Biathlon>

Biathlon: Verrückte Methoden! So macht Velepec die Deutschen besser

Erfolgsrezept des deutschen Märchens

Auch beim Heim-Weltcup in Oberhof setzt sich der Höhenflug der deutschen Biathlon-Männer fort. Ein entscheidender Schlüssel zum Erfolg ist schnell gefunden: das neu zusammengestellte Trainerteam.
Die deutsche Männer-Staffel holte in Oberhof Platz zwei
Die deutsche Männer-Staffel holte in Oberhof Platz zwei
© IMAGO/Christian Heilwagen
Auch beim Heim-Weltcup in Oberhof setzt sich der Höhenflug der deutschen Biathlon-Männer fort. Ein entscheidender Schlüssel zum Erfolg ist schnell gefunden: das neu zusammengestellte Trainerteam.

Nichts konnte DSV-Trainer Uros Velepec am vergangenen Wochenende in Oberhof die Laune vermiesen. Nicht der leichte Regen aus dem grauen Himmel, nicht der berühmt-berüchtigte Nebel, nicht der oftmals böige Wind. Und erst recht nicht die schier übermächtigen Norweger. Grund ist schlichtweg die starke Saison seiner eigenen Mannschaft.

Vier der zehn bisherigen Einzelrennen gingen an die Deutschen, davon allein drei der vier Sprints. Das sorgt natürlich für beste Stimmung. Und dafür, dass der Cheftrainer selbst in einem guten Licht dasteht. Schließlich sind die hervorragenden Resultate auch der akribischen Arbeit des 56-Jährigen zu verdanken. Mit neuen Trainingsplänen und anderer Methodik hat Velepec sein Team einen großen Schritt nach vorne gebracht. Was dabei auffällt, ist seine spezielle Art der Motivation. Da greift er gerne besonders tief in die Trickkiste.

Auch beim Sprint im Thüringer Wald, den erneut Benedikt Doll gewinnen konnte, war das der Fall. „Ich hatte einen Deal mit unseren Athleten: Ich habe gesagt, wenn es drei von ihnen im Sprint unter die besten zehn schaffen, ziehe ich für die Verfolgung meine Unterhose oben drüber - so wie Superman“, erzählte der Slowene nachher. Neben Doll erreichte Johannes Kühn als Fünfter die ambitionierte Vorgabe, doch „leider landete Philipp Nawrath nur auf Platz elf. Ich werde normal angezogen sein - wie schade“, fügte Velepec mit einem verschmitzten Lächeln hinzu.

Eine irrwitzige Wette, die einmal mehr klarstellt, dass Velepec das Spiel mit dem Feuer nie scheut. Es war jedenfalls nicht die erste Aktion aus dieser Kategorie. Schon beim Sprint in Lenzerheide hätte der Ex-Biathlet nackt zum Wachscontainer laufen müssen, hätten die DSV-Athleten einen Dreifach-Erfolg nicht knapp verpasst. Ein Sinnbild der zuletzt gewonnenen Lockerheit im Team – die das Vertrauen in die eigene Stärke steigen lässt.

Velepec hat entscheidende Änderung vorgenommen

Noch ist der Slowene ein recht neues Gesicht im deutschen Team. Als der langjährige Bundestrainer Mark Kirchner am Ende der vergangenen Saison seinen Rückzug bekannt gegeben hatte, übernahm dessen vorheriger Assistent Velepec den Posten. Seitdem begeistert der zweifache Olympia-Teilnehmer aber mit seiner offenen und sehr guten Kommunikation. „Seine Ansprachen sind sehr motivierend. Er hat immer ein paar Psycho-Tricks auf Lager“, betonte Justus Strelow, der in diesem Winter seinen ersten Podestplatz einfuhr.

Velepec ist aus gutem Grund längst ein bekannter Name im Biathlon-Zirkus, der große Erfolge gefeiert hat. Elf Jahre war er in seiner Heimat Slowenien tätig, ehe er zwischen 2014 und 2018 erstmals das ukrainische Frauenteam trainierte. Nach drei Jahren als slowenischer Männer-Chefcoach kehrte Velepec 2021 als Frauen-Cheftrainer wieder in die Ukraine zurück. Nun seine erste Aufgabe in Deutschland. Dabei stets im Gepäck: Ein simpler Plan. Das DSV-Team sollte selbstbewusster auftreten – insbesondere am Schießstand.

„Wir müssen mehr riskieren, schneller schießen und alles zu 100 Prozent machen, sonst haben wir keine Chance“, stellte Velepec vor seiner Premierensaison als Cheftrainer fest. Das Risikoschießen ließ er unaufhörlich trainieren. Heißt: Nicht großartig nachdenken, sondern schnell abfeuern und dadurch Zeit sparen, im Zweifel lieber einen Fehlschuss in Kauf nehmen. Andere Nationen fabrizieren dies bereits eine ganze Weile, vor allem die Norweger um Johannes Thingnes Bö.

Ein Ex-Langläufer macht die Biathleten schneller

Ein weiterer Erfolgsfaktor: Der neue Co-Trainer Jens Filbrich, der Velepec tatkräftig unterstützt. In erster Linie konzentriert sich ehemalige Langläufer auf den Laufpart - und auch das zahlt sich bereits aus. Doll, Nawrath, Horn und Johannes Kühn mischen regelmäßig unter den Schnellsten in der Loipe mit, können der Konkurrenz bei allen Witterungsbedingungen auf Augenhöhe begegnen.

„Fips hat viel Zeit investiert und unsere Trainingsdaten analysiert und geschaut, wo wir noch Reserven haben“, sagte Philipp Horn. Diese hat Filbrich offenbar gefunden. „Dazu passt er menschlich ins Team“, ergänzte Horn. „Ich finde es gut, wenn mich jemand mitnimmt. Und gerade an Tagen, wenn das Wetter schlecht ist oder man sich nicht so fühlt. Dann steht er da und sagt: ‚Komm, heute geben wir richtig Gas!‘“

Auch Doll, der als Sechster im Gesamtweltcup bester Nicht-Norweger ist, schwärmte in höchsten Tönen: „Der Jens hat sehr, sehr viel Energie und bringt viel Motivation mit rein. Diese akribische Arbeit, die steckt einen an.“ Filbrich selbst berichtete, sehr gut aufgenommen worden zu sein: „Man hat gleich gemerkt, wenn wir gemeinsam die neue Richtung einschlagen, dass da etwas entsteht.“ Hinzu kommt, dass sich der 44-jährige Filbrich viel vom deutlich erfahreneren Velepec abschauen kann.

„Der Uros sagt immer: ‚Ruhe ausstrahlen, gelassen sein, und dann läuft der Laden‘“, erklärte Filbrich umittelbar vor dem Wochenende in Oberhof. „Das habe ich versucht zu übernehmen, und bisher ist mir das ganz gut gelungen.“ Zudem teilen beide eine positive Denkweise. „Wenn wir das gemeinsam ausstrahlen, dann färbt sich das auch auf die Athleten ab. Deswegen waren wir auch vor der Saison so selbstbewusst“, sagte der ehemalige Langläufer.

Bitterling: „War ein extrem langer Weg“

Wie DSV-Sportdirektor Felix Bitterling bekräftigte, gehören neben Velepec und Filbrich gar noch zwei weitere Trainer zum Ursprung des aktuellen Höhenflugs - Kristian Mehringer (Damen-Cheftrainer) und Sverre Olsbu Roiseland (Co-Trainer der Damen). „Sie sitzen oft zusammen, diskutieren Dinge und fragen einander um Rat. Deswegen haben wir eine super Stimmung. Ich kann nur sagen: Als ich das letzte Jahr angefangen haben, war das noch nicht so“, blickte der 46-Jährige zurück.

Bitterling ergänzte: „Es war ein extrem langer Weg, weil man immer wieder Sachen wiederholen muss. Das ist uns aber im Sommer gut gelungen. Jetzt ernten wir die Früchte davon.“ In der Tat: Neben den vier Siegen haben die Männer noch drei weitere Podestplätze geholt – das sind schon jetzt zwei mehr als in der kompletten Vorsaison. Ab Donnerstag gibt es dann beim nächsten Heimweltcup in Ruhpolding eine weitere Möglichkeit, diese Ausbeute zu verbessern.