Nachdem sie bereits im zarten Alter von 15 Jahren die Tenniswelt in Staunen versetzt hatte, tat sich Coco Gauff lange Zeit schwer. Doch nun scheint das amerikanische Wunderkind endlich bereit zu sein, ihre großen Träume in die Realität umzusetzen.
US Open 2023: Löst dieses Wunderkind sein Versprechen ein? Coco Gauff greift mit Ikone an
Erfüllt das Wunderkind sein Versprechen?
Rechtzeitig vor ihrem Start bei den US Open in der Nacht auf Dienstag ist die mittlerweile 19 Jahre alte Lokalmatadorin vor ihrem Heim-Grand-Slam in Topform: Mit dem Sieg in Cincinnati feierte die Tennisspielerin ihren bisher größten Karriereerfolg. Im Endspiel des WTA-Turniers der Kategorie 1000 besiegte sie die Tschechin Karolina Muchova.
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Es war bereits Gauffs dritter Turniersieg in diesem Jahr, womit sie ihre Bestform zum idealen Zeitpunkt - kurz vor den anstehenden US Open - untermauerte. Zuvor hatte sie bereits in Auckland und Washington gewinnen können.
Gelingt der Nummer 6 der Weltrangliste in New York nun womöglich der große Wurf?
Gauff mit Triumphzug: „Das ist unglaublich“
Gauff hat ihre Qualitäten bewiesen, das ist sicher - allerdings gingen dem aktuelle Triumphzug einige schwierige Monate voraus, wie Gauff nach ihrem jüngsten Sieg offenbarte.
„Das ist unglaublich, vor allem nach dem, was ich im Sommer in Europa durchgemacht habe. Ich bin einfach nur glücklich, in diesem Moment hier zu sein“, konstatierte sie.
Im Frühjahr war Gauff sowohl beim WTA-Turnier in Madrid als auch in Rom jeweils in der dritten Runde ausgeschieden. Bei den French Open 2023 endete ihre Reise im Viertelfinale.
Die wohl größte Enttäuschung folgte mit dem Erstrunden-Aus beim Prestige-Turnier in Wimbledon. Dieser Rückschlag hinterließ Spuren, weshalb sich die junge US-Amerikanerin im Juli vorübergehend in ihrem Londoner Hotel abschottete. „Ich habe das Zimmer zwei Tage lang nicht verlassen. Ich habe es buchstäblich nicht verlassen. Ich habe mir mein Essen aufs Zimmer bestellen lassen“, verriet Gauff in einem Interview mit The Associated Press.
Jedoch erwies sich diese drastische Maßnahme als hilfreich: „Diese zwei Tage waren notwendig, weil ich Zeit hatte, nachzudenken und mir zu erlauben, einfach traurig zu sein“, erklärte sie und fügte hinzu: „Auf der Tour haben wir oft keine Zeit, uns zu erlauben, traurig zu sein, sodass sich diese Emotionen bis zum nächsten Spiel aufbauen.“ Sie habe ihre Mentalität „wirklich komplett geändert“.
Behutsamer Aufstieg nach Durchbruch
Mit ihrem nun erzielten Erfolg in Cincinnati hat Gauff endlich einen Sieg bei einem der wichtigsten Turniere der WTA-Tour errungen, nachdem sie in den vergangenen Jahren bei großen Events mehrmals knapp gescheitert war.
Gauffs bahnbrechender Sieg gegen Idol Venus Williams in Wimbledon, als sie gerade einmal 15 Jahre alt war, hatte einen Hype um ihre Person ausgelöst, der seither speziell in der Heimat kaum an Lautstärke verloren hat. Doch anstatt zur Dauer-Siegerin zu avancieren, gestaltete sich ihr Weg in die Spitze eher wie ein behutsamer Aufstieg.
Zwar gilt sie seit ihrem Durchbruch auf dem Centre Court von Wimbledon im Jahr 2019 als eine der größten Superstars auf der WTA-Tour. Doch es gab auch Momente, in denen Gauff den enormen Druck verspürte, den Erwartungen gerecht zu werden, was sich als übermäßig belastend erwies.
So hatte sie der Einzug ins Finale der French Open im vergangenen Jahr in greifbare Nähe ihres ersten Grand-Slam-Titels gebracht, am Ende blieb der Coup gegen Iga Swiatek jedoch aus. Einen Tag später verlor Gauff an der Seite ihrer US-Landsfrau Jessica Pegula auch noch das Endspiel des Doppel-Wettbewerbs.
„Winning ugly“: Brad Gilbert trainiert mit Gauff
Nun scheint Gauff im Vorfeld der US Open allerdings zu einer ernsthaften Herausforderin zu reifen. Dabei profitiert sie seit einigen Wochen im Training auch von der Betreuung durch Brad Gilbert, der 20 Turniere während seiner Laufbahn gewinnen konnte und für sein Tennis-Strategie-Buch „Winning ugly“ berühmt ist.
Der 62-Jährige hatte sich vor allem durch seine Zusammenarbeit mit Andre Agassi einen Namen als Trainer gemacht. Schon während seiner eigenen Profikarriere übernahm er den amerikanischen Landsmann und führte ihn zu sechs Grand-Slam-Titeln und Platz eins in der Weltrangliste.
Später arbeitete Gilbert mit Andy Roddick, unter dessen Betreuung dieser seinen einzigen Major-Titel gewann und ebenfalls die Nummer eins wurde. Auch Andy Murray folgte eine Zeit lang den Anweisungen von Gilbert.
Gauff hatte eigentlich erst die Zusammenarbeit mit dem 35-jährigen Ex-Profi Pere Riba verkündet, bis zu den US Open wolle man es aber gemeinsam mit Gilbert probieren. Und bei positivem Verlauf scheint auch eine längere Zusammenarbeit möglich.
Favoritin bei den US Open?
Positiv lief es zuletzt auf jeden Fall: durch ihren Sieg in Cincinnati, wo sie im Halbfinale sogar Swiatek besiegte, ist der Rückenwind in jedem Fall da. Und die Unterstützung des Publikums dürfte ihr von Tag 1 an - an dem sie im Arthur Ashe Stadium auf die Deutsche Laura Siegemund trifft - gewiss sein.
Zu großen Erwartungen beugt Gauff dennoch vor: „Ich glaube, dass die Leute manchmal denken, dass es einfach so passieren kann. Aber die Leute vergessen, dass es 1.000 andere Spielerinnen auf dem Feld gibt, die jeden Tag so hart arbeiten, wie sie können. Es ist also keine Zauberei. Es wird nicht einfach so passieren.“
Die Idee, dass es passieren kann, nimmt dennoch immer mehr Formen an.