Alteingesessene NFL-Fans dürften sich noch genau erinnern. Gut zehn Jahre ist es her, da war in der besten Football-Liga der Welt an einem Team kaum ein Vorbeikommen. In der Saison 2013 demütigten die Seattle Seahawks die Denver Broncos im Super Bowl mit 43:8, ein Jahr später unterlagen sie selbst in einem der dramatischsten NFL-Endspiel aller Zeiten nur knapp mit 24:28 gegen die New England Patriots.
Die Rückkehr einer NFL-Legende?
Die Rückkehr der Legion of Boom
Die Seahawks um Quarterback Russell Wilson waren seinerzeit omnipräsent, vor allem die legendäre Defensivreihe „Legion of Boom“ lehrte gegnerische Teams das Fürchten.
13 Jahre nach dem Triumph ist Seattle zurück – und das durchaus unerwartet. 2023 und 2024 war die Franchise in der Postseason nicht vertreten. Nun ist das Team sogar Nummer-1-Seed in den Playoffs.
NFL: Seakawks als Top-Seed zurück in den Playoffs
“Ein aufregendes Jahr für die Seahawks. Die NFC West ist die beste Division im Football mit den Los Angeles Rams, den San Francisco 49ers und den Seahawks. Für die Seahawks, die dieses Jahr die NFC West gewonnen haben und sich den ersten Platz in der NFC gesichert haben, ist die harte Arbeit also quasi fast schon getan“, analysierte der langjährige Seahawks-Quarterback Matt Hasselbeck in einer Medienrunde, an der auch SPORT1 teilnahm.
“Ich glaube nicht, dass viele Leute damit gerechnet haben. Vergangenes Jahr haben die Seahawks die Playoffs nicht erreicht. Sie hatten mit Mike Macdonald einen Head Coach ohne Erfahrung. Sie hatten zehn Siege, verpassten aber die Playoffs. Die Wende im zweiten Jahr war einfach außergewöhnlich.”
Head Coach Macdonald überzeugt
Diese Wende hat direkt mit dem 38-Jährigen zu tun. Einem Trainer, der sich vor allem durch seine ruhige Art auszeichnet. Vor dem Duell mit den San Francisco 49ers in der Divisional Round in der Nacht von Samstag auf Sonntag (2 Uhr Livescores) erklärte Macdonald vor US-Journalisten seine Herangehensweise.
Zwar stünde eine Playoff-Partie vor der Tür, was selbstverständlich jeder wisse, für ihn und sein Team sei es aber nur „Woche 19“ der NFL-Saison 2025.
„Mike Macdonald hat diese Einstellung, die sich auf das ganze Team überträgt, dass wir überall spielen können, jederzeit gegen jeden“, zeigte sich Hasselbeck begeistert.
„Andere Trainer jammern und beschweren sich, beispielsweise: ‚Oh, ich kann nicht glauben, dass die NFL uns eine kurze Woche gegeben hat und wir so weit fliegen müssen.‘ Mike Macdonald verfolgt den gegenteiligen Ansatz: ‚Nur her damit. Es ist mir egal, wer ihr seid. Wir spielen sogar auf dem Parkplatz, wenn ihr wollt.‘ Ich glaube, das ist einer der Gründe, warum die Seahawks dieses Jahr so ein großartiges Auswärtsteam sind.”
Defensive als Trumpf der Seahawks
In den Playoffs müssten sie ihre Qualitäten auf fremdem Feld frühestens im Super Bowl beweisen, haben sie als bestes Team der NFC doch bis zu selbigem Heimvorteil. Und diesen will das Team auch nutzen. Erst am letzten Spieltag der Regular Season vor knapp zwei Wochen ging es für Seattle zu Hause gegen die Niners, die Hausherren gewannen mit 17:3.
Damit wieder ein Triumph gelingt, braucht es in der Divisional Round erneut eine starke Leistung des besten Mannschaftsteils, der Defense. Die Verteidigung ist aktuell das Prunkstück des Teams - und die Top-Defensive in der NFL.
In unzähligen Statistiken brilliert Seattle. So erlaubte das Team bei gegnerischen Läufen beispielsweise 30 First Downs weniger als eigentlich erwartet. Doppelt so viele wie die Houston Texans, das zweitbeste Team in dieser Kategorie.
Nur die Denver Broncos (29) erlaubten den Gegnern weniger Touchdowns als die Seahawks (31), bei zugelassenen Punkten ist Seattle die Nummer eins (Schnitt: 17,2). Die höchste Niederlage der Saison - insgesamt waren es nur drei, die bislang letzte gab es Mitte November - gab es im Auftaktspiel beim 13:17 gegen die 49ers.
Besser als die Legion of Boom?
“Ich persönlich denke, dass sie aus dem Schatten der ‚Legion of Boom‘ herausgetreten sind", meinte Ex-Quarterback Hasselbeck: „Das Spiel gegen die 49ers hat mich davon überzeugt. Es gibt defensive Statistiken, die zeigen, dass diese Verteidigung tatsächlich besser ist als die ‚Legion of Boom‘.„
„Ich habe gegen die ‚Legion of Boom gespielt‘, das ist keine Respektlosigkeit ihnen gegenüber, sie waren unglaublich. Sie wurden von von den Defensive Backs angetrieben, von Earl Thomas, Richard Sherman und Kam Chancellor.“
Und weiter: „Die aktuelle Defense ist zwar überall stark - aber sie wird von vorne angeführt. Von Leonard Williams und Byron Murphy. Sie sind aus dem Schatten getreten. Alles, was sie jetzt noch brauchen, ist ein Spitzname, und vielleicht arbeiten sie ja gerade daran.”
Erinnerung an Jets-Zeiten
Eine entscheidende Rolle im Kampf um den Einzug in das Conference Championship Game dürfte auch dem Quarterback des Teams zukommen, war und ist Sam Darnold doch durchaus eine umstrittene Figur.
Als Rookie einst von den chronisch erfolglosen New York Jets gedraftet, hatte er es in seiner Laufbahn bislang wahrlich nicht immer einfach.
„Er wurde zusammen mit Spielern wie Baker Mayfield und Josh Rosen gedraftet. Er landete bei den New York Jets, wo die Karrieren von Quarterbacks enden. Und er spielte nicht gut. Unter wirklich schwierigen Umständen und zu früh“, fasste Hasselbeck den Start des heute 28-Jährigen in der NFL zusammen.
Darnold verursacht viele Turnover
Für ihn ist klar: „Manchmal muss man als Quarterback einen Schritt zurückgehen, um zwei Schritte vorwärtszukommen. Viele Football-Fans können sich nur schwer davon lösen, dass Sam Darnold ein Rookie bei den New York Jets war, und sie sehen nicht, was er in den vergangenen zwei Jahren bei den Minnesota Vikings geleistet hat. Er ist einer der besten Quarterbacks im Spiel.“
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Gewiss, mit manch schlechtem Tag aus New Yorker Zeiten hat Darnold nichts mehr zu tun, Angriffsfläche bietet er mitunter aber dennoch. 14 Interceptions und sechs verlorene Fumbles verursachte er bereits in dieser Saison. Mit insgesamt 20 Turnover führt er die gesamte Liga an.
Defense wins Championships
Es ist das erste Mal seit 1978, dass ein Spieler in dieser unrühmlichen Kategorie ligaweit vorne liegt, gleichzeitig sein Team aber auf den Nummer-1-Seed seiner Conference geführt hat.
Für große Erfolge braucht Darnold aber nicht unbedingt das perfekte Passer Rating oder die besten Statistiken, heißt eine der ältesten Weisheiten im Sport schließlich: Defense wins Championships.
Für die offensiven Erfolge hat er mit Star-Receiver Jaxon Smith-Njigba und dem Running-Back-Duo Kenneth Walker und Zach Charbonnet ohnehin das adäquate Personal.