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Der tiefe Fall eines amerikanischen Helden

Der tiefe Fall eines amerikanischen Helden

„Shoeless“ Joe Jackson war einst der wohl Baseball-Spieler seiner Zeit. Ein legendärer Skandal, der zum Stoff für Hollywood wurde, kostete ihn die Karriere.
Joe Jackson wurde in "Field of Dreams" von Ray Liotta (l., mit Kevin Costner) verkörpert
Joe Jackson wurde in "Field of Dreams" von Ray Liotta (l., mit Kevin Costner) verkörpert
© Imago
Martin Hoffmann
Martin Hoffmann
von Martin Hoffmann

Babe Ruth. Ty Cobb. „Shoeless“ Joe Jackson.

Es gibt drei große Spieler aus der Frühzeit des Baseballs, die in Amerika bis heute praktisch jedem Fan im Gedächtnis sind.

Bei Ruth und Cobb ist es die sportliche Klasse, die sie zur Legende gemacht hat, die auch in Hollywood verewigt ist. Bei Jackson hätte sie es eigentlich auch sein können - stattdessen ist er in Erinnerung als tragische Figur in einem Schurkenstück, das den Nationalsportart der USA beinahe zerstört hätte.

Auch seine Geschichte als Hauptdarsteller des großen und folgenschweren Skandals um die Chicago White Sox und die World Series von 1919 ist Stoff für diverse Filme gewesen, spielte unter anderem auch eine Rolle im Klassiker „Field of Dreams“ mit Kevin Costner.

Was steckt hinter dem dunklen Mythos um den heute vor 70 Jahren verstorbenen „Shoeless Joe“ und die „Black Sox“?

Der echte "Shoeless" Joe Jackson (r.) mit Kollege Ty Cobb
Der echte "Shoeless" Joe Jackson (r.) mit Kollege Ty Cobb

„Black Sox Scandal“ erschütterte 1919 die MLB

Der Black-Sox-Eklat von 1919 gilt als die Mutter aller Manipulations-Skandale im populären Sport: Der New Yorker Mafiaboss Arnold Rothstein war Drahtzieher der Verschwörung, in der eine Reihe von White-Sox-Spielern einwilligte, das MLB-Finale gegen die Cincinnati Reds zu Ungunsten des eigenen Teams zu verschieben - um Rothstein damit große Gewinne auf dem Wettmarkt zu bescheren.

Gangsterboss Arnold Rothstein zog die Fäden beim "Black Sox Scandal"
Gangsterboss Arnold Rothstein zog die Fäden beim "Black Sox Scandal"

Rothstein nutzte dabei interne Unzufriedenheit über Chicagos Teamboss Charles Comiskey aus (Namensgeber des berühmten Comiskey Parks): Zahlreiche Spieler fühlten sich unter Wert bezahlt - was auch durch die damaligen Regeln des Sports begünstigt war. Seinerzeit gab es noch keine Free Agency, jeder Spieler war durch die „Reverse Clause“ an sein Team gebunden, so lange es diesem ein Vertragsangebot machte.

Als die große und wendungsreiche Betrugsstory aufflog, stand der ganze Sport am Abgrund - und zog Konsequenzen: Der US-Bundesrichter Kenesaw Mountain Landis wurde in das neu geschaffene Amt des Commissioner of Baseball gehievt und bekam weitreichende Befugnisse, um den Ruf des Sports zu reparieren.

Sein spektakulärster Beschluss: Er verbannte die acht „Black Sox“ - obwohl sie im Strafprozess freigesprochen worden waren - für immer aus dem professionellen Baseball. Auch ein Einzug in die Hall of Fame ist ihnen bis heute verwehrt, obwohl das speziell im Fall Jackson umstritten ist.

„Shoeless“ Joe Jackson: Rolle bis heute umstritten

Jackson - genannt „Shoeless“, als er in einem frühen Minor-League-Auftritt auch barfuß brillierte - war der damals womöglich beste Baseballer der Liga. Er war World-Series-Gewinner 1917, Halter diverser Rekorde, seine wegweisende Schlagtechnik wurde oft kopiert (unter anderem von Ruth) - bis heute ist sein „Batting Average“ der viertbeste der Geschichte.

Nicht nur deshalb ist sein Hall-of-Fame-Bann umstritten: Es ist unklar, wie sehr der in ärmlichen Verhältnissen aufgewachsene Analphabet wirklich in die Verschwörung verstrickt war.

Jackson spielte in der Serie trotz allem stark, stellte sogar eine World-Series-Bestmarke von 12 Base Hits auf, die erst Jahrzehnte danach gebrochen wurde. Der Vorwurf lautet allerdings, dass er bei der Manipulation geholfen haben soll, indem er in der Defensive ungewöhnlich viel zugelassen hat.

Jackson ist die prominenteste und ambivalenteste Figur des Skandals, weswegen er auch bei der Fiktionalisierung immer eine Hauptrolle spielte.

MLB-Skandal wurde Stoff für Hollywood

Unter anderem kam die Story 1988 im Film „Eight Men Out“ („Acht Mann und ein Skandal“) mit D.B. Sweeney, Charlie Sheen und John Cusack auf die Leinwand. Einen prominenten Platz hatte darin auch die Legende, dass Jackson von einem enttäuschten Kind mit dem Satz „Sag, dass es nicht wahr ist, Joe“ angesprochen worden sein soll.

In Wahrheit war das zum geflügelten Wort gewordene „Say it ain‘t so, Joe“ eine schlichte Zeitungsschlagzeile.

Jackson-Darsteller D.B. Sweeney und Charlie Sheen in "Eight Man Out"
Jackson-Darsteller D.B. Sweeney und Charlie Sheen in "Eight Man Out"


Auch in dem märchenhaften und längst auch von der MLB einverleibten Film „Field of Dreams“ („Feld der Träume“) spielen Jackson und die Black Sox eine Hauptrolle: Der von Ray Liotta verkörperte Jackson taucht darin als Geist auf, der einen von Kevin Costner verkörperten Farmer dazu bringt, ein Baseball-Feld in einem Maisfeld zu bauen.

Jackson wurde zur tragischen Figur

Der Erfolg des Films - basierend auf dem Buch „Shoeless Joe“ des Autors W.P. Kinsella - war der beste Beweis, dass der Skandal den Baseball nicht zerstören konnte. Die Faszination Amerikas für seine „national pastime“ blieb letztlich intakt – anders als die Karriere Jacksons.

Der tief gefallene Star wurde zur tragischen Figur, die auf dem Zenit ihrer Karriere alles verlor. Jackson betrieb, nachdem er von seinem Sport verstoßen wurde, eine Reinigung, ein Grillrestaurant und einen Alkoholhandel. Baseball betrieb er weiter - oft unter falschem Namen - als Spieler und Funktionär bei kleineren Teams abseits der Profi-Ebene.

Jackson starb am 5. Dezember 1951 an Herzproblemen, er wurde 64 Jahre alt.