Ella Halvarsson erlebte ein Wechselbad der Gefühle: Völlig entkräftet rutschte sie über die Ziellinie und übernahm die Führung. Anderthalb Zeigerumdrehungen später wurde sie von der späteren Einzel-Siegerin Julia Simon wieder von Platz eins verdrängt. Und nur Sekunden danach die Gewissheit, dass es doch für eine Medaille reichen würde, weil die restliche Konkurrenz patzte. Dann musste es einfach raus. Ganz allein vor tausenden Zuschauern auf der Tribüne in Lenzerheide stand die Schwedin und vergoss Tränen.
Biathlon-WM: Nach dieser Sensation fließen Tränen
Eine hart erkämpfte Medaille
Tränen der unbändigen Freude natürlich. „Es ist ein Wahnsinnsgefühl, wahrscheinlich der schönste Tag meines Lebens“, sagte Halvarsson im Pressezentrum, ohne eine Sekunde zu zögern: „Ich konnte es im Ziel gar nicht fassen und weiß jetzt immer noch nicht, was hier los ist. Eine Medaille. Bei der WM. Unglaublich.“ Die später gestarteten Elvira Öberg, Franziska Preuß und Justine Braisaz-Bouchet leisteten sich entscheidende Fehler am Schießstand. So wurde die 25-Jährige am Ende Zweite, sie verdrängte Lou Jeanmonnot noch hauchdünn auf Rang drei. Die schwedische Boulevardzeitung Aftonbladet sprach gar von einer „Sensation“.
Tränen auch beim Coach
Nicht zu Unrecht. Denn für die 25-Jährige war es immerhin der mit Abstand größte Erfolg ihrer Karriere. 20 kleine Scheiben, 20 präzise Treffer - das schaffte in diesem Rennen kaum eine andere Athletin. Schuss für Schuss arbeitete sie sich vor, letztlich hieß die Belohnung: Silber. Bei der ersten WM-Teilnahme nahm Halvarsson gleich die erste Medaille entgegen, daher bekam sie unmittelbar vor der eigentlichen Siegerehrung von ihrer gesamten Mannschaft Sonder-Ovationen. Im Kreis standen Teamkolleginnen und Betreuer, einer Ansprache folgte lauter Applaus und viel Abklatschen.
Selbst Johannes Lukas, Cheftrainer der schwedischen Auswahl, wurde emotional, als bei Halvarsson die ersten Tränen bereits getrocknet waren. „Das ist ein ganz besonderer Moment“, erklärte der Deutsche mit funkelnden Augen im Interview mit schwedischen Medien. Seine Message: Das war keine Medaille mit Ansage. Es war eine Medaille, die härter erkämpft wurde als viele andere. Eine Medaille, für die viele Steine aus dem Weg geräumt werden mussten. Niemand weiß das besser als die Athletin und ihr Trainer.
Halvarsson von Verletzung ausgebremst
Aber der Reihe nach. Dass Halvarsson über vielversprechende Anlagen verfügt, war schon länger klar. Bei den Junioren-Weltmeisterschaften 2018 gewann sie an der Seite von Elvira Öberg auf Anhieb Staffel-Gold, zwei Jahre später startete sie dann mit beachtlichen Ergebnissen in den zweitklassigen IBU-Cup. Doch ganz nach oben, in den Weltcup, sollte es vorerst nicht gehen. Ganz im Gegenteil: Ihre Biathlon-Karriere geriet plötzlich ins Stocken, schwierige Zeiten brachen an.
Während Öberg, ihre frühere Weggefährtin, seit 2019 fester Bestandteil des schwedischen Eliteteams ist, verweilte Halvarsson auch im Winter 2022/23 im IBU-Cup. Einige sechste Plätze waren dabei, dazwischen befanden sich 32., 38. oder 66. Ränge. So musste sie sich bis März 2023 gedulden, ehe sie beim Saisonfinale in Oslo ihr langersehntes Weltcup-Debüt feierte. Die erste Ausbeute jedoch: durchwachsen. Im Einzel kam sie als 33. über die Ziellinie, im Sprint nur als 58.
Viel schlimmer aber war, was sie danach aus der Bahn warf. Immer wieder Krankheiten. Und ein schwerer Radunfall, bei dem sie sich das Kahnbein der linken Hand und den rechten Zeigefinger brach. Gerade für eine Biathletin eine heftige Verletzung, die nicht zuletzt sowohl das Laufen als auch das Schießen unmöglich macht. „Ich habe trainiert, was ich konnte, also viel Radfahren und Treppensteigen. Es war ein sehr langweiliges Training“, erinnerte sich Halvarsson an komplizierte Monate, „aber ich habe getan, was möglich war.“
„Ich konnte nichts selbst machen“
Aber nicht nur im normalen Training, auch im Alltag hatte Halvarsson in der Folge arge Schwierigkeiten. Fast sogar noch größere, wie sie offenbarte. „Ich brauchte für alles Hilfe. Ich konnte kaum mein Besteck halten, brauchte Hilfe beim Essen und anfangs auch beim Anziehen. Ich konnte nichts selbst machen, das war wahrscheinlich das Schlimmste. Es ist einfach ein schreckliches Gefühl, so hilflos zu sein, oder wie auch immer man es ausdrücken will“, erklärte die nun frischgebackene Vizeweltmeisterin.
Die Konsequenz der längeren Zwangspause: In der Saison 2023/24 ging es wieder einen Schritt zurück in den IBU-Cup. Raus aus dem Rampenlicht, zurück in die zweite Liga. Dort fuhr sie einen dritten Platz ein, so richtig platzte der Knoten aber erst in der Vorbereitung auf den aktuellen Winter. Schließlich deutete sie da bereits an, was sich wenig später im Weltcup zeigte: Halvarsson, endlich wieder fit und frei von gesundheitlichen Problemen, machte wie aus dem Nichts einen gewaltigen Sprung und war schlagartig auf Augenhöhe mit den besten Schwedinnen.
Beim Saisonauftakt in Kontiolahti sollte ihr Stern endgültig aufgehen. Gemeinsam mit Sebastian Samuelsson gewann sie die Single-Mixed-Staffel, im Einzel wurde Halvarsson Zweite. Dem gleichen Format, in dem sie auch in Lenzerheide auftrumpfte. Dass die Newcomerin zu diesem Zeitpunkt erst zwei Weltcup-Starts auf dem Konto hatte, trieb ihr schon damals die Tränen in die Augen. „Die Freude ist riesig“, sagte Halvarsson dem schwedischen Fernsehsender SVT. „Es übertrifft alles, was ich mir hätte vorstellen können. Es ist wie ein Traum.“
Mysterium um Halvarsson gelöst?
Weitere Podestplätze blieben Halvarsson bis zur WM zwar verwehrt. Dennoch gehört sie inzwischen fest zur erweiterten Weltspitze. Im Gesamtweltcup liegt sie auf Rang zwölf - und das trotz einer kleinen Kuriosität, über die Arnd Peiffer und Erik Lesser im Podcast „Das Biathlon-Doppelzimmer“ schon das eine oder andere Mal sprachen. Den ehemaligen Spitzenathleten fiel auf, dass die Schwedin immer mit extrem großen Skistöcken unterwegs war und wunderten sich, wie sie damit überhaupt zurechtkommt. Darauf angesprochen, reagierte Halvarsson überrascht.
„Oh, darüber habe ich mir noch nie Gedanken gemacht“, antwortete die 25-Jährige. Einmal sei Halvarsson mit zu kleinen Stöcken gelaufen, da habe sie einfach zum aktuellen Material gegriffen und sich gar keine großen Gedanken mehr darüber gemacht. „Vielleicht haben die beiden ja recht“, lachte sie. Jedenfalls wüsste sie dann, an welchen Stellschrauben sie noch drehen kann, um solche Erfolge wie am Dienstag zu wiederholen. So würde die „sensationelle“ Silbermedaille womöglich kein Einzelfall bleiben.