Magdalena Neuner war erleichtert, als diese WM vorbei war. Und in gewisser Weise auch darüber, dass der ganz große Erfolg ausgeblieben war.
Biathlon: Magdalena Neuners größter Tiefpunkt und seine Folgen
Magdalena Neuners größter Tiefpunkt
„Wäre es weiter bergauf gegangen, hätte die Öffentlichkeit immer mehr erwartet von mir“, sinnierte Neuner nach dem Ende der Biathlon-WM 2009 in Pyeongchang vor 15 Jahren in einem Interview mit der Abendzeitung: „Gut, dass die Menschen sehen, dass es nicht selbstverständlich ist, dass ich bei jeder WM drei Titel abräume.“
Die damalige Weltmeisterschaft und der Weg dorthin war für Neuner ein großes Frusterlebnis, nicht nur aus sportlichen Gründen. Es war das erste und einzige Mal nach ihrem Aufstieg zum Superstar des deutschen Biathlon, dass sie ein Großereignis ohne Goldmedaille beendete.
Am Ende ging die heute 37-Jährige gestärkt aus ihrem schwächsten Winter hervor - sportlich wie persönlich.
Magdalena Neuner erlebte im WM-Winter 2009 ihre größte Krise
Zur Erinnerung: Neuners Stern war 2007 mit drei Goldmedaillen bei der WM in Antholz aufgegangen, eine Leistung, die sie 2008 mit drei weiteren WM-Siegen in Östersund und dem Triumph im Gesamtweltcup bestätigte.
Der Winter 2008/09 war dagegen früh von schlechten Vorzeichen überlagert: Eine bakterielle Infektion und andere Erkrankungen beeinträchtigten ihre Saisonvorbereitung, Neuners Kondition - vor allem bei den frühen Erfolgen ihr großer Trumpf - war nachhaltig geschwächt.
„Gold-Lena“ erreichte nicht dieselbe Form wie in den beiden Vorjahren - und nach eigener Einschätzung spielten dabei auch die Schattenseiten des großen Hypes um ihre Person eine Rolle.
„Meine Seele hat gelitten“
„Meine Psyche, meine Seele hat gelitten in dieser Zeit“, sagte Neuner damals: „Irgendwie hat sich viel aufgestaut und kam dann eben heraus in Form von Krankheiten. Immer wenn ich mich gestresst gefühlt habe, bin ich krank geworden. Ich denke, ich habe mir zu viel zugemutet, vielleicht den ein oder anderen Termin zu viel gemacht.“
Die Bedingungen bei der atmosphärisch kühlen WM in der Olympia-Stadt von 2018 halfen nicht, Neuner aus ihrer Sinnkrise zu holen.
Schon das Hotelzimmer sei „dermaßen dreckig“, dass sie und Teamkollegin Kathrin Hitzer zwei Stunden mit Putzen verbracht hätten: „Zwei Stunden, alles desinfiziert mit Sagrotan. Wir sind nicht heikel, aber das war echt krass.“
Die Strecke habe die schlechten Eindrücke bestätigt: „Miserabel präpariert, dazu keine Zuschauer. Ich habe mir dauernd gedacht: Bin ich hier falsch? Ist das eine WM oder eine Vereinsmeisterschaft?“
Kati Wilhelm trumpft an Neuners Stelle auf
Neuner kam nicht in den Flow, auch wegen neuer Erkältungsbeschwerden. Sie verpasste in allen Einzelwettbewerben das Podest - zum deutschen Star der WM wurde stattdessen Kati Wilhelm: Die hochmotivierte Veteranin setzte ihr Ziel, allen nochmal ihre Klasse zu zeigen, mit Gold in Sprint und Einzel erfolgreich um.
Ein gemeinsames Staffel-Silber mit Wilhelm, Martina Beck und Andrea Henkel - heute vor 15 Jahren - war für Neuner noch ein halbwegs versöhnlicher Abschluss, der Neuner trotzdem nicht mit dieser WM versöhnte: „Ich war noch nie so froh, eine WM wie jetzt in Pyeongchang hinter mir zu haben. Im Flieger nach Hause haben wir alle gesagt: Gott sei Dank, dass wir weg sind aus Korea. Es hat allen gereicht.“
Für Neuner war der Desaster-Winter letztlich trotzdem eine lehrreiche Erfahrung: Sie habe „unheimlich viel gelernt“, sagte sie schon unmittelbar nach der WM. Unter anderem setzte sie sich zum Ziel, fortan mehr auf ihren Körper zu hören, Auszeiten zu nehmen, ihre Medien- und Sponsorentermine aufs Nötigste zu reduzieren („Am liebsten würde ich gar nix machen“).
Neuners Rückbesinnung zahlte sich aus
Die Rückbesinnung zahlte sich aus, Neuner fand im Olympia-Winter 2010 zu ihrer Top-Form zurück (zwei Goldmedaillen), bei den folgenden beiden Weltmeisterschaften in Chanty-Mansijsk und Ruhpolding kamen sechs weitere WM-Triumphe hinzu.
Neuners Konsequenz, was die eigenen Prioritäten angeht, prägte dann auch ihren weiteren Lebensweg: Das frühe Karriere-Ende mit nur 25 Jahren war auch eine Flucht vor dem immer ungeliebten Reisestress und den ungewollten Begleiterscheinungen ihrer Prominenz - Neuner wurde seinerzeit auch Opfer eines Stalkers und einer Morddrohung vor der Ruhpolding-WM.
Nach dem erfolgreichen Heimspiel 2012 zog die heimatverbundene Partenkircherin den Schlussstrich und lebt seitdem zufrieden ein neues Leben, in dem die Familie und ihre mittlerweile drei Kinder im Zentrum stehen.