsteiner vor allem eines: Familienmensch. In seiner Jugend war er mit der einstigen deutschen Tennis-Hoffnung Nina Zander zusammen. Seit 2018 ist er mit seiner Ehefrau Madeleine verheiratet. Die beiden haben zwei Kinder, halten ihr Privatleben nach Möglichkeit bedeckt.
„Die meisten Niederlagen fühlen sich nicht gut an, aber wenn mein Sohn aus seinem Zimmer kommt, mich anlächelt, dann macht das die Welt wieder schön“, erzählt Struff: „Tennis ist ein Beruf, der nicht ein Leben lang dauert. Danach hat man noch ein Leben, Zeit, Dinge zu erleben.“
Der Reisestress sei für ihn und seine Familie nicht leicht. „Auch ich würde es mir oft anders wünschen“, sagt Struff: „Ich bin niemand, der große Parolen nach außen bläst. Ich habe Träume, habe Wünsche. Die behalte ich aber für mich. Ich weiß, wo ich herkomme. Ich weiß, was im Tennis alles passieren kann. Für mich ist wichtig zu wissen: Ich habe ein Leben, auch ohne Tennis.“
US Open: Struff gegen Cerundolo gefordert
Dabei lief es sportlich zuletzt ausgesprochen gut. In Wimbledon stieß Struff sogar bis ins Viertelfinale vor, verlor dort gegen den Weltranglistenersten Jannik Sinner – es war sein bestes Ergebnis bei einem Grand Slam jemals. Im Ranking kletterte der 1,93-m-Hüne bis auf Position 44 und wird aktuell als deutsche Nummer zwei hinter Alexander Zverev geführt.
Und wer weiß, wo die Reise für Struff noch hingeht. Erst einmal ist er in New York in seinem Zweitrundenmatch gegen den Argentinier Francisco Cerundolo gefordert.