Ein Großevent in jedem Winter. Im Skisport steht eine grundlegende Neuerung bevor. Ab dem Jahr 2032 wird es jedes Jahr entweder eine Weltmeisterschaft oder Olympische Winterspiele geben. Das hat die FIS auf ihrem zweitägigen Kongress im schweizerischen Thun beschlossen.
Markus Wasmeier exklusiv über Ski-Revolution: "Sonst geht es gar nicht"
Das sagt Wasmeier zur Ski-Revolution
Das bedeutet, dass die WM-Frequenz künftig steigen wird. Bisher wurden Weltmeisterschaften der FIS-Disziplinen nur alle zwei Jahre ausgetragen. Künftig folgt man damit dem Vorbild des Biathlons, wo sich der jährliche WM-Rhythmus bereits etabliert hat.
Was bedeutet diese Neuerung für die Athletinnen und Athleten? Droht der Wettkampfkalender aus allen Nähten zu platzen? Und was kommt auf die Veranstalter zu?
Im SPORT1-Interview spricht der ehemalige Skirennläufer und Doppelolympiasieger Markus Wasmeier über die Folgen der Entscheidung und verrät, wie er die jährliche Weltmeisterschaft als aktiver Athlet gefunden hätte.
„Wenn ich noch Athlet wäre, hätte ich Spaß daran“
SPORT1: Ab dem Jahr 2032 werden in jedem Winter entweder Weltmeisterschaften oder Olympische Spiele stattfinden. Was halten Sie von der Entscheidung der FIS?
Markus Wasmeier: Die Aufwertung, bis jetzt alle zwei Jahre eine Weltmeisterschaft zu haben, ist natürlich von der Medaille her hochwertiger, weil mehr Zeit dazwischen liegt. Ansonsten machen es uns die anderen Sportarten vor. Die Entscheidung ist okay. Es ist auf alle Fälle wieder ein Wettkampf, bei dem Damen und Herren gemeinsam starten. Das findet sowieso zu selten statt.
SPORT1: Verändert sich durch die höhere WM-Frequenz auch der Stellenwert einer Weltmeisterschaft und einer WM-Medaille?
Wasmeier: Ein bisschen schon, aber nicht arg. Es entscheidet immer die Tagesform, die du bei einer Weltmeisterschaft an den Tag legen musst, um eine Medaille zu gewinnen. Ich sehe diese Entscheidung nicht negativ. Die Praxis muss zeigen, wie sie angenommen wird. Man muss auch immer einen passenden Veranstalter finden.
SPORT1: Im Biathlon ist dieses WM-Modell bereits etabliert. War es nur eine Frage der Zeit, bis die FIS nachzieht?
Wasmeier: Ja, eigentlich schon. Wenn ich noch Athlet wäre, hätte ich Spaß daran, wenn wir mehrere Weltmeisterschaften hätten.
SPORT1: Was bedeutet diese Neuerung für die Sportlerinnen und Sportler selbst?
Wasmeier: Als Sportler bist du jeden Tag bereit, Hochleistung zu bringen. Dafür trainierst du das ganze Jahr. Da ist es egal, ob es eine Weltmeisterschaft, Olympische Spiele oder ein normales Weltcup-Rennen ist. Du musst immer schauen, dass du dein Bestes bringst. Der Unterschied ist gar nicht so groß.
Müssen etablierte Weltcup-Orte der WM weichen?
SPORT1: Leiden unter dieser Neuerung etablierte Wettkämpfe, wie zum Beispiel eine Vierschanzentournee?
Wasmeier: Natürlich zwickt die Weltmeisterschaft im Weltcup-Kalender einiges weg. Im Februar finden meistens Weltmeisterschaften oder Olympische Spiele statt. In dieser Zeit gibt es dann nur diese Wettkämpfe. Der eine oder andere Weltcup-Ort wird wahrscheinlich gestrichen werden müssen, sonst geht es gar nicht.
SPORT1: In der Vorbereitung auf eine Weltmeisterschaft lassen die Athleten häufig auch Weltcups aus, die unmittelbar davor liegen, um den Fokus auf die Vorbereitung zu legen. Was bedeutet das für die Weltcup-Orte, wenn die Top-Athleten nicht an den Start gehen?
Wasmeier: Bei den Herren geht es Mitte Januar mit den großen Abfahrten in Kitzbühel, Wengen, Adelboden und Co. los. Das ist eine Show, der Wahnsinn. Es wäre ein Unding, solche Rennen sausen zu lassen. Ich wüsste momentan nicht, wo man einfach einen Wettkampf streichen kann und den Veranstaltern, die teilweise seit 50 Jahren Rennen ausrichten, sagt: ‚Du bist jetzt nicht mehr dabei, weil wir eine WM haben.‘
SPORT1: Für die FIS steigen aufgrund dieser Neuerungen die Vermarktungs- und Kommerzialisierungsmöglichkeiten. Glauben Sie, dass das der Treiber hinter dieser Neuerung war?
Wasmeier: In der Vergangenheit hat man gesehen, dass viele andere Sportarten im Winter ja auch Mixed-Wettkämpfe haben. Da sind wir noch sehr traditionell in allen Bereichen geblieben. Wir haben sogar den Parallel-Slalom und die Kombination wieder abgeschafft.
Und jetzt geht die FIS davon aus, dass die Attraktivität steigt, wenn sie jedes Jahr eine WM machen. Und natürlich ist die Öffentlichkeitswahrnehmung bei einer WM immer ein bisschen größer als bei einem Weltcup – außer in Kitzbühel, Wengen und Co.
SPORT1: Kann die jährliche Weltmeisterschaft Disziplinen wie Ski-Freestyle und Snowboard zu mehr Sichtbarkeit verhelfen?
Wasmeier: Jede Sportart wird ihre eigene Weltmeisterschaft austragen. Die mediale Aufmerksamkeit hängt eigentlich immer von den Sportlern selbst ab, davon, welche Leistungen erbracht werden, und ob sich eine Fangruppe dahinter aufbaut. Es entsteht eine Eigendynamik. Wenn es gute Leute gibt, die Fangruppen aufbauen, ist das sicherlich eine super Sache.